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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.02.2021

Spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, märchenhafter Atmosphäre und unheimlichem Setting!

Der Mädchenwald
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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Es sollte der beste Tag ihres Lebens werden: Elissa, 13 Jahre, ist für das Schachturnier perfekt vorbereitet. Als sie jedoch in einer Pause etwas aus dem Auto holen will, wird sie in einen Lieferwagen gezerrt und entführt. In einem dunklen Keller ist sie ganz allein – bis ein seltsamer Junge beginnt, sie zu besuchen. Elissa weiß nichts über Elijah. Ist er gefährlich? Sie weiß nur Eines: Wenn sie es richtig anstellt, ist er vielleicht ihre einzige Chance, das hier zu überleben…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler und Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: + / - Ein Hirsch wird bei der Jagd getötet, eine Elster tötet Küken. Es werden keine Tiere gequält.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Tod von Tieren, Blut, Erbrechen, Gewalt gegen Kinder, Entführung, Suizid, Fehlgeburt, Drogen;
Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Schla+++ (mehrmals)

Warum dieses Buch?

Der gruselige Klappentext und die vielen begeisterten Rezensionen auf Goodreads haben mich neugierig gemacht!

Meine Meinung

Das hat mir gefallen…

… der mysteriöse Einstieg in die Geschichte. Bereits die ersten Seiten haben mich neugierig gemacht, ich habe daher ohne Probleme ins Buch gefunden. (5 Lilien ♥)

„‘Ich hoffe, Gretel geht es gut.‘
‚Gretel?‘, fragt Papa.
Sofort habe ich ein komisches Gefühl im Bauch, eine schmierige Glitschigkeit, als wäre da eine Schlange in mir, die sich windet und ringelt. Gretel, fällt mir wieder ein, ist ein Geheimnis.“ E-Book, Position 48

… der Schreibstil. Sam Lloyd schreibt flüssig und einfach, wodurch man nur so durch die Seiten fliegt! Egal ob bei einer Szene die Spannung oder die Gefühle im Mittelpunkt stehen – der Autor kann mit seiner Sprache punkten! (5 Lilien ♥)

… die Figuren. Nur Mairéad blieb für meinen Geschmack ein wenig blass (sie hat auch die wenigsten Kapitel), die anderen beiden Protagonist/innen überzeugen auf ganzer Linie. Während mich die rätselhaften Kapitel aus Elijahs Sicht gleichzeitig fasziniert und misstrauisch gemacht haben, hat mich die intelligente, mutige Elissa (die mich sehr an Beth aus "Das Damengambit" erinnert hat) mit ihrer Ruhe und ihrem pragmatischen Denken in Gefangenschaft sehr beeindruckt! Ich habe richtig mit ihr mitgefiebert und mir so gewünscht, dass es für sie ein Happy End gibt. Die wenigen Nebenfiguren haben nur sehr kleine Rollen, doch auch hier gibt es nichts auszusetzen. (5 Lilien)

… die Atmosphäre. Im Buch herrscht eine rätselhafte, düstere, unheimliche Stimmung, die mich auch aufgrund des Settings (einsamer, abgelegener Wald) sehr an ein Märchen erinnert und mir immer wieder eine Gänsehaut beschert hat. Man hat wirklich das Gefühl, beim Lesen in eine andere Welt einzutauchen und will immer noch mehr entdecken. Stellenweise hatte ich gefühlt 1000 Fragen, die auf die ich gar nicht schnell genug eine Antwort finden konnte. (5 Lilien ♥)

… die Spannung und die vielen unerwarteten Wendungen. Schon lange habe ich kein Buch mehr gelesen, das so viele überraschende Twists zu bieten hatte wie „Der Mädchenwald“. Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und das liebe ich bei Thrillern! Zudem war das Buch stellenweise so spannend, dass ich es kaum zur Seite legen konnte. (5 Lilien ♥)

„Die Dunkelheit pulsiert, als wäre sie lebendig wie eine tintenschwarze Lunge. ‚Hallo Elijah‘, antwortet sie.“ E-Book, Position 3149

… die Grundidee, die Themen und die Umsetzung. Mit seinem gelungenen Plot, der Auswahl der Themen (Liebe, Verlust, Familie, Trauma, Überleben) und der für einen Thriller auch angemessen tiefgründigen Umsetzung konnte mich „Der Mädchenwald“ wunderbar unterhalten und auf ganzer Linie überzeugen. (4,5 Lilien)

„Vor mir nehme ich eine Bewegung wahr. Das könnte alles Mögliche sein, aber es gibt nur einen, vor dem ich mich fürchte. […] Manchmal habe ich Angst, dass seine Macht über mich stärker wird, je öfter ich seinen Namen ausspreche […]“ E-Book, Position 106

… das ausgeglichene Geschlechterverhältnis. Eine feministische Analyse lässt mich sehr zufrieden zurück, da der Thriller den Bechdel-Test besteht, viele starke, intelligente, mächtige und beruflich erfolgreiche weibliche Figuren enthält und mit Geschlechterstereotypen bricht! Dafür gibt es ein großes Lob! Lediglich bei der Polizei scheinen noch Spuren einer gläsernen Decke vorhanden zu sein, da die höchsten Positionen doch noch von Männern bekleidet werden. Die mehrmalige Verwendung von frauenfeindlichen Beleidigungen (Schla+++) verzeihe ich, weil diese nur aus dem Mund der „Bösen“ kamen. (5 Lilien ♥)

Das lässt mich zwiegespalten zurück:

… das Ende. Einerseits fand ich es schön, dass es hier noch einmal emotional wurde (ich war kurz davor, bei einem Thriller Tränen zu vergießen, ist das zu fassen?), anderseits war mir der letzte Teil des Buches doch eine Spur zu dramatisch (nicht alle Handlungen konnte ich nachvollziehen) und vielleicht war es auch eine Wendung zu viel am Schluss. Doch das ist wirklich Kritik auf hohem Niveau! (3,5 Lilien)

Das hat mir nicht gefallen:

