Cover-Bild Befreit

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23,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Genre: Sachbücher / Religion & Philosophie
  • Seitenzahl: 448
  • Ersterscheinung: 07.09.2018
  • ISBN: 9783462050127
Tara Westover

Befreit

Wie Bildung mir die Welt erschloss
Eike Schönfeld (Übersetzer)

Von den Bergen Idahos nach Cambridge – der unwahrscheinliche »Bildungsweg« der Tara Westover.
Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war. Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht. Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss … Wie Tara Westover sich aus dieser Welt befreit, überhaupt erst einmal ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt, um den schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie bewältigen zu können, das beschreibt sie in diesem ergreifenden und wunderbar poetischen Buch.
» Befreit wirft ein Licht auf einen Teil unseres Landes, den wir zu oft übersehen. Tara Westovers eindringliche Erzählung — davon, einen Platz für sich selbst in der Welt zu finden, ohne die Verbindung zu ihrer Familie und ihrer geliebten Heimat zu verlieren — verdient es, weithin gelesen zu werden.« J.D. Vance Autor der »Hillbilly-Elegie«

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.05.2019

Schockierend und öchst interessant. Ein Buch über eine junge Frau vor der man in jeder Hinsicht den Hut ziehen kann!

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Tara erzählt ihre bewegende und mitreißende Lebensgeschichte. In ihren jungen Jahren hat sie schon so vieles erlebt was mich als Leser teilweise zutiefst schockiert hat.
Der Vater lebt im Glauben der ...

Tara erzählt ihre bewegende und mitreißende Lebensgeschichte. In ihren jungen Jahren hat sie schon so vieles erlebt was mich als Leser teilweise zutiefst schockiert hat.
Der Vater lebt im Glauben der Mormonen und somit wächst Tara sehr Keusch und ländlich in einer Welt ohne Schule, Krankenversicherung, Ärzten und einem verzerrten Weltbild auf.
Es ist beeindruckend was Tara erreicht und sich aufgebaut hat. Sie hat es geschafft dieser Lebensform zu entkommen. Ohne Schulbildung, hat sie es geschafft, erfolgreich zu studieren und ihren Doktor zu absolvieren. Tara kam, als sie ihre Familie verließ, in eine neue Welt und brauchte sehr lang um diese zu verstehen. Als Leser dachte ich "wie heftig, sie kennt die einfachsten Sachen nicht...."
Tara stand sich oft selber im Weg, setzte sich zu sehr unter Druck, nahm kaum Hilfe an und hatte schließlich einen enormen Nervenzusammenbruch.
Das verzerrte Weltbild, welches sie jahrelang eingetrichtert bekam, konnte sie nur schwer vergessen und ablegen.
Oft hätte ich mir beim Lesen die Haare raufen können weil Tara immer wieder zu ihrer Familie und den Konflikten zurückgekehrt ist. Oft dachte ich "Lern doch endlich daraus und schließe mit diesem Kapitel ab, ihr kommt alle nicht auf einen Nenner". Klar ist das einfacher gesagt als getan wenn es um die Familie geht und man sich nach Liebe sehnt
Liebe hat Tara meiner Meinung nach aber nie wirklich erfahren. Die Kindheit von Tara und ihren Geschwistern war schon früh von schwerer körperlicher Arbeit geprägt. Entweder bei den Tieren, im Stall oder auf dem Schrottplatz ihres Vaters. Oft zogen sie sich dabei schwere Verletzungen zu die nur mit selbst hergestellten Ölen, Pasten und Salben behandelt wurden. Ärzte und Krankenhäuser sind Teufelswerk, so die Aussage ihrer Eltern. Tara glaubte das alles.
Die ganze Familie log und spann Intrigen und spielte die eigenen Familienmitglieder gegen die anderen aus.
Gewalt, stundenlange Maßregelungen und Wutausbrüche standen an der Tagesordnung. Tara dachte ihre Mutter sei all die Jahre ihre einzige Verbündete aber auch das stellt sich als eine grosse Lüge raus.
Ihr Vater hat die gesamte Familie, mit seinem verschobenen Weltbild und den Wahnvorstellungen, so sehr beeinflusst, dass sich fast alle ihre Geschwister und ihre Eltern von Tara abwenden.
Ich war zutiefst schockiert wie eine Familie sich so etwas antut und so miteinander umgeht.
Ich bewundere Tara für das was sie jahrelang durchgestanden und mit viel Kraft aufgebaut & erarbeitet hat. Tara ist so eine starke und disziplinierte Persönlichkeit vor der man nur den Hut ziehen kann!
Dieses Buch beinhaltet eine schockierende aber auch zugleich schöne Geschichte. Tara's Ausdrucksweise ist sehr wortgewandt und ihre Beschreibungen sind sehr detailliert, bildhaft und metaphorisch.
Es ist keine einfache und leichte Lektüre, man muss die ganze Zeit voll da sein um alles zu verstehen und nachvollziehen zu können. Nicht nur wegen der Geschichte an sich sondern auch wegen der Wortwahl und des Satzbaus.
Es ist so interessant wie Tara sich wandelt. Es ist total befreiend zu lesen wie Tara ein neuer Mensch wird. Ebenso wie es ihr geht - Befreit!

