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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.02.2026

Nichts für naive Seelen.

Verheiratete Frauen
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Der gesamte Roman dreht sich um Liebe und Begehren. Die Liebe beginnt meist mit einem Begehren, im Strudel des Alltags wird die Liebe gestärkt und das Begehren flacht ab. Hier in „verheiratete Frauen“ ...

Der gesamte Roman dreht sich um Liebe und Begehren. Die Liebe beginnt meist mit einem Begehren, im Strudel des Alltags wird die Liebe gestärkt und das Begehren flacht ab. Hier in „verheiratete Frauen“ werfen wir ein Blick auf drei sehr unterschiedliche Frauen. Drei verschiedenen Ansatzpunkte, drei verschiedene Bedürfnismuster und auch jede mit einer so eigenen Geschichte.
“Lust, Sex, Orgasmus, das ist alles egal. Oder nicht egal, aber zweitrangig. Sie will nur die Hände eines anderen Mannes in ihrem Haar spüren, in ihrem Nacken, auf ihrem Rücken ... Nur die warme Umarmung eines Mannes, der sie begehrt und der nicht ihr Ehemann ist. Ein einziges Mal.” (S 312)
Wunderbar schreibt Cristina Campos über die tiefsten Bedürfnisse und Zerwürfnisse, die Frauen in ihren Ehen und Ehebrüchen umtreibt. Und immer sind sie der Halt in der Brandung: Die Freundinnen. Männer gehen und kommen und wer bleibt: die treuen Gefährtinnen an unserer Seite. Auch eine Art der Liebe und eine Hommage an die Freundschaft.
“Die subtile weibliche Untreue liegt im Detail.” (S. 185)
Loved it from cover to cover – es trifft genau einen Nerv in meinem Alter, auch ich bin seit 20 Jahren mit meinem Partner liiert. Der Roman hinterfragt naive Vorstellungen und Schwarz-Weiß-Muster, die Liebe und Begehren immer als harmonisch und im Einklang darstellten. Der Text hat mir große Freude bereitet.
“Sie bewunderte ihren Mann, sie liebte ihn, aber sie begehrte ihn nicht. Nicht mehr. Und sie wusste nicht, warum.” S 295
Die spanische Autorin Cristian Campos schreibt sinnlich, gut, gelungen. Wie eine sehr ehrliche und intime Einsicht in die Gedanken der Frauen und ihr Liebensleben. Oder sollte ich eher sagen: Liebes- und Begehrtenleben? Das eine kann sich getrennt vom anderen abspielen.
Fun-Fakt: Alle Paare beginnen mit dem gleichen Buchstaben wie Gabriela und German, Silvia und Silva, Pablo und Pia usw…Das macht das Zuordnen so viel einfacher und hilft dem Lesefluss.
Lesen, weil Frauen sehr komplexe Wesen sind und die Liebe keine lineare Funktion.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Zwischen Sorge und Hoffnung: „Emily Forever“ von Maria Navarro Skaranger

Emily Forever
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Manchmal reicht ein einziges „Nein“ – oder in Emilys Fall ein einzelnes „Ja, ich bin schwanger“ –, um eine ganze Welt ins Wanken zu bringen. Emily ist neunzehn, schwanger und auf sich allein gestellt. ...

