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Veröffentlicht am 04.07.2024

Reise in die Vergangenheit

Die Sache mit Rachel
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Als Rachel auf James trifft, ist es 2010, sie ist 21, Studentin und Irland in der Rezession. Schnell werden sie Freunde, ziehen zusammen und erleben ein Jahr, das durchdrungen ist von Höhen und Tiefen. ...

Als Rachel auf James trifft, ist es 2010, sie ist 21, Studentin und Irland in der Rezession. Schnell werden sie Freunde, ziehen zusammen und erleben ein Jahr, das durchdrungen ist von Höhen und Tiefen. Da ist Dr. Byrne, Rachels Dozent, der sich in das Leben der beiden drängt und da ist Carey, der vor allem Rachels auf den Kopf stellt und da ist die Angst vor der Zukunft, die in Irland nicht vorhanden zu sein scheint.
Caroline O’Donoghues „Die Sache mit Rachel“ hat mich überrascht. Ich habe unvoreingenommen mit dem Lesen begonnen und wurde schnell in die Geschichte gezogen, was nicht zuletzt an Rachel lag, mit der sich mein 20 jähriges Ich sehr identifizieren konnte. Zudem nimmt sie als Erzählerin kein Blatt vor den Mund. Durch James und ihre besondere Freundschaft fühlt es sich oft an wie eine Sitcom aus dem 2000er, aber Themen wie Abtreibung, Identitätsfindung in schwierigen Zeiten und natürlich die Liebe, die in vielerlei Gestalt - gleichgeschlechtlich, platonisch, unglücklich, herzerwärmend - daherkommt, stehen im Mittelpunkt.
Anfangs habe ich gebraucht, um hineinzufinden, da Rachel ihre Geschichte aus der Rückschau erzählt und das gerade zu Beginn etwas sprunghaft ist, doch das gibt sich schnell. Sprachlich fand ich es auch sehr gut, gezielt platzierte Metaphern haben mich immer wieder mit dem Kopf nicken lassen. Das Ende mochte ich ebenfalls, obwohl der Weg dorthin einige Längen hatte, da die letzten Jahre irgendwie untergebracht werden wollten.
Ein Wermutstropfen ist, dass es zwar eine Protagonistin gibt, aber sich ihr ganzes Leben nur um Männer zu drehen scheint. Andere Frauen und die Freundschaft zu ihnen kommen zu kurz. Allerdings muss ich gestehen, dass ich diese Zeit damals genauso in Erinnerung habe und schiebe das daher auf die Authentizität.
Ein unterhaltsamer Roman, der die wichtigen Themen im Leben nicht außer Acht lässt.

Veröffentlicht am 16.05.2024

Leider kein Erfolg

Das Gegenteil von Erfolg
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Es ist ein wichtiger Tag für Lorrie. Die zweifache Mutter hat morgens ein Gespräch wegen einer Beförderung und abends ein großes Event, das ihr berufliches Baby ist. Ihre beste Freundin Alex, die daran ...

Es ist ein wichtiger Tag für Lorrie. Die zweifache Mutter hat morgens ein Gespräch wegen einer Beförderung und abends ein großes Event, das ihr berufliches Baby ist. Ihre beste Freundin Alex, die daran zwar auch teilnehmen will, hat momentan aber anderes im Sinn. Sie ist zwischen Lorries Ex und seine Frau Zoe geraten und weiß nicht, wie sie mit ihren Gefühlen zu Zoe umgehen soll.
„Das Gegenteil von Erfolg“ ist Eleanor Elliott Thomas’ Debüt und das merkt man leider auch. Richtig abholen konnte es mich nicht. Alle Figuren, besonders Lorrie sind absolut überspitzt dargestellt und immer wenn ich dachte, ich könnte irgendwie relaten, wurde es wieder übertrieben. Zudem wirkt es so als habe Eleanor Elliot Thomas versucht alles in den Roman zu packen, was ihr im Kopf umging: Liebe, Feminismus, Umweltschutz, Kapitalismus, Betrug, Essstörung. Das führt dazu, dass an allem nur vorbeigehuscht wird.
Eigentlich spielt das Buch an einem Tag, doch mit den unzählige, teilweise sehr weit ausholenden Rückblenden, die mich immer wieder aus der Geschichte gerissen haben, wurde versucht alles zu erklären. Vieles ist sehr stark ausgeschmückt und toterzählt. ‚Kill your Darlings’ ist mir nicht nur einmal in den Sinn gekommen. Und als Kirsche auf der Sahne fühle ich mich als Leserin an der Nase herumgeführt, denn in einer Rückblende wird etwas erzählt, was sich beim großen Finale als ganz anders darstellt. Ich meine zu verstehen, warum das gemacht wurde, aber es war unnötig. Diese Information zu einem früheren Zeitpunkt hätte nichts am Spannungsbogen geändert.
Trotzdem habe ich das Buch zu Ende gelesen, oft quer, aber immerhin, weil es Lichtblicke hatte, die mich auflachen ließen, und ich kann mir den Roman gut als Film oder Miniserie vorstellen.