Veröffentlicht am 29.03.2019

Bildung macht einen bedeutenden Unterschied

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Aufgewachsen in den Bergen Idahos, inmitten einer Großfamilie, die sich voller Inbrunst dem Mormonentum widmet, autark leben möchte und Sozialismus ausschließt, beginnt die junge Tara Westover Glaubenssätze ...

Aufgewachsen in den Bergen Idahos, inmitten einer Großfamilie, die sich voller Inbrunst dem Mormonentum widmet, autark leben möchte und Sozialismus ausschließt, beginnt die junge Tara Westover Glaubenssätze und Überzeugungen ihres Vaters anzunehmen und zu verinnerlichen. Als fromme Mormonen sind die Westovers davon überzeugt, dass der Gang zur Schule etwas Böses sei. Die vom Sozialismus geprägte Gesellschaft sei vom Teufel unterwandert und nicht im Sinne Gottes, da unwahre Richtlinien und Gedanken nicht auf den Untergang vorbereiten würden und am Ende ins Chaos stürzen würden. Der Gang zum Arzt kommt in keinem Fall infrage und moderne Medizin lässt den Körper von innen verfaulen. Die Frau gehört in die Küche und die Familie kommt an erster Stelle.

Tara Westover schildert ihre Tage am Fuß des Berges und präsentiert dabei ihre wachsende Sehnsucht nach etwas, dass sie nicht zu denken wagt, da es den Weg ihrer Familie nicht entspricht. Das Leben stellt einen Menschen jedoch immer wieder vor Herausforderungen und Entscheidungen, sodass sie immer wieder dazu gezwungen wird zu hinterfragen, zu erkennen und zu entscheiden, ob sie vom Pfad abweicht oder sich für die bekannte Zone erwärmt, die ihr bisher als das wahre Leben erscheint. Da ist zum Beispiel ihr Bruder Tyler, der eine Entscheidung trifft, die sie bewundert, jedoch nicht versteht. Fragen über Fragen und Taras Neugier schaffen es einfach nicht, ihrer bekannten Weltordnung widerspruchslos zu folgen. Bis sie eines Tages eine Forderung stellt: Sie möchte schulische Bildung erlangen und etwas ändern.