Manchmal reicht ein einziges „Nein“ – oder in Emilys Fall ein einzelnes „Ja, ich bin schwanger“ –, um eine ganze Welt ins Wanken zu bringen. Emily ist neunzehn, schwanger und auf sich allein gestellt. Ihr Freund Pablo ist mehr ein Geist als ein Partner, nur sporadisch über das Handy zu erreichen, und die Unsicherheit darüber, wie er überhaupt zu seinem Kind stehen wird, lastet schwer auf ihr. In dieser prekären Lage zieht Emilys Mutter in ihre winzige Wohnung, will helfen, doch ihre ständigen Zweifel und Erwartungen wirken manchmal schwerer als jede Last, die Emily ohnehin schon trägt.
Und dann ist da noch die leise Präsenz der Menschen um sie herum: der Nachbar, der sich fragt, ob man sich in jemanden verlieben darf, den man kaum kennt, oder der Chef im Supermarkt, der unsicher zwischen Sorge und eigener Zuneigung schwankt. Skaranger zeichnet diese Figuren mit zartem Humor, aber auch mit spürbarer Empathie – jeder Versuch, Emily zu helfen, ist so menschlich wie unvollkommen.
Der Roman arbeitet mit einem ungewöhnlichen Erzählton: Alles wird aus einer gewissen Distanz beschrieben, fast wie ein Beobachter, der das Innenleben Emilys spürt, ohne vollständig darin aufzugehen. Anfangs befremdlich, später faszinierend – man merkt, dass genau diese Mischung aus Nähe und Abstand den Kern der Geschichte ausmacht. Emily wirkt stark, mutig und trotz aller Widrigkeiten kämpferisch, doch die Unsicherheiten ihres jungen Alters machen sie verletzlich und nahbar.
„Emily Forever“ ist keine Geschichte mit klaren Antworten. Armut, Klassenscham, gesellschaftliche Erwartungen und die Suche nach Solidarität verweben sich zu einem bewegenden Ganzen. Skaranger verzichtet auf kitschige Lösungen, und gerade das macht die Lektüre so eindringlich. Man lacht, man seufzt, man fiebert – und manchmal bleibt das Herz einfach stehen vor Sorge um diese junge Frau, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes noch nicht greifen kann.
Ein Roman, der lange nachklingt, der das Herz berührt und die Frage aufwirft: Wie viel Unterstützung ist genug, und wie sehr darf man selbst über das Leben eines anderen urteilen?
Fazit: Eine einfühlsame, manchmal bittere, oft humorvolle Geschichte über Mut, Verletzlichkeit und die unerwartete Solidarität, die wir im Alltag finden können. „Emily Forever“ ist ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Ein Nein, das nachhallt – und eine ganze Stadt in Bewegung setzt

Hazel sagt Nein
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Was passiert, wenn man im falschen Moment das einzig Richtige tut? Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross ist genau dieser Roman: einer, der leise beginnt, dann unaufhaltsam Kreise zieht – durch eine ...

Was passiert, wenn man im falschen Moment das einzig Richtige tut? Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross ist genau dieser Roman: einer, der leise beginnt, dann unaufhaltsam Kreise zieht – durch eine Familie, eine Kleinstadt, durch moralische Gewissheiten, die plötzlich brüchig werden.
Die Blums lassen Brooklyn hinter sich und hoffen in Riverburg auf einen Neuanfang. Mehr Platz, weniger Lärm, eine sichere Professur für den Vater, neue Möglichkeiten für die Mutter, ein überschaubares Leben. Doch gleich an Hazels erstem Schultag kippt diese Hoffnung. Der Schulleiter bittet sie ins Büro – und offenbart ein Machtspiel, das so ungeheuerlich wie erschreckend routiniert ist. Hazel sagt Nein. Kein großes Pathos, kein heroischer Monolog. Einfach ein Nein. Und genau darin liegt die Wucht dieses Romans.
Jessica Berger Gross erzählt nicht die Geschichte eines einzelnen Übergriffs, sondern die Geschichte seiner Folgen. Der Fokus verschiebt sich: weg vom Täter, hin zu den Erschütterungen, die sein Handeln auslöst. Hazel wird nicht zur Projektionsfläche eines Skandals gemacht, sondern bleibt eine junge Frau mit Plänen, Ängsten, Zweifeln. Gleichzeitig bekommen auch Mutter, Vater und Bruder ihre eigene Stimme. Diese Perspektivwechsel sind klug gesetzt: Sie zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit Ohnmacht, Wut, Schuldgefühlen und öffentlichem Druck umgehen – und wie wenig kontrollierbar die Dynamiken einer vermeintlich „netten“ Kleinstadt sind.
Der Ton des Romans ist bemerkenswert: ernst, aber nicht erdrückend. Es gibt feinen Humor, absurde Momente, Alltag, der weiterläuft, obwohl nichts mehr ist wie zuvor. Gerade das macht die Geschichte so glaubwürdig. Nicht alles explodiert, nicht alles wird gelöst. Manche Dinge verlaufen im Sande, andere hinterlassen Spuren. Und genau so fühlt sich Realität an.
Hazel sagt Nein ist Bookclub-Fiction im besten Sinne: ein Roman, der Diskussionen provoziert, der Fragen stellt nach Macht, Glauben, Wegsehen – und nach dem Mut, sich selbst treu zu bleiben, auch wenn die Konsequenzen unüberschaubar sind. Kein reißerisches MeToo-Drama, sondern ein vielschichtiges Familienporträt mit gesellschaftlichem Nachhall.
Ein Debüt, das lange im Kopf bleibt. Und ein Nein, das man nicht mehr überhört.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Roh, radikal, unwiderstehlich

Half His Age
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Dieses Buch tut weh. Und genau deshalb ist es so gut.

Half His Age liest sich auf den ersten Blick wie eine Geschichte, die man zu kennen glaubt: junge Schülerin, älterer Lehrer, verbotene Anziehung, ...

Dieses Buch tut weh. Und genau deshalb ist es so gut.

Half His Age liest sich auf den ersten Blick wie eine Geschichte, die man zu kennen glaubt: junge Schülerin, älterer Lehrer, verbotene Anziehung, absehbare Katastrophe. Jennette McCurdy nutzt diese Erwartung – und zerlegt sie Seite für Seite. Was hier entsteht, ist kein Skandalroman, keine provokante Spielerei, schon gar keine Liebesgeschichte. Es ist ein schonungslos ehrlicher Blick auf Begehren, Macht und das verzweifelte Bedürfnis, gesehen zu werden.

Waldo, 17, ist eine Protagonistin, die man nicht vergisst. Sie ist widersprüchlich, klug, verletzlich, manchmal nervig, oft brutal ehrlich – vor allem sich selbst gegenüber. Ihre Gedanken sind roh, ungefiltert, manchmal unangenehm nah. McCurdy schreibt so dicht an Waldos Innenleben, dass man sich als Leserin zeitweise ertappt fühlt: bei Erinnerungen an die eigene Jugend, an Unsicherheiten, an diese gefährliche Mischung aus Größenfantasien und Selbsthass. Waldo will alles – Aufmerksamkeit, Bedeutung, Intensität – und sie weiß selbst nicht einmal genau, warum.

Die Beziehung zu ihrem Lehrer steht im Zentrum, aber sie ist nicht der Kern. Entscheidend ist das Gefälle: emotional, sozial, ökonomisch. McCurdy beschreibt mit erschreckender Präzision, wie Macht wirkt, ohne dass sie laut ausgesprochen werden muss. Wie Abhängigkeit entsteht, wie Projektionen wachsen, wie Verantwortung verschoben wird – und wie leicht eine junge Person sich selbst davon überzeugt, alles unter Kontrolle zu haben, während sie sie längst verloren hat. Nichts daran wird romantisiert, nichts entschuldigt, nichts vereinfacht.

Besonders stark ist der Blick auf Herkunft und Klasse. Waldo bewegt sich durch Konsum, Internet, Körperbilder und Erwartungen wie durch ein Minenfeld. Sie versucht, innere Leere mit Dingen, Fantasien und Beziehungen zu füllen – und scheitert daran immer wieder. Dass der Roman dabei auch Kapitalismus, Leistungsdenken und weibliche Sozialisation mitverhandelt, geschieht leise, aber treffsicher.

Die Sprache ist ein Ereignis für sich: hart, direkt, manchmal vulgär, dann wieder überraschend poetisch. McCurdy schreibt ohne Sicherheitsnetz. Jeder Satz wirkt bewusst gesetzt, nichts wird geglättet, nichts erklärt, um es erträglicher zu machen. Genau daraus entsteht diese enorme Sogwirkung. Ich wollte zwischendurch pausieren – und konnte es nicht.

Was Half His Age so außergewöhnlich macht, ist sein Mut. Der Mut, unangenehme Fragen zu stellen. Der Mut, einer jungen weiblichen Stimme Raum zu geben, ohne sie zu idealisieren oder zu moralisieren. Und der Mut, Leser:innen auszuhalten, die dieses Buch falsch lesen könnten – weil McCurdy ihnen zutraut, genauer hinzusehen.

Am Ende bleibt kein Trost, kein sauberes Fazit. Aber etwas viel Wertvolleres: ein tiefes Unbehagen, das lange nachwirkt. Und die Gewissheit, dass man gerade einen Roman gelesen hat, der wichtiger ist, als er auf den ersten Blick scheint.

Ein intensives, kluges, wütendes Debüt. Kein Wohlfühlbuch. Kein leichtes Buch. Aber ein verdammt gutes.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Ein Wohlfühlbuch

Mathilde und Marie
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Mathilde und Marie ist ein Roman, den man nicht „verschlingt“, sondern in den man sich hineinsetzt – wie auf eine Bank vor einer Buchhandlung, mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich auf Langsamkeit ...

Mathilde und Marie ist ein Roman, den man nicht „verschlingt“, sondern in den man sich hineinsetzt – wie auf eine Bank vor einer Buchhandlung, mit Zeit, Ruhe und der Bereitschaft, sich auf Langsamkeit einzulassen. Torsten Woywod erzählt in seinem ersten eigenen Roman eine sehr persönliche Geschichte, das spürt man auf jeder Seite. Und genau darin liegt zugleich seine Stärke und seine Schwäche.
Die Ausgangssituation ist klassisch, fast märchenhaft: Marie, 26, verlässt Paris überstürzt, innerlich erschöpft, äußerlich orientierungslos. Eine Zugfahrt wird zum Wendepunkt, eine Begegnung zur Einladung in ein anderes Leben. Redu, das reale Bücherdorf in den Ardennen, wirkt wie ein Gegenentwurf zur modernen Welt: wenig Internet, viel Natur, Bücher statt Bildschirme, Menschen statt Profile. Ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann – oder soll.
Woywod entfaltet diese Welt mit großer Liebe. Die Naturbeschreibungen sind detailliert, oft sehr schön, manchmal fast meditativ. Jahreszeiten, Spaziergänge, Licht, Wälder, Hunde – all das trägt zu einer Atmosphäre bei, die eindeutig auf Entschleunigung zielt. Auch das Thema Lesen und der stationäre Buchhandel werden sichtbar als Herzensangelegenheit des Autors eingebettet. Wer Bücher liebt, wird sich hier verstanden fühlen.
Im Zentrum stehen die Beziehungen: die warme, fast sofortige Nähe zwischen Marie und Jónína, später die vorsichtige Annäherung an Mathilde, die lange abweisend bleibt und doch eine tiefe Verletzlichkeit in sich trägt. Die Idee, zwei Frauen mit ähnlichen biografischen Wunden langsam zueinander finden zu lassen, ist schön und berührend gedacht. Die wechselnden Perspektiven erlauben Einblicke in ihre Gefühlswelten und verleihen dem Roman eine gewisse Sanftheit.
Und doch blieb bei mir eine Distanz. Viele Figuren sind sehr wohlwollend gezeichnet – vielleicht zu wohlwollend. Konflikte werden kaum zugespitzt, Ecken und Kanten fast vollständig abgeschliffen. Redu erscheint wie ein Ort, an dem alle verständnisvoll, freundlich und geduldig sind (mit wenigen Ausnahmen, die erwartbar aufgelöst werden). Das erzeugt eine starke Wohlfühlatmosphäre, nimmt der Geschichte aber auch Spannung und Tiefe. Entwicklungen sind vorhersehbar, Überraschungen bleiben aus, und echte Reibung entsteht selten.
So wurde das Lesen für mich stellenweise zäh. Nicht, weil der Stil schlecht wäre – im Gegenteil, er ist ruhig und sauber –, sondern weil der Roman kaum Sog entwickelt. Er trägt, aber er zieht nicht. Man bleibt eher aus Sympathie und Wohlwollen dran als aus innerem Drang.
Unterm Strich ist Mathilde und Marie ein warmherziges, stilles Buch über Freundschaft, Verlust, Neubeginn und die Sehnsucht nach einem anderen Rhythmus des Lebens. Es ist ein echtes Wohlfühlbuch, das wichtige Werte hochhält: Achtsamkeit, Menschlichkeit, Nähe zur Natur. Literarisch bleibt es jedoch eher an der Oberfläche, wo man sich manchmal mehr Tiefe, mehr Mut zur Unbequemlichkeit wünschen würde.
Für Leser:innen, die leise Geschichten lieben, die entschleunigen möchten und sich gern in Bücherorte träumen, ist dieser Roman genau richtig. Wer jedoch Spannung, Ambivalenz oder psychologische Schärfe sucht, könnte enttäuscht zurückbleiben. Für mich bleibt ein sympathisches Buch mit schöner Idee – aber auch mit verpasstem Potenzial.

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