---

Mein Fazit

„Der Mädchenwald“ ist ein spannender, wendungsreicher Thriller mit düsterer, unheimlicher und märchenhafter Atmosphäre, der mich wunderbar unterhalten konnte und mir so manchen Gänsehautmoment beschert hat. Der mysteriöse Einstieg in die Geschichte, der flüssige, angenehme Schreibstil, die interessanten Figuren, die angemessen tiefgründige Behandlung von Themen wie Verlust und Trauma, die überraschenden Wendungen, die dichte Atmosphäre, die atemlose Spannung und das faszinierende Setting konnten mich auf ganzer Linie überzeugen. Lediglich der letzte Teil des Buches war mir etwas zu dramatisch und am Schluss war es mir vielleicht auch ein Twist zu viel – aber das ist Kritik auf hohem Niveau! Beim Lesen blieb mir immer wieder der Mund offen stehen – und genau so muss das bei Thrillern sein! Von mir gibt es deshalb eine klare Leseempfehlung - ich habe mein erstes Jahreshighlight gefunden. Wenn ihr euch traut, folgt Sam Lloyd doch in den Mädchenwald hinein – aber verirrt euch nicht!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4,5 Lilien
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende: 3,5 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonist/innen: 4,5 Lilien
Figuren: 4 Lilien
Spannung: 5 Lilien ♥
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 5 Lilien ♥
Einzigartigkeit / Chance, dass ich das Buch nie vergessen werde: mittel

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.10.2020

Spannende, tiefgründige deutsche Dystopie mit starker, sympathischer Heldin!

Wir Verlorenen
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Eine Pandemie hat die Welt, wie wir sie kennen, zerstört. An einem Ort voller Gefahren – Hunger, Krankheiten, Kannibalenringe, fanatische Sekten und Menschenhändler – ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Eine Pandemie hat die Welt, wie wir sie kennen, zerstört. An einem Ort voller Gefahren – Hunger, Krankheiten, Kannibalenringe, fanatische Sekten und Menschenhändler – versucht Smilla zusammen mit ihrer kleinen Schwester und anderen Menschen in einem Bunker zu überleben. Doch als unvorhergesehene Ereignisse eintreten, muss sich Smilla fragen, wem sie noch vertrauen und woran sie überhaupt noch glauben kann…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band 1 einer Reihe (Band 2 erscheint im Herbst 2021)
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: lang
Tiere im Buch: - Es werden verschiedene Tiere für Nahrung getötet, um zu überleben (Kaninchen, Rehbock, Fische, Hühner, Meerschweinchen), ein Hund wird in Notwehr verletzt. Die Beschreibungen gehen nur selten ins Detail. Es werden keine Tiere gequält.
Triggerwarnung: Tod von Tieren, Tod von Menschen, sexualisierte Gewalt (versuchte Vergewaltigung), Trauer;

Warum dieses Buch?

Da gibt es viele Gründe: Das Buch wurde mit einer Software entdeckt, was ich unheimlich interessant finde. Außerdem wird die Geschichte als „deutsche Antwort auf die Tribute von Panem“ beschrieben und sogar die ZEIT und der ZDF werden laut Verlag über die Dystopie berichten. Deshalb führte für mich an diesem Buch kein Weg vorbei.

Meine Meinung

Einstieg (4 Lilien)

„Die Plage war vor etwas mehr als vier Jahren in Nordamerika ausgebrochen und hatte sich in rasender Geschwindigkeit auf die ganze Welt ausgeweitet. Die Inkubationszeit war kurz, der Tod folgte schon wenige Stunden nach Ausbruch der Krankheit. Alles ging so schnell, dass Forschung und Pharmaindustrie keine Zeit geblieben war, ein Gegenmittel zu entwickeln.“ E-Book, Position 154

Der Beginn der Geschichte fühlte sich für mich etwas langsam an; es war aber trotzdem interessant, Smillas Welt kennenzulernen. Ich habe gut ins Buch gefunden.

Schreibstil (5 Lilien ♥)

„Ihr Treffen hatte kein würdiges Ende genommen. Es war einfach abgerissen und blutete nun in ihr Bewusstsein wie eine offene Wunde.“ E-Book, Position 1672

Den Schreibstil der Autorin habe ich als sehr anschaulich, angenehm und flüssig wahrgenommen – man fliegt nur so durch die Seiten! Die Sprache und vor allem die Satzstrukturen sind dabei für ein Jugendbuch überraschend komplex, aber nicht zu schwer zu verstehen. Jana Taysen traut ihrem Zielpublikum durchaus etwas zu, was ich sehr erfrischend finde! Auch die Dialoge wirkten auf mich sehr lebendig und authentisch – ich habe sie sehr gerne gelesen. Den Humor mochte ich ebenfalls.

Idee, Inhalt, Themen & Ende (5 Lilien ♥)

„‘Ich kann mit den Dingen leben, die ich getan habe, um zu überleben. Kannst du es?‘“ E-Book, Position 4111

Mit „Wir Verlorenen“ hat Jana Taysen eine spannende, tiefgründige deutsche Dystopie geschrieben, die zwar für mich nicht ganz an „Die Tribute von Panem“ (eines meiner absoluten Lieblingsbücher!) herankommt, die mich aber dennoch einige Stunden sehr gut unterhalten konnte. Am Beginn gibt es zwar manche Parallele zum genannten Buch, doch mit jeder gelesenen Seite merkt man deutlicher, dass die Autorin hier etwas Eigenständiges geschaffen hat.

In kleinen Häppchen erfahren wir immer mehr über die gefährliche Realität, in der Smilla mit ihrer Schwester lebt – auf ausuferndes Infodumping wird dabei zum Glück verzichtet. Und es ist eine interessante Welt, in die wir hier eintauchen dürfen – unweigerlich erkennt man Parallelen zur aktuellen Pandemie-Situation. Thematisch stehen die Herausforderungen des täglichen Überlebens (wie Körperpflege, Ernährungsbeschaffung etc.), das Erwachsenwerden in einer dystopischen Welt, die erste Liebe, Familie, Trauer und die ständige Angst im Vordergrund. Auch moralische und philosophische Fragen werden tiefgründig diskutiert – das ist für mich eine der größten Stärken dieses Jugendbuches! Die Autorin stellt Fragen wie: Wie weit kann, darf und muss man vielleicht sogar gehen, um zu überleben? Wie viel Schuld lädt man dabei auf sich? Ab wann verliert man sich dabei selbst? Und: Ist es das wert?