Das Buch hat mich in vieler Hinsicht tief bewegt. Ein Leben ohne die Bildung, die ich bisher erhielt, kann und möchte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Bildung ist ein Schatz, der uns Verständnis, Sicherheit und Möglichkeiten geben kann. Ohne diese Möglichkeiten gäbe es so viele Mauern und Grenzen, die vielleicht noch nicht einmal erkannt werden würden.
Je mehr Bildung Tara zuteil wurde, desto größer wurde die Kluft zu ihrer Familie. Schmerzvolle Erkenntnisse und Angst vor dem Verlust der Wurzeln, vor dem Alleinsein, dem nie mehr Umkehren können, hielten Tara oft wach, stürzten sie in tiefe Gewissensbisse. Sie verriet ihre Familie! Je mehr sie das fühlte, desto mehr spürte sie den Verrat der eigenen Familie an ihr selbst. Das Dilemma ist handgemacht und doch fühlte ich beim Lesen jede Sekunde mit Tara, verstand ihre Gefühle.
Ihr Weg war nicht nur steinig und kalt, als Gläubige befürchtete sie zusätzlich, entgegen ihres bestimmten Lebens, wie sie dachte, zu handeln und den Weg der Sünde zu wählen.

Frau Westover, ich bin zutiefst gerührt, erschreckt und beeindruckt von Ihrem Lebensweg, der sie bis hierher führte und Sie nun dieses Buch geschrieben haben. Betrachten Sie es als Trophäe, den nichts anderes ist es. Eine Trophäe des Verständnisses, des Mutes und der Erfahrung, das Liebe immer einen Weg finden kann, wenn es gewollt ist.

Veröffentlicht am 10.03.2019

Überwältigende, bedrückende & inspirierende Biografie, die ihr euch nicht entgehen lassen solltet

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Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Tara Westover wächst in einer Familie fundamentalistischer Mormonen auf, die weder an Bildung noch an die moderne Medizin glauben. Der paranoide Vater bereitet seine ...

Spoilerfreie Rezension!


Inhalt

Tara Westover wächst in einer Familie fundamentalistischer Mormonen auf, die weder an Bildung noch an die moderne Medizin glauben. Der paranoide Vater bereitet seine Frau und Kinder jahrelang auf den Weltuntergang vor, setzt sie unglaublichen Gefahren aus und trichtert seiner Tochter immer wieder ein, wie eine „anständige“ Frau zu sein hätte. Dass es Tara Westover gelingt, aus dieser Welt auszubrechen, sich selbst genug Wissen anzueignen, um auf der Uni angenommen zu werden, und schließlich sogar zu promovieren, erscheint unglaublich. Und doch erzählt die Autorin in diesem Buch ihre wahre Lebensgeschichte…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seitenzahl: 448
Erzählweise: Ich-Erzähler, Präteritum
Perspektive: weiblicher Sicht geschrieben (Tara Westover)
Kapitellänge: meist mittel, manchmal kurz
Tiere im Buch: -! Es werden viele Tiere ohne schlechtes Gewissen getötet, um sie zu essen, oder auch verkauft, um geschlachtet zu werden. Zusätzlich wird ein Hund auf brutale, tierquälerische Weise und vollkommen grundlos getötet. Für Tierliebhaber ist dieses Buch daher nicht ganz so einfach zu verdauen.

Warum dieses Buch?

Als angehende Lehrerin liegt mir das Thema Bildung natürlich sehr am Herzen. Daher hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht. In reichen Ländern wie Österreich, die ein vergleichsweise gutes Schulsystem haben, wird der Zugang zu Bildung von uns und unseren Kindern oft als selbstverständlich angesehen. Dass hier eine Frau, die hart für ihre Bildung kämpfen musste, über dieses Thema spricht und uns dabei eine vielleicht völlig neue Sichtweise präsentiert, fand ich sehr interessant. Zudem wurde das Buch 2018 von Ex-Präsident Obama als Sommerlektüre empfohlen – eine Empfehlung, die ich nicht ignorieren wollte.

Meine Meinung

Einstieg (-!)

Der Einstieg stellt meinen größten Kritikpunkt dar: Es ist mir wahnsinnig schwer gefallen, einen Zugang zur Geschichte zu finden und ganz darin einzutauchen. Über mehrere Wochen und Monate habe ich mit diesem Buch gekämpft, habe es immer wieder weggelegt und überlegt, ob ich es abbrechen soll. Erst nach 150 Seiten, durch die ich mich trotz des einnehmenden Schreibstiles quälen musste, habe ich in die Geschichte gefunden. Woran das genau lag, kann ich nicht genau beschreiben – eventuell daran, dass die Handlung am Beginn nur sehr langsam fortschreitet oder daran, dass ich mich erst an den anspruchsvollen Schreibstil gewöhnen musste. Gebt nicht vor Seite 150 auf – es lohnt sich!

„‘Was ist College?‘, fragte ich.
‚College ist eine extra Schule für Leute, die zu dumm waren, es beim ersten Mal zu lernen“, sagte Dad.“ Seite 70

Schreibstil (♥)

Tara Westover hat einen anspruchsvollen Schreibstil, dieses Buch kann also auf keinen Fall nebenbei gelesen werden. Es dauerte etwas, bis ich mich an die Sprache gewöhnt hatte, doch dann habe ich sie lieben gelernt. Die Autorin schreibt sehr flüssig und angenehm, anschaulich, poetisch und ästhetisch. Kaum zu glauben, dass es sich hier um ein Debüt handelt! Gefühle werden nuanciert und mitreißend geschildert, auch spannende Passagen werden gekonnt inszeniert. Nur selten (vor allem am Beginn) gab es langatmige Abschnitte, die es mir etwas erschwert haben, mich zu motivieren, weiterzulesen. Liebhaber_innen von qualitativ hochwertiger Literatur werden diesen Stil lieben. Mit einer eindringlichen Erzählstimme und absolut wunderbaren Beschreibungen, Vergleichen, Metaphern und sprachlichen Bildern nimmt uns Tara Westover mit auf eine Reise, die ganz und gar unglaublich erscheint und die mich auch lange nach dem Lesen nicht losgelassen hat.

„Manchmal gibt es das in einer Familie: ein Kind, das nicht hineinpasst, das aus dem Rhythmus ist, dessen Metrum auf die falsche Melodie eingestellt ist. In unserer Familie war das Tyler.“ Seite 72

Inhalt, Themen & Botschaften (♥)

Was für ein Buch! Das waren die ersten Worte, die mir durch den Kopf gingen, als ich dieses Werk zuschlug. Tara Westovers Geschichte erscheint unwirklich, unglaublich: Es passiert so viel – Schönes, aber vor allem auch Schreckliches – , dass man im ersten Moment gar nicht glauben kann, dass es sich hier um eine Biographie mit Wahrheitsanspruch handeln soll und nicht um überdrehte Fiktion. Dabei war das Buch für mich stellenweise sehr schwer zu verdauen, vor allem was die Rückschläge, die Tara wiederfuhren, die intensiven Schilderungen der Gewalt in ihrer Kindheit und die schädlichen Frauen- und Männerbilder, die ihr so tief eingeimpft wurden, dass sie sich auch lange als Erwachsene, erfolgreiche Akademikerin nicht davon befreien konnte, betrifft. Auch heute scheint die Autorin noch mit ihrer Abstammung und Vergangenheit zu kämpfen, das Thema scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Auf jeden Fall wünsche ich der Autorin alles Gute und dass sie ihren Frieden findet.

Tara Westovers Geschichte macht wütend, ist überwältigend, berührend und schockierend, und sie führt dazu, dass man seine eigenen Bildungserfahrungen in einem ganz anderen Licht sieht. Die Hindernisse, denen ich auf meinem eigenen Bildungsweg als erstes Kind einer Arbeiterfamilie, das studiert, begegnete, erscheinen geradezu lächerlich und marginal, wenn man sie mit Taras Kampf um Bildung, Selbstbestimmung und Freiheit vergleicht. Ohne Frage ist sie eine beeindruckende Frau, die Unglaubliches geleistet hat.

Gewidmet ist das Buch Tyler, Taras älterem Bruder, der ihr ein wichtiges Vorbild war und sie immer unterstützt hat. Er wirkt tatsächlich wie ein Lichtblick in einer Welt, die als Außenstehende für mich absolut unwirklich erschien. Die Autorin schreckt vor den hässlichen Seiten ihres Lebens nicht zurück und beschreibt detailliert die schrecklichen Verletzungen, die ihre Familienmitglieder und sie selbst immer wieder erleiden und die nicht ärztlich behandelt werden. Für empfindliche Mägen ist das Buch daher mit Sicherheit nicht gut geeignet. Wichtige, aber schwierige Themen wie Unterdrückung, psychische Krankheiten, häusliche Gewalt, Fanatismus, die Loslösung von der eigenen Famlilie und Minderwertigkeitskomplexe werden ebenfalls nicht ausgeklammert, sondern ehrlich, feinfühlig, authentisch und tiefgründig behandelt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es für die Autorin schmerzhaft war, in ihren alten Tagebüchern zu lesen und dieses Buch zu verfassen. Doch es hat sich meiner Meinung nach gelohnt: Die vorliegende Geschichte ist einzigartig und inspirierend und ist es definitiv wert, gelesen zu werden.

Protagonistin und Figuren (♥)

„Es mag noch so klar sein, dass man einen Nervenzusammenbruch hat, nur einem selbst ist es nicht klar. ‚Mir geht’s doch gut‘, denkt man. ‚Vierundzwanzig Stunden nonstop ferngesehen gestern, na und? Ich bin nicht am Ende. Ich bin bloß faul‘.“ Seite 414

Es ist sehr leicht, mit Tara mitzufühlen. Mit jeder gelesenen Seite schließt man diese starke, niemals arrogante weibliche Protagonistin mehr ins Herz, will sie umarmen, trösten, schlicht aus dieser Familiensituation „retten“. Taras intensive Gefühle und ihre lebendige Gedankenwelt werden sehr anschaulich beschrieben, sodass es einfach war, ihre Handlungen, Ängste und Zweifel zu verstehen und ein Genuss, sie auf ihrer Reise zu begleiten.

Auch die anderen Figuren wirken lebendig und dreidimensional. Großen Respekt hat die Autorin dafür verdient, dass sie nach allem, was ihr vor allem von ihrem Bruder und ihren Eltern angetan wurde, auch die positiven Seiten ihrer Verwandten schildern und mit einem erstaunlich liebevollen Blick auf sie blicken konnte. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen wäre – wahrscheinlich nicht. Es wäre einfach gewesen, sie als böse Menschen darzustellen und sich damit die Wut von der Seele zu schreiben, doch Tara ist es gelungen, genau das nicht zu tun und ihre Familienmitglieder so ehrlich und authentisch wie möglich zu beschreiben. Das Ergebnis sind real wirkende Menschen, mit einnehmenden guten und erschreckenden negativen Seiten, die in den Graubereichen zwischen „gut“ und „böse“ zu Hause sind. Dankbar war ich beim Lesen jedem, der Tara in irgendeiner Weise geholfen hat und es gut mit ihr gemeint hat. Aus diesem Grunde gehörten Charles und Tyler zu meinen Lieblingsfiguren.

Spannung & Atmosphäre (+/-)

„Befreit“ gelingt es leider nicht durchgehend, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Vor allem am Beginn gibt es langatmige Stellen und Spannungseinbrüche. Nach dem ersten Drittel des Buches entwickelte das Buch jedoch einen regelrechten Sog, dem ich nur schwer entfliehen konnte. Ich wollte Tara unbedingt bis zum sehr gelungenen, lange nachklingenden Ende begleiten, auch wenn bei diesem trotz der großen Leistungen der Autorin ein seltsam unbefriedigender, ernüchternder und bedrückender Unterton mitzuschwingen scheint.

„Doch Rechtfertigung hat keine Macht über Schuldgefühle. Keine noch so große gegen andere gerichtete Wut kann sie lindern, weil die Schuldgefühle nie ‚sie‘ betreffen. Sie sind die Angst vor der eigenen Erbärmlichkeit.“ Seite 440

Feministischer Blickwinkel (♥)

Es gibt zwar viele frauenfeindliche Ansichten in diesem Buch (und frauenfeindliche Ausdrücke wie z. B. Hu++), doch stets werden die negativen, schmerzhaften und schädlichen Konsequenzen von toxischer Männlichkeit dargestellt. Man merkt, was dieses Gedankengut anrichten kann und kann das Buch daher als Kritik an veralteten, misogynen Frauenbildern und religiösem Fanatismus lesen. Zudem steht eine unglaublich starke, tolle Frau im Zentrum dieser Geschichte, die als Inspiration und Vorbild dienen kann, weil sie niemals aufgegeben hat und trotz aller Widerstände ihren Weg gegangen ist – auch wenn das sehr schwer war und es sicherlich auch immer noch ist. Dafür gibt es ein Herz.

Mein Fazit

„Befreit“ ist eine unglaubliche, überwältigende, berührende, bedrückende und schockierende Geschichte, die einem oft schwer im Magen liegt und die einen nach dem Lesen nicht so schnell wieder loslässt. Es lohnt sich, durchzuhalten, auch wenn man (wie ich) nicht sofort einen Zugang zur Geschichte findet. Taras Westovers Schreibstil ist anspruchsvoll, aber trotzdem flüssig, er ist poetisch, eindringlich und voller wundervoller Vergleiche und sprachlicher Bilder. Die starke weibliche Protagonistin ist eine beeindruckende, sympathische Persönlichkeit, die einem mit jedem Kapitel mehr ans Herz wächst und mit der ich intensiv mitgefühlt und mitgelitten habe. Großen Respekt hat die Autorin dafür verdient, dass sie es schafft, ihre Familienmitglieder authentisch und mit all ihren guten und schlechten Seiten darzustellen (trotz allem, was ihr angetan wurde) und dafür, dass sie auch schwierige Themen wie Fanatismus, psychische Krankheiten, Misogynie, die Loslösung von der eigenen Familie und physische und psychische Gewalt ehrlich, feinfühlig und tiefgehend behandelt. Auch wenn es vor allem im ersten Drittel des Buches Spannungseinbrüche und langatmige Stellen gibt, so ist das Kritik auf hohem Niveau. „Befreit“ ist nämlich insgesamt eine rundum gelungene Biographie und eine beeindruckende, inspirierende Lebensgeschichte, die beim Lesen etwas mit einem macht und einen in gewisser Weise verändert zurücklässt. Deshalb: Unbedingt lesen!

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Worldbuilding: 5 Sterne ♥
Einstieg: 2 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Protagonistin: 5 Sterne ♥
(Neben)Figuren: 5 Sterne ♥
Atmosphäre: 5 Sterne
Spannung: 3,5 Sterne
Ende: 4 Sterne
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Geschlechterrollen: ♥
Regt zum Nachdenken an!

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses gelungene Buch bekommt von mir 5 Lilien und ein Herz und somit den Lieblingsbuchstatus!

Veröffentlicht am 12.01.2019

eine Biografie die bei mir verschiedene Gefühle geweckt hat

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Die Amerikanerin Tara Westover, geboren 1986, hat über ihr bisheriges Leben eine sehr interessante Biografie geschrieben, welche den Titel „Befreit – wie Bildung mir die Welt erschloss“ trägt. Das Buch ...

Die Amerikanerin Tara Westover, geboren 1986, hat über ihr bisheriges Leben eine sehr interessante Biografie geschrieben, welche den Titel „Befreit – wie Bildung mir die Welt erschloss“ trägt. Das Buch ist auf Deutsch am 07.09.2018 im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen und umfasst 448 Seiten.



Dies wird eher eine kurze Rezi von mir werden, weil ich möchte, dass der Leser selber liest und eventuell dieselben Gefühle dabei empfindet wie ich. Anfangs habe ich gedacht, dass ihr Leben nur krass ist. Denn sie wächst in einer Familie auf die erst einmal normal war, aber bei ihrer Geburt schon sehr seltsam war. Die Kinder gehen nicht zur Schule, die älteren Geschwister mussten die Schule abbrechen um dem Vater zu helfen. Und der Vater erwartet oftmals das FBI oder den Weltuntergang und versucht alles dafür vorzubereiten. Zwar wusste ich, dass es solche Menschen gibt, aber zu lesen was dies mit Kindern anstellt, hat mich dennoch erschreckt. Ich war wütend auf die Eltern, vor allem auf die Mutter, welche doch normal war, und auf die Großeltern, welche völlig normal waren, dass niemand den Kindern helfen wollte. Fassungslos, wütend und besorgt war ich als Tara dann mit 10 Jahren auch helfen musste auf dem Schrotplatz ihres Vaters zu helfen, dass dies nicht ohne körperlichen Schaden klappte, sollte eigentlich klar sein. Wie die Familie mit Unfällen, auch der Kinder umging, half auch nicht mich zu beruhigen. Wie Tara es dann raus schaffte und ihren Weg fand, muss man einfach selber lesen. Denn ihren Mut und ihre Stärke bewundere ich.



Fotos gibt es keines, was ich aber verstehen kann, denn dies wäre auch in meinen Augen zu privat.



Das Buch ist übrigens in einem sehr flüssigen Schreibstil geschrieben und die Kapitel enden in spannenden Momenten, so dass man unbedingt wissen will wie es weiterging, so dass man weiterliest und das Buch bald beendet ist.



Eine Biographie die sehr interessant ist, mich sehr mitgenommen hat und bei der ich nicht weiß ob ich diese Geschichte anderen Leuten wirklich empfehlen kann. Wem jedoch ihre Kindheit schon nicht abschreckt, der kann versuchen dieses krasse Buch zu lesen.

Veröffentlicht am 13.12.2018

Eine schockierende und bewegende Geschichte

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Kurzmeinung:
Ein Buch, das mich aus verschiedenen Gründen beim Lesen unglaublich wütend gemacht hat. Insgesamt habe ich mit diesem Buch eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt –von Trauer und Wut bis ...

Kurzmeinung:
Ein Buch, das mich aus verschiedenen Gründen beim Lesen unglaublich wütend gemacht hat. Insgesamt habe ich mit diesem Buch eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt –von Trauer und Wut bis Freude und Stolz war alles dabei. Taras Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und obwohl es mich emotional so mitgenommen hat, konnte ich doch keine Pause einlegen, weil ich einfach immer wissen musste, wie es mit ihr und ihrer Familie weitergeht.
Eine Geschichte, die schockiert, die ans Herz geht, die einem beim Lesen viel abverlangt, die aber irgendwie auch Mut macht.


Meine Meinung:
Dieses Buch hat mich aus verschiedenen Gründen beim Lesen unglaublich wütend gemacht hat. Einerseits hat mich Taras Familie so wütend gemacht. Da ist ihr Vater, der ihr Bildung verweigert und ein Weltbild aufzwingt, welches geprägt ist von Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn. Ein Vater, der ihr vermittelt, dass sie niemandem trauen kann und alle anderen Menschen ihre Feinde sind. Ein Vater, der, obwohl er sie nicht aktiv misshandelt, sie so großen Gefahren aussetzt, dass es schon Kindeswohlgefährdung darstellt. Von Klein auf muss Tara auf dem Schrottplatz der Familie mitarbeiten, schwere körperliche Arbeit leisten und sich immer wieder in Gefahr bringen.
Dann ist da noch ihre Mutter, die ihr kein weibliches Vorbild ist, sondern sich immer den Wünschen des dominanten Vaters beugt; die nie für ihre Tochter einsteht. Eine Mutter, die selbst bei schwersten Verletzungen nicht der Schulmedizin vertraut und dadurch mehrmals das Leben ihrer Kinder gefährdet.
Und dann ist da noch Taras älterer Bruder Shawn, der mich am wütendsten gemacht hat. Er misshandelt seine kleine Schwester sowohl psychisch als auch körperlich. Trichtert ihr immer wieder ein, dass sie nichts wert sei, eine Hure sei. Unvorstellbar, was das mit der Psyche eines jungen, heranwachsenden Mädchens macht. Und umso erstaunlicher, dass Tara Westover es dennoch geschafft hat, sich davon zu befreien.

Auf der anderen Seite war ich aber teilweise auch wütend über Tara. Kaum hat sie einige kleine Fortschritte gemacht und sich etwas von ihrer Familie und deren manipulativem, fanatischem Weltbild gelöst, macht sie wieder tausend Schritte zurück und begibt sich wieder in den Einflussbereich ihres Vaters, lässt sich in alte Gedanken- und Verhaltensmuster zurückziehen und sich von ihrem Bruder misshandeln. Natürlich ist meine Wut auf sie überhaupt nicht gerechtfertigt. Wie unglaublich schwierig muss es sein, sich von so einer Gedankenwelt zu distanzieren, die dir Jahrelang als die einzig Wahre eingeprägt wurde –fast schon mit Methoden von Indoktrination. Und trotzdem habe ich es beim Lesen eben manchmal so empfunden, weil Tara mir einfach so leid tat und ich es nur schwer ertragen konnte, sie wieder in dieses Umfeld des Missbrauchs zurückkehren zu sehen, nachdem sie doch gerade erst zarte Fortschritte gemacht hatte.
Aber genau das ist eben auch die große Stärke des Buches. Das der/die Leser*in tatsächlich mitverfolgen kann, wie unglaublich schwer der Prozess des Loslösend von der eigenen Familie ist und von den Werten und dem Weltbild, mit dem man aufgewachsen ist. Diese innere Zerrissenheit, der innere Kampf von Tara wurde sehr deutlich.

"Es ist merkwürdig, wie viel Macht über dich du den Menschen gibst, die du liebst." (Aus Befreit, S. 278)

Der Teil, in dem die Bildung ihr dann tatsächlich die Welt erschlossen hat, hat dann gar nicht mehr so großen Raum in der Geschichte eingenommen, war aber trotzdem sehr interessant. Und der Weg, den sie (trotz oder wegen) ihrer Kindheit und den widrigen Umständen, unter denen sie aufgewachsen ist, geht, ist sehr beeindruckend.

"Die Fertigkeit, die ich mir aneignete, was wesentlich: die Geduld, Dinge zu lesen, die ich noch nicht verstand." (Aus Befreit, S. 98)



Fazit:
Insgesamt habe ich mit diesem Buch eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt –von Trauer und Wut bis Freude und Stolz war alles dabei. Taras Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und obwohl es mich emotional so mitgenommen hat, konnte ich doch keine Pause einlegen, weil ich einfach immer wissen musste, wie es mit ihr und ihrer Familie weitergeht.
Ich könnte noch ewig weiter über dieses Buch schreiben. So sehr hat mich das Buch bewegt, so sehr haben mich die Themen erschüttert und Gedanken nicht mehr losgelassen. Aber das würde hier glaube ich den Rahmen sprengen und deswegen sage ich lieber: lest dieses Buch am besten einfach selbst.