Veröffentlicht am 16.05.2024

Schnörkellos und poetisch zugleich

Die Tage des Wals
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Manod lebt 1938 auf einer walisischen Insel. Sie ist gerade mit der Schule fertig und kümmert sich um ihre jüngere Schwester Llinos und um den Haushalt, während ihr Vater als Fischer arbeitet. Sie hat ...

Manod lebt 1938 auf einer walisischen Insel. Sie ist gerade mit der Schule fertig und kümmert sich um ihre jüngere Schwester Llinos und um den Haushalt, während ihr Vater als Fischer arbeitet. Sie hat sich an das harte Leben fernab vom Festland angepasst, macht das beste daraus. Als ein Wal strandet, scheint es ein schlechtes Omen zu sein, denn kurz darauf tauchen die Engländerinnen Joan und Edward auf. Diese wollen ein Buch über die Inselbewohnerinnen schreiben, wozu sie Manods Hilfe in Anspruch nehmen und ihr eine Welt zeigen, die ganz anders ist als das karge Leben, das sie bis jetzt geführt hat.
„Die Tage des Wals“ von Elizabeth O’Connor ist ein besonderer Roman. Zugegeben, nach dem Klappentext habe ich etwas anderes erwartet, dann aber schnell in die Geschichte um Manod gefunden. Sie ist die Ich-Erzählerin und mir direkt ans Herz gewachsen mit ihren Beobachtungen, die schnörkellos und klar sind, denen aber trotzdem eine gewisse Poesie innewohnt. Ich kann ihre Sehnsucht nach einem emanzipierten, vielleicht auch weniger harten Leben verstehen. Sie ist intelligent, pragmatisch und verantwortungsbewusst. Und wird von Joan und Edward ausgenutzt, ohne es zu merken. Im Grunde werden alle Bewohnerinnen ausgenutzt, ihrer Geschichte und Traditionen bestohlen, um sie zu verdrehen und Geld damit zu verdienen. So wie es tatsächlich auch passiert ist.
Als Leser
in merkt man schnell, dass Joan und Edward nicht das Beste im Sinn haben, dennoch hofft man für Manod auf ein gutes Ende. Elizabeth O’Connor hat einen eindrücklichen Stil, durch den die geübte Dichterin schimmert und der viel Raum für eigene Gedanken lässt. Die unterschiedlichen Längen der Kapitel scheinen die Unbeständigkeit des Meeres widerzuspiegeln und nahmen mich ein, in ihrer Wellenbewegung.
„Die Tage des Wals“ ist ein gelungenes Debüt, das die Leserschaft auf eine Insel führt, die alles andere als romantisch ist.

Veröffentlicht am 26.04.2024

Ein absolutes Muss!

Und alle so still
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Die Frauen legen sich hin, auf die Straße, vor Krankenhäuser, Kindergärten, und stehen nicht mehr auf. Sie hören auf mit der Carearbeit, mit den selbstverständlich von Frauen ausgeführten Tätigkeiten, ...

Die Frauen legen sich hin, auf die Straße, vor Krankenhäuser, Kindergärten, und stehen nicht mehr auf. Sie hören auf mit der Carearbeit, mit den selbstverständlich von Frauen ausgeführten Tätigkeiten, ohne laut zu werden oder Forderungen zu stellen - einfach, weil sie nicht mehr können.
So lernt Elin ihre Großmutter kennen und erfährt zum ersten Mal Solidarität unter Frauen. Ihre Tante Ruth wäre gern dabei, würde sich am liebsten dazulegen, aber als Pflegefachkraft im Krankenhaus wird sie nun noch mehr gebraucht als vorher, um das kollabierende System irgendwie aufrecht zu erhalten, und ohne Rücksicht auf sich selbst. Und da ist Nuri, gefangen am Existenzminimum und unter der toxischen Männlichkeit leidend, stellt er sich als Mann hinter die Frauen.
Mareike Fallwickl hat mit „Und alle so still“ den Roman unserer Zeit geschrieben. Sie drückt auf die blauen Flecken, die den Frauen immer wieder zugefügt werden, durch Druck, durch Erwartung, durch Gewalt. Sie schreibt über die Themen, die wenig Öffentlichkeit bekommen oder einfach nicht berücksichtigt werden; die abgewunken und mundtot gemacht werden, weil es doch läuft.
Mit „Die Wut, die bleibt“ hat sie 2022 einen famosen Auftakt geliefert, „Und alle so still“ ist die Ergänzung. Die beiden Romane greifen ineinander, bestehen aber auch eigenständig. Und es ist bemerkenswert, wie sehr sich Mareike Fallwickl von Roman zu Roman steigert. Etwas, was unmöglich scheint, denn ihr Niveau und ihr Handwerk sind bereits on top, wie kann sie da immer noch besser werden? Mit Elin, Ruth und Nuri erzählt sie eine Geschichte, die so tief berührt, dass unweigerlich Tränen fließen, und ist nicht so weit entfernt von unserer Lebensrealität, wie manche glauben mögen.
Mareike Fallwickl ist eine Meisterin der zeitgenössischen Literatur und nicht nur schriftstellerisch ein absolutes Vorbild. Ich hoffe, sie selbst, ihre Worte und ihre Werke, bekommen die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Veröffentlicht am 15.04.2024

Das Früher und das Heute

Leute von früher
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Marlene arbeitet den Sommer über auf der nordfriesischen Insel Strand als Verkäuferin. Dort wird sie in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt, denn im Dorf dürfen die Angestellten nur im ...

Marlene arbeitet den Sommer über auf der nordfriesischen Insel Strand als Verkäuferin. Dort wird sie in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt, denn im Dorf dürfen die Angestellten nur im Kostüm herumlaufen. Alles ist auf alt getrimmt und sie pendelt zwischen früher und heute, so wie durch das Leben nach dem Studium. Als sie Janne kennenlernt, verändert sich ihre Sicht auf sich selbst und auf die Liebe, doch dann merkt sie, dass Strand keine normale Insel ist.
„Leute von Früher“ von Kristin Höller hat mich absolut begeistert. Anfangs, wenn Marlene von der Fähre steigt, ahnt man noch nichts von der Sogwirkung, die sich ganz schnell einstellt und die einen auf Strand festhält. Dabei fällt es mir schwer, genau zu benennen, woran es liegt. Vielleicht an der Gradlinigkeit von Kristina Höllers Erzählstil; vielleicht an Marlene selbst, die Ecken und Kanten hat und dadurch als Figur so rund ist; vielleicht, weil gleichzeitig so viel und so wenig passiert. Marlene ist in einer Zwischenphase des Lebens und flüchtet, was nur halb gelingt. Sie meint zu wissen, wer sie ist, erkennt aber schnell, dass es nicht so ist. Nämlich als Janne in ihr Leben tritt, womit sich eine Liebesgeschichte entspinnt, die zart ist und doch solide scheint. Liebe spielt eine große Rolle und Beziehungen, in ihren unterschiedlichsten Formen, aber auch die Frage nach dem eigenen Leben, nach den eigenen Wünschen. Das alles steht zwischen den Zeilen, trägt Marlene in sich, schwingt ganz nebenbei mit, zusätzlich zu der vordergründigen Geschichte mit Janne.
Dann kam das Ende und wie bei offenen Enden habe ich erst gestutzt und dann erkannt, dass es einfach perfekt ist. Kristina Höllers Stil ist besonders, nicht poetisch, aber unheimlich nahbar. Er ist klar und enthält doch Raum für Interpretation.
Ein wirklich toller Roman von einer Autorin, die ich zukünftig im Blick behalten werde.