Man merkt, dass die Geschichte sehr gut durchdacht ist, denn größere Logiklöcher sind mir nicht aufgefallen. „Wir Verlorenen“ gipfelt schließlich in einem großartigen, intensiven Ende (mit Cliffhanger natürlich, wie sich das bei einem Reihenauftakt gehört!), das zumindest bei mir große Vorfreude auf die Fortsetzung geweckt hat. Diese werde ich auf jeden Fall auch lesen – ich kann es kaum erwarten!

Protagonistin & Figuren (5 Lilien ♥ & 4 Lilien)

Mit Smilla hat Jana Taysen eine sehr sympathische Heldin geschaffen, die ich wirklich gerne begleitet habe. Sie ist einerseits empathisch und sensibel, hat sich aber andererseits, um in dieser harten Welt überleben zu können, auch eine härtere Schale zugelegt. Smilla kann besonders Mädchen als Vorbild dienen: Sie ist stark und mutig und lässt sich von keinem etwas sagen. Im Laufe des Buches macht sie eine glaubwürdige Entwicklung durch. Die Autorin schildert ihre Gedanken- und Gefühlswelt, ihre Zweifel und Hoffnungen sehr intensiv, sodass Smilla sehr echt und dreidimensional wirkt. Ich konnte ihr Verhalten fast immer nachvollziehen und fühlte mich ihr beim Lesen sehr nah.

Auch die anderen wichtigen Figuren sind gut gelungen, lediglich ein paar der Nebenfiguren bleiben ein wenig blass, was ich aber gerne verzeihe. Besonders gefallen hat mir hier, dass es einige Figuren gibt, die sich nicht so leicht in „gut“ und „böse“ einteilen lassen (Falk, Giorgio, Nadja).

Liebesgeschichte (2 Lilien)

Das Einzige, was mir an diesem Buch nicht gefallen hat, waren die Liebesgeschichte und der Love Interest an sich. Falk ist zwei Jahre jünger als Smilla, war vor der Plage ihr Nachhilfeschüler und hat sie in seiner Freizeit gerne gestalkt. Ich bin selbst Nachhilfelehrerin und fühle mich von dieser Konstellation und von Falks gruseligem Verhalten (Smilla sagt selbst, dass er ein „Creep“ ist, und das stimmt!) nicht angesprochen. Ein Kribbeln wollte sich bei mir beim Lesen deshalb nicht einstellen.

Trotzdem fand ich die Beziehung zwischen den beiden sehr interessant, da sie oft sehr unterschiedliche Ansichten haben und Falk Smilla mit seinen oft drastischen Aussagen auch immer wieder aus ihrer Komfortzone lockt und zum Nachdenken bringt. Als harmonisch kann dieses Paar jedenfalls nicht bezeichnet werden, da die beiden eigentlich immer, wenn sie den Mund aufmachen, zu streiten beginnen. Es ist erfreulich, dass Smilla so stark ist und sich nicht „unterbuttern“ lässt, denn Falk vertritt seine Meinung sehr bestimmt – eine schwächere Frau wäre neben ihm wohl untergegangen.

Spannung (4 Lilien) & Atmosphäre (4 Lilien)

Trotz der etwas längeren Kapitel gelingt es der Autorin, von Beginn an langsam Spannung aufzubauen und diese bis zum Ende zu steigern. Irgendwann konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Ich fand das Erzähltempo gerade richtig, da trotzdem auch Zeit für ruhige Momente und für die Charakterentwicklung war.

Das Buch enthält einige sehr atmosphärische Szenen. Besonders jene Momente, in denen Figuren düstere Seiten offenbaren oder Smilla Angst bekommt, fand ich sehr mitreißend und gelungen geschildert. Man bekommt zudem ein gutes Gefühl für die dystopische Welt – den langweiligen Alltag, den beklemmenden, engen Bunker, die ständige Angst, die harte körperliche Arbeit –, in der Smilla und ihre Schwester leben.

„[…] jede neue Bekanntschaft stellte eine weitere unbekannte Variable in der Gleichung des Überlebens da.“ E-Book, Position 746

Feministischer Blickwinkel (4 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Miststück

Ich würde das Buch als recht feministisch beschreiben: Es hat (neben anderen starken weiblichen Figuren) eine mutige Heldin, die sich nichts sagen lässt, besteht den Bechdel-Test locker und bricht mit Geschlechterstereotypen. Problematisch finde ich nur die Verwendung des Wortes „Pu++y“, die einmalige Aussage, dass Frauen schutzbedürftig seien, und das gruselige Stalker-Verhalten von Falk, das mir zu sehr romantisiert wird. Ich bin jedenfalls insgesamt mit diesem Buch zufrieden – so kann es auch in Band 2 weitergehen!

Mein Fazit

Mit „Wir Verlorenen“ hat Jana Taysen eine spannende, tiefgründige deutsche Dystopie geschrieben, die zwar für mich nicht ganz an „Die Tribute von Panem“ (eines meiner absoluten Lieblingsbücher!) herankommt, die mich aber dennoch einige Stunden sehr gut unterhalten konnte. Überzeugen konnten mich der angenehme, anschauliche und überraschend komplexe Schreibstil, die starke, mutige Hauptfigur, die interessanten Nebenfiguren, die sich nicht in „gut“ und „böse“ einteilen lassen, die Spannung, die Atmosphäre, die tiefgründige Behandlung der Themen und die moralischen Fragen, die im Buch gestellt werden. Lediglich die Liebesgeschichte konnte mich aufgrund der Vergangenheit der beiden und Falks Stalker-Verhalten nicht überzeugen. Die Fortsetzung werde ich auf jeden Fall lesen – ich kann es kaum erwarten! Ich kann euch dieses Buch deshalb nur wärmstens ans Herz legen.

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 4 Lilien
Einstieg: 4 Lilie
Ende / Auflösung: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonistin: 5 Lilien ♥
Figuren: 4 Lilien
Liebegeschichte: 2 Lilien
Spannung: 4 Lilien
Atmosphäre: 4 Lilien
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 4 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.08.2020

4,5*: Unterhaltsamer, herzerwärmender Roman mit liebevoll ausgearbeiteten Figuren und viel Humor!

