Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
0

“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...

“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2025

Die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Möglichkeiten, die ein Lebe bietet

Rückkehr nach Budapest
0

Als ich dieses Buch las, dachte ich oft an Menschen, die diese Zeit so intensiv miterlebt haben wie die Protagonisten in diesem Roman. Ich konnte mir bereits gut vorstellen, wie es war. Muss also für „Zeitzeugen“ ...

Als ich dieses Buch las, dachte ich oft an Menschen, die diese Zeit so intensiv miterlebt haben wie die Protagonisten in diesem Roman. Ich konnte mir bereits gut vorstellen, wie es war. Muss also für „Zeitzeugen“ noch toller sein, als öffnete man eine alte Schachtel voller Sommererinnerungen – nach Sonne duftend, bittersüß, ein wenig verblichen. Nikoletta Kiss gelingt es mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, mich in eine vergangene Welt zu entführen, die für mich so ganz fremd war.
Es ist due Geschichte von Márta, die in den Wirren der Vorwendezeit zwischen Budapest und Ost-Berlin nach ihrem Platz sucht.Besonders die Schilderungen der Sommer am Balaton – dieser endlosen, magischen Tage, an denen die Zeit stillzustehen schien, bleiben mir in Erinnerung. Kiss beschreibt mit einer solchen Präzision, wie Márta und ihre Cousine Theresa zwischen Maisfeldern und Seeufer ihre Kindheit und Freundschaft leben, dass ich den heißen Teer unter den Schuhen und den Geruch von Sonnencreme förmlich spüren konnte.
Doch was dieses Buch so besonders macht, ist nicht nur die Nostalgie, sondern auch die historische Tiefe, mit der Kiss das Leben in den 1980er Jahren einfängt. Die politischen Spannungen, die Enge und Freiheit des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang, die rebellische Kunstszene in Ost-Berlin – all das wird lebendig erzählt.
Die Figuren sind allesamt komplex und ambivalent. Márta, die Erzählerin, erscheint oft unsicher und nachdenklich, immer im Schatten ihrer extrovertierten Cousine Theresa. Doch gerade diese Verletzlichkeit macht sie so nahbar. Der Verrat, der im Zentrum der Geschichte steht, wirft viele Fragen auf: Wie viel Verantwortung tragen wir für die Entscheidungen unserer Vergangenheit? Können alte Wunden je wirklich heilen?
Toll erzählt ist der Roman, die Autorin verwebt die Schicksale der Figuren kunstvoll miteinander, während sie die Themen Schuld, Loyalität und Selbstfindung aufgreift.
Super Buch, kann ich sehr empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.01.2025

Ferien in Frankreich, anders als erhofft.

Drei Wochen im August
0

In Drei Wochen im August entfaltet Nina Bußmann ein vielschichtiges psychologisches Drama, das vor allem durch die subtilen literarischen Mittel und die komplexe Figurenzeichnung überzeugt. Der Roman spielt ...

In Drei Wochen im August entfaltet Nina Bußmann ein vielschichtiges psychologisches Drama, das vor allem durch die subtilen literarischen Mittel und die komplexe Figurenzeichnung überzeugt. Der Roman spielt in einem abgelegenen Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, einem Ort, der von Naturkatastrophen, Konflikten und ungelösten Spannungen durchzogen ist. Doch das eigentliche Drama geschieht im Inneren der Figuren und in den unausgesprochenen Worten zwischen ihnen.
Bußmanns Sprache ist präzise, oft nüchtern, dabei aber voller doppelter Böden. Die narrative Struktur wechselt zwischen den Perspektiven von Elena, der Mutter, und Eve, der Babysitterin. Dieser Perspektivwechsel ist mehr als ein erzählerisches Stilmittel: Er erlaubt es, die Dynamik zwischen den Figuren aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und ihre Wahrnehmungen gegeneinander abzuwägen. Dabei wird deutlich, wie sehr beide Frauen – auf ihre Weise – von Unsicherheiten und unausgesprochenen Bedürfnissen geprägt sind.
Die Kürze und Fragmentierung der Kapitel spiegelt das zerrüttete Innenleben der Figuren und die Atmosphäre der latenten Bedrohung wider. Einige Kapitel sind nur wenige Zeilen lang, wirken wie ein Gedanke, der auf halbem Weg abbricht – ein Stilmittel, das die Unruhe und das Unausgesprochene unterstreicht.
Das Setting ist ein weiterer zentraler Bestandteil des Romans. Die sommerliche Hitze, die sich auf die Figuren legt, die Waldbrände, die sich unaufhaltsam nähern, und das Meer, das gleichermaßen bedrohlich und faszinierend wirkt, schaffen eine bedrückende Atmosphäre. Bußmann nutzt die Natur als Spiegel für die inneren Spannungen der Figuren. Das Meer, das sich erst zurückzieht und dann plötzlich mit Gewalt wiederkommt, könnte kaum passender als Metapher für die unvorhersehbaren emotionalen Strömungen der Figuren gewählt sein.
Ein zentrales Thema des Romans ist die Unfähigkeit zur Kommunikation. Die Figuren leben nebeneinander her wie auf Inseln – isoliert, unfähig, Brücken zu schlagen. Diese Isolation zeigt sich besonders in der Beziehung zwischen Elena und Eve: Während Elena Eve als Vertraute und Hilfe wahrnimmt, erlebt Eve die Beziehung distanzierter und konkurriert heimlich um die Zuneigung von Elenas Kindern. Die Konflikte bleiben meist unausgesprochen, was ihre destruktive Kraft nur verstärkt.
Gleichzeitig dekonstruiert der Roman traditionelle Rollenbilder. Ohne sie explizit zu problematisieren, zeigt Bußmann Figuren, die sich außerhalb heteronormativer Muster bewegen und deren Beziehungen durch eine stille, subversive Kraft geprägt sind.
Ich habe den Roman gerne gelesen, ist aber eventuell nicht für jeden was. Denn einige Passagen wirken etwas überladen, fast als wolle der Text zu viel auf einmal vermitteln. Dies führt gelegentlich dazu, dass der Lesefluss ins Stocken gerät. Zudem bleiben manche Handlungsstränge oder Aussagen der Figuren bewusst offen, was zwar den Reiz des Textes erhöht, aber auch das Gefühl hinterlässt, dass nicht alle Fragen geklärt werden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2025

