Vergangenheit, Schuld und Sehnsucht
Manche Bücher erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern hinterlassen ein Gefühl, das noch lange nach dem Lesen bleibt – genau so ging es mir mit Kala. Colin Walsh verbindet auf beeindruckende Weise Gegenwart ...
Manche Bücher erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern hinterlassen ein Gefühl, das noch lange nach dem Lesen bleibt – genau so ging es mir mit Kala. Colin Walsh verbindet auf beeindruckende Weise Gegenwart und Vergangenheit und springt dabei immer wieder zurück in jenen Sommer, der für eine Gruppe Jugendlicher alles verändert hat. Gerade diese Rückblicke machen den Roman so intensiv, weil man Stück für Stück versteht, wie sehr die Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt.
Besonders gelungen fand ich die unterschiedlichen Perspektiven von Mush, Helen und Joe. Jede Stimme fühlt sich eigen an, jede Figur trägt ihre eigenen Verletzungen, Erinnerungen und Wahrheiten mit sich herum. Am meisten mochte ich allerdings Mush. Seine Beobachtungen, seine Unsicherheit und gleichzeitig seine tiefe Loyalität machen ihn für mich zur emotionalsten Figur des Romans. Gerade durch ihn spüre ich besonders stark diese Mischung aus Sehnsucht, Schuld und dem Wunsch, die Vergangenheit irgendwie begreifen zu können. Vor allem Joe hat mich mit seiner Erzählweise später ebenfalls vollkommen in den Bann gezogen.
Anfangs war ich allerdings nicht sofort überzeugt – der Einstieg wirkte auf mich etwas sperrig, und ich brauchte Zeit, um mich an die wechselnden Erzählstimmen zu gewöhnen. Doch genau darin liegt letztlich auch die Stärke des Romans: Sobald man sich darauf einlässt, entwickelt die Geschichte einen regelrechten Sog.
Ein wichtiger Bestandteil der Atmosphäre ist „The Other Side“, dieser geheimnisvolle Ort, der in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Er steht sinnbildlich für Freiheit, Jugend, Gefahr und all das Ungesagte zwischen den Figuren. Dadurch bekommt der Roman fast etwas Mythisches.
Kala ist für mich eine besondere Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und subtil aufgebautem Thriller. Das Ende hat mir beinahe das Herz gebrochen – leise, tragisch und lange nachwirkend. Ein Roman über Freundschaft, Schuld, Verlust und die Frage, ob man der eigenen Vergangenheit jemals wirklich entkommen kann.