Pandatage
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau ist Danny alleinerziehender Vater eines Sohnes, der kein Wort mehr spricht. Aus finanzieller Not kauft er sich ein Pandakostüm, ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau ist Danny alleinerziehender Vater eines Sohnes, der kein Wort mehr spricht. Aus finanzieller Not kauft er sich ein Pandakostüm, um als Straßenkünstler aufzutreten. Sein Sohn fasst bei einer zufälligen Begegnung Vertrauen in den fremden Panda – und er spricht …

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: männliche Perspektive
Kapitellänge: mittel bis lang
Tiere im Buch: +/- Es stirbt ein Kaninchen, weil es ein Kabel durchnagt. Zusätzlich gibt es einige Vergleiche, die verletzte oder tote Tiere enthalten, und eine Katze, die allein gehalten wird. Deshalb hier ein wichtiger Hinweis: Katzen sind alleine niemals glücklich (sie sind EinzelJÄGER, keine EinzelGÄNGER), sondern sehr einsam und unglücklich. Sie können verschiedene Verhaltensstörungen entwickeln und depressiv und/oder aggressiv werden. Wer seine Katze liebt, schenkt ihr deshalb mindestens einen Gefährten.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Tod von Tieren, Mobbing, Trauer;

Warum dieses Buch?

Leider ist in den Augen vieler Menschen immer noch hauptsächlich die Frau für die Kindererziehung und – betreuung zuständig, was ich sehr traurig finde! Dieses Buch rückt einen alleinerziehenden Vater und die Beziehung zu seinem Sohn in den Mittelpunkt – deshalb konnte ich es mir nicht entgehen lassen.

Meine Meinung

Einstieg (5 Lilien ♥)

Der Einstieg ist mir sehr leichtgefallen! Durch das einnehmende erste Kapitel fand ich schnell in die Geschichte und wollte sofort weiterlesen.

Schreibstil (4 Lilien)

Der Schreibstil ist anschaulich, flüssig und angenehm lesbar. Ich mochte die kreativen Vergleiche, und auch die Dialoge fand ich sehr lebendig und authentisch – es macht wirklich Spaß, sie zu lesen! Lediglich eine Sache hat mich ein bisschen gestört: Ich hätte mir an manchen Stellen gewünscht, dass der Autor öfter einmal einen Punkt gesetzt hätte, da die Länge der Sätze manchmal (meiner Meinung nach grundlos) etwas ausufert. Das hätte sicher positiv zum Lesefluss und zum Verständnis beigetragen.

„Es war, als lebte sie in einer Welt, die parallel zu seiner eigenen verlief, wie zwei Fremde in einem Hochhaus, die einander hörten, sich aber nie begegneten.“ E-Book, Position 285

Idee, Inhalt, Themen & Ende (4,5 Lilien)

„‘Und jetzt hat er keine Mutter mehr‘, hatte Roger gesagt und auf Will gezeigt, der gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden war und noch einen Kopfverband trug, der zwischen den schwarzen Hemden und Kleidern wie ein Leuchtturm strahlte. ‚Jetzt ist er allein mit ‚dir‘.‘“ E-Book, Position 398

Mit „Pandatage“ ist James Gould-Bourn ein ganz besonderer, erfrischend unvorhersehbarer und herzerwärmender Wohlfühl-Roman gelungen, der mich sehr gut unterhalten und mich berührt hat. Bei Themen wie Trauer und Verlust, Freundschaft, Familie, Mobbing und finanzielle Not geht der Autor durchaus auch in die Tiefe. Besonders gut gefallen hat mir hier die Auseinandersetzung von Will mit seinem Mobber. Die paar Klischees, die in der Geschichte vorkommen, verzeihe ich gern. Das Ende ließ mich zufrieden zurück; es war so, wie man es bei einem Roman dieser Art erwartet, dabei aber nicht zu kitschig.

Am besten an diesem Roman hat mir aber der Humor gefallen. Mein Humor ist speziell, und er wird von Büchern nur selten getroffen. Die Situationskomik in „Pandatage“ hat mich aber nicht nur zum Schmunzeln gebracht, sondern sogar an einer Stelle (der „Ich nenne jeden Danny“-Szene) zu einem Lachkrampf geführt – das ist mir noch nie bei einem Buch passiert. Einfach nur köstlich – alleine für den Humor lohnt es sich, diesen Roman zu lesen!

„‘Kapier ich nicht‘, sagte Gavin, der so viele Pickel hatte, dass sein Kopf mehr Eiter als Hirn enthielt.“ E-Book, Position 196

Protagonisten & Figuren (5 Lilien ♥ & 5 Lilien ♥)

Die Figuren in „Pandatage“ konnten mich ausnahmslos überzeugen. Von den beiden Protagonisten (Will und Danny) bis hin zu den Nebenfiguren sind die Charaktere liebevoll ausgearbeitet, authentisch und gut gelungen. Die meisten sind sehr sympathisch und alle haben etwas Besonderes an sich, wodurch man sie nicht so schnell vergisst. Lediglich der „böse Zauberer“ blieb etwas eindimensional, aber das war, denke ich, Absicht.

Spannung (4 Lilien) & Atmosphäre (3 Lilien)

Ich habe „Pandatage“ sehr gern gelesen, mochte die überraschenden Wendungen und war auch immer neugierig, wie es weitergeht. Mit der Spannungskurve bin ich prinzipiell zufrieden, auch wenn ich das Buch zwischendurch problemlos aus der Hand legen konnte. Im Mittelteil hätten es allerdings durchaus noch etwas mehr Spannung und Tempo sein dürfen.

Als besonders atmosphärisch würde ich das Buch nicht beschreiben, dafür waren die Beschreibungen der Umgebung nicht detailliert und stimmungsvoll genug. Das stört bei diesem Roman aber nicht weiter, da andere Aspekte klar im Vordergrund stehen.