Fataler Ort: Rolltreppe

Munk
0

Die Geschwindigkeit einer Rolltreppe liegt bei 1,8 bis 2,7 km/h und ist somit nicht sonderlich schnell. Noch blöder, wenn einem ausgerechnet hier mit knapp über 50 Jahren in einem Kaufhaus das Herz stehen ...

Die Geschwindigkeit einer Rolltreppe liegt bei 1,8 bis 2,7 km/h und ist somit nicht sonderlich schnell. Noch blöder, wenn einem ausgerechnet hier mit knapp über 50 Jahren in einem Kaufhaus das Herz stehen bleibt. So ergeht es Munk, Peter Munk. Ein erfolgreicher Architekt, der voll im Leben steht.
Die Geschichte ist aus der männlichen Perspektive erzählt. Ein Mann in den besten Jahren (aus seiner Sicht), der sich durch die alltäglichen und nicht ganz so alltäglichen Herausforderungen seines Lebens kämpft. Nun also Herzinfarkt auf der Rolltreppe und vor seinem inneren Auge begegnet er genau den 13 Frauen erneut mit denen er inning verbunden war.
Wie beispielsweise Nicole, die erste Liebe oder Claudia, seine längste Beziehung und so geht es 13 Mal durch sein Liebensleben, immer mit Erkenntnissen, oft zu spät. Herrlich unterhaltsam, gut zu lesen. Hat Spaß gemacht.
Was mich dabei besonders begeistert hat, ist die feine Beobachtungsgabe des Autors: Er nimmt die kleinen, scheinbar banalen Situationen des Lebens und verleiht ihnen eine absurde, fast komische Tiefe, die einen unweigerlich schmunzeln lässt.
Wie viele Texte von Jan Weiler, unterhaltsam, es sollte keine augenöffneten Erkenntnisse erwartet werden. Ein Mann, ein bewegtes Liebesleben und seine Reflektion darüber.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.01.2025

Verliebt wie 16, aber knapp 50, in einen der 30 ist

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
0

Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen ...

Manchmal stolpert man über einen Buchtitel, der so charmant und witzig ist, dass man einfach zugreifen muss – so ging es mir bei Anika Deckers Roman Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben. Und was soll ich sagen? Es hat SEHR überzeugt.
Die Geschichte dreht sich um Nina, eine fast 50-jährige, geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder, die nach einer kräftezehrenden Scheidung in einer kleinen Wohnung lebt und einen unterbezahlten Job hat. Mitten in dieses Leben voller Herausforderungen platzt plötzlich David, fast 30, jung, charmant und irgendwie ganz anders. Was folgt, ist eine intensive, mitreißende Liebesgeschichte, die nicht nur Ninas Leben, sondern auch ihre gesamte Familie auf den Kopf stellt.
Die Ich-Perspektive von Nina hat mich sofort in ihre Welt hineingezogen. Es war, als würde ich einer guten Freundin lauschen, die mir ihr Herz ausschüttet – ehrlich, humorvoll und oft unglaublich berührend.
Die Kapitel aus den unterschiedlichen Perspektiven (u. a. ihrer Schwester Lena und ihrer Kinder) geben dem Roman eine Vielschichtigkeit in deren immer Nina aus der Ich-Perspektive erzählt, umrahmt von den anderen Stimmen. Man versteht nicht nur Ninas innere Kämpfe, sondern auch die Spannungen und Missverständnisse, die ihre Beziehungen prägen. Dabei wird die Komplexität von Familie und Liebe mit einem warmherzigen, manchmal scharfzüngigen Blick geschildert.
Nina ist eine starke Hauptfigur gepaart mit ihrer Verletzlichkeit, macht sie das so unglaublich menschlich. Ihre Unsicherheiten in der Beziehung mit einem jüngeren Mann, der Druck der gesellschaftlichen Erwartungen und die Herausforderungen, sich selbst treu zu bleiben, wurden toll erzählt. Gleichzeitig ist es großartig, dass sie den Mut hat, noch einmal ganz neu zu lieben – mit all der Intensität und dem Chaos, das dazugehört. Egal was die Konventionen sagen.
Der Schauplatz in der Filmbranche verleiht der Geschichte zusätzlichen Reiz. Decker, die selbst aus dieser Welt kommt, beschreibt die patriarchalen Strukturen und die oft toxische Dynamik so glaubwürdig, dass ich mich mitten in diesem Spannungsfeld wiedergefunden habe.
Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben ist ein Roman, der sich nicht scheut, große Themen wie Liebe, Verlust, Familienbande und Selbstfindung anzupacken – und das auf eine unverschämt unterhaltsame Weise. Ich habe gelacht und mitgefühlt. Besonders der Mix aus scharfem Humor, emotionaler Tiefe und authentischen Figuren macht das Buch zu einem echten Highlight.
Für mich ist es ein Buch, das zeigt, dass Glück und Liebe keine Altersgrenze kennen – und dass wir uns manchmal trauen müssen, das Leben einfach zu genießen. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere