Moral
Die Schneiderei in der Fliedergasse - Neue Hoffnung„Wenn deine Prinzipien einen Preis haben, dann sind es keine wahren Prinzipien.“ [kindle, Pos. 2011]
Die zwanzigjährigen Zwillinge Susanne und Leonard gehen ihren Berufungen nach, das Mädchen studiert ...
„Wenn deine Prinzipien einen Preis haben, dann sind es keine wahren Prinzipien.“ [kindle, Pos. 2011]
Die zwanzigjährigen Zwillinge Susanne und Leonard gehen ihren Berufungen nach, das Mädchen studiert mit Eifer Jus, während ihr Bruder in der Schneiderei der Mutter flink ans Werk geht. Allein die von der Stadt Tübingen vorgeschriebene Renovierung des Geschäfts- und Wohnhauses wirft Probleme auf, denn dafür fehlt schlicht und einfach das Geld.
Nahtlos schließt Teil 2 an den Vorgänger an, wobei das Lesevergnügen mit Vorkenntnissen bestimmt größer ist als ohne, aber auch für Neueinsteiger gibt es ausreichende Details fürs Verständnis der Handlung. Die Themen der 1970er-Jahre werden auch diesmal aufgegriffen: traditionelle Rollenbilder und deren vorsichtiges Aufbrechen, politische Proteste der (linken) Studenten oder (rechte) Burschenschafter, wodurch die fiktive Handlung eine authentische Kulisse bekommt. Die Figuren sind lebendig gezeichnet, gerne möchte man sich als Leser mit der ein oder anderen auf einen Kaffee treffen und über moralische und vernunftorientierte Entscheidungen plaudern. Eines ist klar, einfach fällt es den Zwillingen nicht, das Geld für die Hausinstandsetzung aus einer passenden Quelle aufzutreiben.
Mit ihrem herzlichen Schreibstil punktet das Autorenduo Andrea Bottlinger und Claudia Hornung, welches sich hinter dem Namen Katharina Oswald verbirgt, auch diesmal, die Szenen sind bildhaft und bestens vorstellbar. Ebenso realistisch stellen sich die Gedanken und Gefühle der Zwillinge dar, sodass man sich bestens in ihre Situation hineinversetzen kann, insbesondere, wenn es um die Begegnungen in Strasbourg geht. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, mit einer für die Zeit eher unüblichen Leichtigkeit fließt sogar das Thema Homosexualität ins Geschehen ein. So reiht sich ein kurzweiliges Kapitel ans andere, liefert Informationen ohne erhobenen Zeigefinger und lässt die 1970er-Jahre wieder aufleben sowie Erinnerungen hochkommen. Danke für Leonard Cohens Lied Suzanne oder die Portraits von Rosa Parks und Emma Goldmann, um nur einige stellvertretend zu nennen.
Ein vordergründig locker-leichtes Buch, das aber eine Vielfalt an tiefgründigen Fragen beleuchtet und somit gleichsam unterhält und nachdenklich stimmt. Ich empfehle die beiden Bände daher sehr gerne weiter.