Feministischer Blickwinkel (3 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): nicht bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Flitt++++, Schlam++, Bit++

Eine feministische Betrachtung dieses Romans hinterlässt bei mir eher gemischte Gefühle. Einerseits ist es zwar schön, dass hier der Alltag eines alleinerziehenden Vaters in den Mittelpunkt gerückt wird, dass Männer Gefühle zeigen, es eine starke, selbstbewusste weibliche Figur gibt und dass immer wieder mit Geschlechterstereotypen gebrochen wird. Andererseits gibt es im Buch ein großes Geschlechterungleichgewicht (einen Männerüberschuss), was absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Dadurch besteht der Roman natürlich auch den Bechdel-Test nicht, was ich sehr schade finde! Zusätzlich wird deutlich, dass Danny viele Haushaltspflichten und andere Dinge erst lernen muss, weil dafür vor ihrem Tod großteils seine Ehefrau zuständig war. Diese ungleiche Verteilung der Haushalts- und Betreuungspflichten wird leider nur unzureichend thematisiert – es werden lediglich Ausreden serviert, warum Danny damals so viel gearbeitet hat. Ebenso gestört hat mich das Slutshaming an einer Stelle, an der Krystal behauptet, dass die Affäre ihres Freundes eine „Schlam++“ sei, obwohl doch ihr Freund untreu war und hier die Schuld trägt! Hier merkt man leider, dass dem Autor teilweise noch das Bewusstsein für feministische Problematiken und Ungerechtigkeiten fehlt. Es bleibt zu hoffen, dass er das bis zur Veröffentlichung seines nächsten Buches ändert.

Mein Fazit

Mit „Pandatage“ ist James Gould-Bourn ein ganz besonderer, erfrischend unvorhersehbarer und herzerwärmender Wohlfühl-Roman gelungen, der mich sehr gut unterhalten konnte und mich berührt hat. Der angenehme, anschauliche Schreibstil mit den lebendigen Dialogen und den gelungenen Vergleichen, der einfache Einstieg in die Geschichte, die köstliche Situationskomik, die liebevoll ausgearbeiteten Figuren, die tiefgründige Verarbeitung der Themen, das Ende, die Wendungen und der Spannungsbogen konnten mich überzeugen. Gestört haben mich lediglich die teilweise unnötig langen Sätze, die vereinzelten Klischees, das Geschlechterungleichgewicht (Männerüberschuss), das Slutshaming und kleinere Spannungseinbrüche. Von mir gibt es jedenfalls eine Leseempfehlung – wenn ihr zur Abwechslung mal Tränen LACHEN anstatt weinen wollt, solltet ihr euch diesen tanzenden Panda definitiv nicht entgehen lassen!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4,5 Lilien
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 4 Lilien
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende / Auflösung: 4 Lilien
Schreibstil: 4 Lilien
Protagonisten: 5 Lilien ♥
Figuren: 5 Lilien ♥
Spannung: 4 Lilie
Atmosphäre: 3 Lilien
Emotionale Involviertheit: 4 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 3 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.07.2020

4,5*: Atemlos spannender, wendungsreicher Thriller mit unheimlichem Setting und Gänsehautmomenten!

Verschließ jede Tür
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Eine junge Frau mit finanziellen Problemen erhält einen sehr gut bezahlten Wohnungssitter-Job in einem berühmten Wohnhaus für die Reichen in Manhattan. Sie kann ihr Glück ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Eine junge Frau mit finanziellen Problemen erhält einen sehr gut bezahlten Wohnungssitter-Job in einem berühmten Wohnhaus für die Reichen in Manhattan. Sie kann ihr Glück kaum fassen! Jedenfalls bis eine Sitter-Kollegin spurlos verschwindet – angeblich ist sie überstürzt ausgezogen. Doch Jules kann das nicht glauben. Sie fängt an, gefährliche Nachforschungen anzustellen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche Perspektive
Kapitellänge: kurz bis mittel
Tiere im Buch: ♥ Es wird zwar Fleisch gegessen und von einzelnen Personen Pelz getragen, aber es werden keine Tiere verletzt, gequält oder getötet – im Gegenteil, ein Hund wird sogar mehrmals gerettet.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Feuer, Suizid, Depression, selbstverletzendes Verhalten;

Warum dieses Buch?

Der Klappentext klang so unheimlich, spannend und vielversprechend, dass für mich an diesem Buch kein Weg vorbeiführte!

Meine Meinung

Einstieg (3 Lilien)

Gleich die ersten, rätselhaften Seiten machen neugierig, danach dauert es aber etwas, bis die Geschichte in Schwung kommt und man ins Buch findet.

Schreibstil (4 Lilien)

Riley Sager hat einen einfachen, flüssig lesbaren und anschaulichen Schreibstil. Trotzdem fand ich ihn gewöhnungsbedürftig. Irgendwie störte mich diese Unruhe (mich erinnerte der Schreibstil ein wenig an Casey McQuistons) und die fehlende Präzision bei dem Formulierungen. Nach und nach freundete ich mich aber immer mehr mit der Sprache des Autors an und mochte sie zunehmend.

Idee, Inhalt, Themen & Ende (4 Lilien)

„‘[…] so fühlt sich’s für mich an. Als würde in dem Haus all das spuken, was dort schon passiert ist. All die schlimmen Dinge. Wie Staub, der sich ansammelt und in der Luft liegt. Und wir atmen ihn ein, Jules.‘“ E-Book, Position 1140

„Verschließ jede Tür“ ist ein rundum gelungener Thriller, der bekannte Elemente auf neue, überzeugende Weise miteinander verbindet. Großartig fand ich zudem den Aufbau: Es gibt zwei Zeitebenen. In der Gegenwart liegt Jules nach einem Autounfall im Krankenhaus, in der Vergangenheit (die nur 6 Tage zurückliegt) begleiten wir Jules bei ihrem Einzug und in den Tagen danach. Man fragt sich unweigerlich, was in dieser kurzen Zeit passiert ist, dass Jules solche Angst hat. Das macht natürlich neugierig! Ich konnte das Buch kaum mehr beiseitelegen – genau so muss das bei einem Thriller sein!

Thematisch stehen finanzielle Probleme, Familie, Trauer, Klassenunterschiede, Moral, Reichtum und Freundschaft im Mittelpunkt – der Autor (dessen Name übrigens ein Pseudonym ist) behandelt alle diese Themenbereiche mit angemessener Tiefe. Das Ende fand ich rund, es hat mich zufrieden zurückgelassen, auch wenn es mir nicht allzu lange in Erinnerung bleiben wird. „Verschließ jede Tür“ wird jedenfalls nicht mein letztes Buch des Autors bleiben – dafür war dieser Thriller einfach zu gut!

Protagonistin & Figuren (4 Lilien & 5 Lilien ♥)

Die fünfundzwanzigjährige Jules habe ich als Protagonistin sehr gerne begleitet. Sie ist eine bescheidene, intelligente Frau, der moralisches Handeln wichtig ist. Gestört hat mich an ihr nur, dass sie es meiner Meinung nach mit ihrem „Ich-bin-so-arm-und-ein-Niemand-im-Vergleich-zu-den-Reichen-Leuten-in-diesem-Haus“-Gerede ein wenig übertrieben hat, das fand ich echt anstrengend und nervig. Ähnlich war es mit den Verweisen auf das Schicksal ihrer Schwester. Ich hatte es schon beim ersten Mal verstanden, also hätte man sich hier die (übertrieben gesagt) 200 Wiederholungen sparen können. Hierfür ziehe ich einen halben Punkt ab!

Die anderen Figuren haben mir auch durch die Bank wirklich gut gefallen, sie sind interessant und liebevoll ausgearbeitet und wirken sehr lebendig. Besonders Greta mochte ich sehr.

Spannung (5 Lilien ♥) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)

„Aus der Nähe ist das Tapetenmuster noch erdrückender. All die Blumen sind aufgesperrt wie Mäuler. Die Blütenblätter berühren sich, die ovalen Zwischenräume sind so dunkelrot, dass es an Schwarz grenzt. Sie erinnern an Augen. Als wäre die Tapete mit Augen besetzt.“ E-Book, Position 656

Die größten Stärken dieses Thrillers sind seine atemlose Spannung, seine unheimlichen Gänsehautmomente, die schaurigen Traumsequenzen und die unheilvolle, dichte Atmosphäre im geschichtsträchtigen Bartholomew-Wohnhaus. Das Miträtseln macht großen Spaß! Obwohl ich schon weit vor der ersten Hälfte geahnt habe, was hinter den mysteriösen Vorkommnissen steckt, tat das der Spannung keinen Abbruch – und das ist wirklich eine Leistung! Ich habe es geliebt, mich abends mit diesem Buch im Bett richtig schön zu gruseln!

Feministischer Blickwinkel (4 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: Tussi

Eine feministische Analyse fällt bei diesem Thriller ebenfalls positiv aus. Das Buch besteht den Bechdel-Test und enthält viele starke weibliche Figuren. Zudem ist es großteils frei von Geschlechterstereotypen. Lediglich dass eine Frau nach einem One-Night-Stand ihren Heimweg am Morgen als „walk of shame“ bezeichnet und sich Sorgen macht, ob ihr Partner nun denken könnte, sie sei „leicht zu haben“, hat mich gestört. Dieses Denken muss endlich aufhören! Jede Frau darf ihr Liebesleben heutzutage so leben, wie sie mag – und es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen oder sich schlecht zu fühlen!

Mein Fazit

„Verschließ jede Tür“ ist ein rundum gelungener Thriller, der bekannte Elemente auf neue, überzeugende Weise miteinander verbindet. Es dauert ein wenig, bis die Geschichte in Schwung kommt, aber Dranbleiben lohnt sich! Der Plot, die Verarbeitung der Themen, die intelligente Protagonistin, die interessanten Nebenfiguren, die unheilvolle, dichte Atmosphäre und die atemlose Spannung konnten mich auf ganzer Linie überzeugen. Einen halben Stern Abzug gibt es für inhaltliche Wiederholungen und den Schreibstil, an den ich mich erst einmal gewöhnen musste. Ich kann euch diesen Thriller jedenfalls nur wärmstens ans Herz legen! Zieht gemeinsam mit Jules ins unheimliche Bartholomew ein und begleitet sie bei ihren spannenden Nachforschungen – aber kontrolliert vor der Lektüre unbedingt, ob ihr auch alle eure Türen verschlossen habt! Ihr wollt euch doch nicht während des Lesens einer gruseligen Szene fragen müssen: War da etwas? Ein Geräusch? Bin ich vielleicht nicht alleine?

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 3 Lilie
Ende / Auflösung: 4 Lilien
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonistin: 5 Lilien ♥
Figuren: 5 Lilien ♥
Spannung: 4 Lilie
Atmosphäre: 2 Lilien
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien
Feministischer Blickwinkel: 4 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.06.2020

Düster, tiefgründig, spannend und ungewöhnlich auf die allerbeste Weise!

Sommer bei Nacht
0

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Ein heißer Sommer. Es verschwindet: Ein Junge. Es taucht auf: Ein Teddybär. Zwei Ermittler mit ihren ganz eigenen Problemen sollen den Fall, der Parallelen mit einem ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Ein heißer Sommer. Es verschwindet: Ein Junge. Es taucht auf: Ein Teddybär. Zwei Ermittler mit ihren ganz eigenen Problemen sollen den Fall, der Parallelen mit einem Fall in Österreich aufweist, lösen…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Band #1 einer Reihe
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präsens
Perspektive: weibliche und männliche Perspektive
Kapitellänge: sehr kurz
Tiere im Buch: + Es wird Fleisch gegessen. Es werden aber keine Tiere verletzt, gequält oder getötet.
Triggerwarnung: Tod von Menschen, Pädophilie, Missbrauch von Kindern, psychische Krankheiten, Suizid

Warum dieses Buch?

Das Buch wird als „literarischer Krimi“ bezeichnet – das, die positiven Rezensionen und der ungewöhnliche Schreibstil weckten in mir das Gefühl, dass ich dieses Buch auf keinen Fall verpassen sollte!

Meine Meinung

Einstieg (5 Lilien ♥)

„‘Wenn er niemandem aufgefallen ist, trotz der großen Bären. Dann ist er mit ihnen verschmolzen, hat ihnen vielleicht sogar ähnlich gesehen?‘
‚Den Teddybären?‘, fragt Ben.
‚Ja.‘“ E-Book, Position 357

Ich habe sofort und ohne Probleme ins Buch gefunden, obwohl der Schreibstil sehr ungewöhnlich ist. Gleich am Anfang ist man Zeuge der Entführung des kleinen Jungen und möchte natürlich wissen, ob es gelingen wird, ihn rechtzeitig zu retten.

Schreibstil (5 Lilien ♥)

„Die Worte verschwimmen wieder, dann verkleben sie, trocknen in Sekundenschnelle, sind hart und undurchdringlich wie Beton.“ E-Book, Position 1996

Der Schreibstil ist wirklich sehr ungewöhnlich und damit sicher auch nicht für jeden etwas, aber ich habe ihn von der ersten Seite an geliebt! Gerade weil er eben anders und etwas ganz Besonderes ist! Jan Costin Wagner geht mit Wörtern sehr sparsam um, fast wirkt das Buch stellenweise wie ein Experiment: Mit wie wenigen Wörtern kann ein Krimi geschrieben werden? Der Autor beweist: mit sehr wenigen! Nach der Lektüre dieses Buches kommt einem jedenfalls kurzzeitig jeder andere Roman sehr weitschweifig und redselig vor.

In „Sommer bei Nacht“ ist jeder Satz ist auf den Kern reduziert, da steht kein Wort zu viel. Die Formulierungen sind treffend und präzise, immer wieder gibt es auch Ellipsen und unvollständige Sätze. Sinneseindrücke blitzen wie kurze Bilder auf. Trotzdem ist die Sprache niemals oberflächlich– im Gegenteil, dem Autor gelingt es, in die Tiefe zu gehen und die Gefühle seiner Figuren intensiv zu beschreiben. Gleichzeitig weist die Sprache auch eine eigentümliche Schönheit auf, der ich mich nicht entziehen konnte. Die kreativen, außergewöhnlichen Metaphern und Beschreibungen überzeugen auf ganzer Linie!

Idee, Inhalt, Themen & Ende (5 Lilien ♥)

„‘Sie müssen ihn finden‘, sagt Dirk Meininger.
Ja, denkt er.
Endlich, das ist er, der Satz, der sich aus der Dunkelheit herausschält, der einzig wichtige.“ E-Book, Position 457

Mit „Sommer bei Nacht“ ist dem Autor ein ganz besonderer literarischer Krimi gelungen, der mit sprachlichen und erzählerischen Konventionen bricht. Immer wieder sind Ausschnitte aus der Werbung, aus Artikeln und Nachrichten, an die sich die Protagonisten unbewusst erinnern, den Kapiteln vorangestellt, was ich interessant fand. Sehr kurze Kapitel, mindestens 13 verschiedene Perspektiven, reduzierte Dialoge und die Enthüllung des Täters im ersten Kapitel machen dieses Buch zu einer ungewöhnlichen Lektüre, die besonders für VielleserInnen eine erfrischende Abwechslung darstellen dürfte.

Dadurch, dass der Täter von Anfang an bekannt ist, kann man sich bei der Lektüre nicht nur auf die Frage konzentrieren, ob der Junge rechtzeitig gefunden wird, sondern auch auf die psychischen Vorgänge im Inneren der Figuren. Neben den Ermittlungen stehen nämlich menschliche Abgründe im Vordergrund: Schwächen, Geheimnisse, psychische Labilität, Halluzinationen, Zweifel, Probleme, Verlust, eine schwierige Vergangenheit. Einer der Ermittler hat sogar selbst pädophile Neigungen, gegen die er immer wieder erfolglos ankämpft. Bei all seinen Themen gelingt es dem Autor, in die Tiefe zu gehen. Auch das Ende empfand ich als sehr gelungen. Insgesamt war für mich „Sommer bei Nacht“ eine ungewöhnliche, erfrischend andere und spannende Lektüre, die zwar manchmal merkwürdig war – aber das nur auf die allerbeste Weise! Daher wird es sicher nicht mein letztes Buch des Autors bleiben – die Fortsetzung werde ich mir nicht entgehen lassen.

Übrigens hat Jan Costin Wagner während der Arbeit an diesem Buch auch einige Lieder verfasst, die teilweise perfekt zur düsteren, melancholischen Atmosphäre passen. Wer sanfte, nordisch angehauchte Klänge mag, wird sich von Songs wie dem wunderschönen „Raven / A Bird Called Melody“ bestimmt (wie ich!) abgeholt fühlen. Wieso hat dieses Lied auf Youtube so wenige Klicks? Ich verstehe es nicht! Lasst euch diese Musik (vor allem, wenn ich das Buch schon gelesen habt) keinesfalls entgehen!

Figuren (4 Lilien)

Neben dem außergewöhnlichen Schreibstil überraschen auch die vielen Perspektivenwechsel: Der Täter, das Opfer, die Beamten und verschiedene andere Beteiligte kommen zu Wort. Kurz dürfen wir in ihren Kopf schauen und ihre Sicht der Dinge nachvollziehen. Diese vielen Perspektivwechsel sind mit Sicherheit nicht für jeden etwas, aber ich mochte sie und fand die Erzählweise sehr interessant. Spannenderweise ging das trotzdem nicht auf Kosten der Figurenzeichnung, denn diese wirkten dreidimensional und liebevoll ausgearbeitet. Ich hatte meist keine Probleme, mit den Protagonisten mitzufühlen und intensiv mitzuleiden. Ihre Verzweiflung oder Traurigkeit kam sehr intensiv bei mir an, was ich bei diesem reduzierten Schreibstil nicht erwartet hätte! Positiv erwähnen möchte ich auch noch den liebenswerten Lederer, einen pflichtbewussten, sanften, angenehmen Zeitgenossen, der immer als erstes im Büro ist und jeden Tag alles gibt – die Welt braucht mehr Leute wie ihn! ♥

Leider gibt es auch zwei Punkte, mit denen ich bei der Figurenzeichnung meine Probleme hatte. Einerseits muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass nicht nur der Erzählstil sehr einfach ist, sondern dass auch die Figuren auf die gleiche Weise denken und sprechen. Dadurch wirkten sie auf mich in den ersten Kapiteln irgendwie „einfältig“ und kindlich. Erst nach und nach habe ich mich an dieses Stilmittel gewöhnt. Zudem wirkten fast ausnahmslos alle Figuren auf mich psychisch sehr labil; ich wusste nie, was sie als Nächstes tun würden und vertraute ihnen nicht. Eventuell liegt auch das am Schreibstil und der ungewöhnlichen Erzählweise. Ich fand es interessant, aber manchmal auch befremdlich.

Mein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die Hauptfiguren Ben und Christian. Beide waren gut ausgearbeitet (sie hatten verschiedene Lebensumstände und Geheimnisse) und ich hatte keine Probleme, mit ihnen mitzufühlen. Nur leider wirkten sie auf mich wie eine Person. Sie waren sich in ihrer Denkweise so ähnlich (hier gab es bei den Kapitel aus den verschiedenen Perspektiven überhaupt keinen Unterschied), dass ich sie ständig verwechselt habe und immer nachsehen musste, aus wessen Sicht ich die Geschichte gerade erlebe. Deshalb gibt es hierfür (weil mich der Rest des Buches so beeindruckt hat, nur) eine halbe Lilie Abzug. Ich würde mir wünschen, dass der Autor bei der Fortsetzung darauf achtet, dass man die beiden Protagonisten besser auseinanderhalten kann.

Spannung (5 Lilien ♥) & Atmosphäre (5 Lilien ♥)

Über Innsbruck: „[…] die fröhlichen Menschen sind von Bergen umzingelt. Das ist das Erste, was Christian wahrnimmt. Die Kluft zwischen Leichtigkeit und Bedrohung. Eine Bedrohung, die unverkennbar ist. Die über ihm aufragt wie ein schweigendes Monster, ohne Augen.“ E-Book, Position 724

In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass manche das Buch als sehr langweilig und spannungsarm empfunden habe. Das kann ich überhaupt nicht unterschreiben. Zwar handelt es sich bei „Sommer bei Nacht“ nicht um einen Thriller (das wird auch nicht behauptet), aber ich empfand den Krimi dennoch als sehr spannend. Eine subtile, psychologische Grundspannung durchzieht das Buch, die sich vor allem aus der Charakterentwicklung der Figuren ergibt. Viele von ihnen stehen an einem Abgrund, haben große persönliche Probleme. Ich empfand das Buch aber auch als sehr fesselnd, weil ich um das Leben des Jungen gebangt und gehofft habe, dass er rechtzeitig gerettet wird.

Auch die Atmosphäre im Buch fand ich wunderbar dicht, düster und unheilvoll. Zudem schwingt oft eine gewisse Melancholie und Traurigkeit mit, die ich sehr mochte. Obwohl die ganze Handlung im Sommer und in Deutschland (Wiesbaden) und Österreich (Innsbruck) spielt, zieht sich eine gewisse Kälte und Finsternis durch die Geschichte, die eigentlich für nordische Bücher typisch ist. Da überrascht es nicht, dass der Autor schon einige nordische Krimis geschrieben hat. Diese Einflüsse sind auch in „Sommer bei Nacht“ spürbar. Das Buch hat meiner Meinung nach ein gewisses Noir-Flair, was mir unheimlich gut gefallen hat.

Feministischer Blickwinkel (2 Lilien)

Bechdel-Test (zwei Frauen mit Namen sprechen miteinander über etwas anderes als einen Mann): nicht bestanden!
Frauenfeindliche / gegenderte Beleidigungen: ---

Es gibt durchaus ein paar Aspekte, die mir hier gut gefallen haben: Es gibt im Buch keine frauenfeindlichen Beleidigungen und teilweise wird mit Geschlechterstereotypen gebrochen; manchmal werden sie aber auch verstärkt durch eine klassische Rollenverteilung in den Familien. Zwei Dinge haben mich leider massiv gestört: Erstens, dass das Buch den Bechdel-Test nicht besteht und zweitens, dass das Geschlechterverhältnis überhaupt nicht ausgeglichen war, sondern dass es viel mehr männliche Figuren als weibliche gab. Sehr negativ aufgefallen ist mir auch, dass es keine einzige weibliche Polizistin gab (die eine größere Rolle hatte), dafür waren die Angestellten in der Kantine klassisch weiblich... Das ist nicht mehr zeitgemäß! Wohin man blickt, sind alle Ermittelnden männlich, sogar der Beamte aus Innsbruck. Das finde ich wirklich sehr schade! Wenn es so wenige wichtige Frauenrollen im Buch gibt, ist es natürlich kein Wunder, dass der Bechdel-Test nicht bestanden wird. Hier würde ich mir wirklich wünschen, dass der Autor in Zukunft mehr Bewusstsein für dieses Thema entwickelt!

Mein Fazit

Mit „Sommer bei Nacht“ ist dem Autor ein ganz besonderer literarischer und tiefgründiger Krimi gelungen, der mit sprachlichen und erzählerischen Konventionen bricht. Ich mochte den präzisen, reduzierten, metaphernreichen und gleichzeitig schönen Schreibstil, habe intensiv mit den Figuren mitgefühlt und fand sowohl die subtile psychologische Spannung (die sich aus den menschlichen Abgründen ergibt) und die dichte, düstere und melancholische Atmosphäre mit nordischem Noir-Flair großartig. Für die Fortsetzung (die ich mir nicht entgehen lassen werde!) würde ich mir ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis (besonders bei der Polizei!), einen bestandenen Bechdel-Test und zwei Protagonisten, die leichter auseinanderzuhalten sind, wünschen. Insgesamt war für mich „Sommer bei Nacht“ eine ungewöhnliche, erfrischende und spannende Lektüre, die zwar manchmal etwas merkwürdig war – aber das nur auf die allerbeste Weise! Von mir gibt es daher eine große Leseempfehlung für alle, die offen eine neue Leseerfahrung sind. Taucht ein in diese Geschichte und findet heraus wie finster und kalt ein Sommer sein kann, wenn Jan Costin Wagner ihn beschreibt!

Bewertung

Idee: 5 Lilien ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 5 Lilien ♥
Umsetzung: 4,5 Lilien
Worldbuilding: 5 Lilien ♥
Einstieg: 5 Lilien ♥
Ende / Auflösung: 5 Lilien ♥
Schreibstil: 5 Lilien ♥
Protagonisten: 4 Lilien
Figuren: 4 Lilien
Spannung: 5 Lilien ♥
Atmosphäre: 5 Lilien ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Lilien ♥
Feministischer Blickwinkel: 2 Lilien

Insgesamt:

❀❀❀❀,5 Lilien

Dieses Buch bekommt von mir viereinhalb Lilien!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere