Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Roman - Die Entdeckung einer großen literarischen Stimme
Was verbindet uns mit denen, die vor uns kamen?
Mit einem heimlich geschlachteten Schaf beginnt der Blick in die Innereien einer Familie. Hier rührt die Urgroßmutter das Blut für die Würste, der Großonkel schläft fünfzehn Jahre lang, und die Großmutter stiehlt nachts die Ziegel vom Dach. Am Ende steht die Urenkelin Alma und fügt die Einzelteile der Familiengeschichte zusammen: vom kargen Alltag auf einem Bauernhof an der Nordsee über den Krieg und den Neuanfang fern der Heimat bis in die Gegenwart, in der die Großmutter ins Heim muss und Alma versteht, dass sie das letzte Glied in der familiären Kette ist.
In kurzen, virtuos verdichteten Passagen entfaltet Anna Maschik einen ganzen Kosmos – die Familie als ein großer Resonanzkörper, in dem die Prägungen widerhallen über die Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von bevorzugten Geschwistern, vom Scheitern am Schlaf und an der Sprache, von der Verwandlung in ein Möbel, einen Wolf, einen Zitronenbaum. Lakonisch und voll schwebender Magie erzählt sie davon, was Vorbestimmung ist und ob man ihr entkommen kann.
Anna Maschik entfaltet eine vier Generationen umspannende Familiengeschichte, die am ersten Tag des 20. Jahrhunderts beginnt und von der am Ende als einzige übrig gebliebenen Alma erzählt wird.
Die Zitronenscheibe ...
Anna Maschik entfaltet eine vier Generationen umspannende Familiengeschichte, die am ersten Tag des 20. Jahrhunderts beginnt und von der am Ende als einzige übrig gebliebenen Alma erzählt wird.
Die Zitronenscheibe des Titelbildes offenbaren sich erst auf den letzten Seiten, bis dahin nimmt man als Leser am Leben aller Familienmitglieder einige Momente teil. Das Augenmerk liegt hierbei auf den Fauen der Familie, die sich bei allen Unterschieden am Ende doch sehr ähnlich sind.
Die Sprache der Autorin ist beobachtend und analysierend, viele der kurzen Kapitel enthalten ein nüchternes Fazit des Gesagten in Listenform. Dieser Erzählstil ist recht unbequem und sperrig, trotzdem liest sich das Buch gut, man muss sich allerdings darauf einlassen. Durch den kargen Stil bleibt das Buch kurz, ufert nicht aus und schafft es trotzdem Atmosphäre zu vermittelt; vielleicht grade dadurch, dass vieles unerwähnt bleibt.
„Wen du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist ein literarisches Werk von Anna Maschik. Auf 240 Seiten erzählt es die Geschichte einer Bauernfamilie über vier Generationen.
Aus der ...
„Wen du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ist ein literarisches Werk von Anna Maschik. Auf 240 Seiten erzählt es die Geschichte einer Bauernfamilie über vier Generationen.
Aus der Ich-Perspektive von Urenkelin Alma erzählt, beginnt die Geschichte mit ihrer Urgroßmutter Henrike, die während des Krieges in Norddeutschland auf dem Land schuftete. Um ihre Familie zu ernähren, schlachtete Henrike heimlich ein Schaf …
Dies ist ein einzigartiges Buch, das nicht nur Erzählungen, sondern auch Gedichte enthält. Anna Maschiks Sprache ist ungewöhnlich, prägnant, mit einem einzigartigen Ton und poetischer Qualität, die viel Raum für die Fantasie des Lesers lässt. Obwohl es für mich eine schwierige Lektüre war, regte es zum Nachdenken an. Kurz gesagt: Es ist ein tiefgründiges Buch. Mir ist nicht sicher, ob es anderen gefällt.
„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik hatte sowohl durch den ungewöhnlichen Titel, das schöne Cover und den interessanten Klappentext meine Aufmerksamkein auf ...
„Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ von Anna Maschik hatte sowohl durch den ungewöhnlichen Titel, das schöne Cover und den interessanten Klappentext meine Aufmerksamkein auf sich gezogen.
Alma erzählt die Geschichte ihrer Familie, über Generationen hinweg. Alles beginnt zu Zeiten des Krieges und mit dem bäuerlichen Alltag an der Nordsee. Von dahin bis heute begleiten wir die Urgroßeltern, Großeltern, die Mutter, den Großonkel und andere Familienmitglieder bis hin zur Urenkelin Alma.
„Warum es mich gibt:
Weil nach zwei bis drei Tagen nichts herauskommt
Weil sich die Bauchdecke nicht entzündet
Weil ein zweiter Versuch zu teuer ist
Weil aus dem sturen Embryo meine Mutter wird“
„Als Anna mit ihrer schwarzen Tasche an der Tür steht, ist es schon auf der Welt, ein Mädchen, das sie Hilde nennen. Henrike betrachtet das runde Gesicht mit den strahlend blauen Augen und spürt eine Wut in sich aufsteigen, die Augenfarbe dieses Kindes vor jener ihres Sohnes zu kennen. Sie denkt, schade, dass es ein Mädchen ist, sie wird es schwerer haben als ein Junge, wird gebären und nähren müssen und viel erdulden auf der Welt, aber darauf werde ich sie vorbereiten. Sie trägt das Neugeborene an Benedikts Bett und sagt, sieh nur, das ist dein Bruder, pass gut auf ihn auf und sorge dich stets um ihn, denn er ist etwas Besonderes.
Georg hofft, dass dieses zweite, gesunde Kind Henrike aus ihrem schlafwandelnden Zustand erwecken wird. Er denkt, gut, dass es ein Mädchen ist, sie wird es leichter haben als ein Junge, wird auf dem Hof nicht die schwersten Arbeiten verrichten und nicht in den Krieg ziehen müssen, falls es noch einmal dazu kommt. Frauen, hat er gehört, gehen in den Städten jetzt in die Universitäten, und er sieht seiner Tochter an, dass sie klug und wissbegierig ist, schon als sie noch ganz klein ist und auf seinen Schultern sitzt, die Augen immer gen Horizont gerichtet. Er verspricht ihr, ich werde dich nicht aufhalten, du wirst nicht in der engen Welt des Dorfes bleiben müssen wie dein Bruder, du nicht.“
„Nach Miriams Geburt gehört Hildes Körper nicht mehr ihr selbst. Wann immer sie die Tochter hochhebt, wünscht sie sich auf ein weites, flaches Feld, auf dem sie nicht von winzigen Händen begrapscht und bedrängt wird. Sie beschließt, sich an die Schwiegermutter zu wenden, da sie nicht weiß, an wen sonst. Sie sitzt bei Maria am Küchentisch, hat es kaum bis hierher geschafft, das Glas Wasser zittert in ihrer Hand. Sie überwindet sich zu sagen, es ist hart mit diesem Kind, unerträglich eigentlich. Ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann. Mir ist etwas Schlimmes widerfahren, Maria. Ich fühle mich nicht wie ich selbst.
Maria blickt nur eine Sekunde lang seitlich vom Herd auf. Dann sagt sie, Kinder bekommen ist das Natürlichste auf der Welt. Der Körper der Frau ist dafür geschaffen. Wenn er das nicht kann, was dann? Ich habe Konrads Geburt als die schönsten Stunden erlebt. Darauf sagt Hilde nichts mehr.“
Trotz einiger guter Momente fand ich leider den Schreibstil sehr gewöhnungsbedürftig. Und bei den vielen Personen und Zeitsprüngen war es schwer, immer zu wissen, wo man sich gerade befand und wer wer ist.
Einiges an der Geschichte fand ich schlicht zu unrealistisch: dass ein Kind erst als junger Erwachsener aufwacht, dann aber sofort laufen und sprechen kann. Nein ... Und das Ende war mir dann auch zu abstrakt.
Insgesamt ein ungewöhnlicher Generationenroman, der mich leider aber nicht wirklich begeistern konnte.
Dennoch vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley.
Erster Eindruck: Das ist ein Buch mit ganz viel Luft. Hier hat man sich wirklich Mühe gegeben, den Text auf mehr als 200 Seiten zu strecken, die Schrift ist riesig und die vielen kurzen Kapitel haben viel ...
Erster Eindruck: Das ist ein Buch mit ganz viel Luft. Hier hat man sich wirklich Mühe gegeben, den Text auf mehr als 200 Seiten zu strecken, die Schrift ist riesig und die vielen kurzen Kapitel haben viel Platz.
Der Text selbst ist schlicht und hat eine ganz eigene Poesie. Die Sprache ist knorrig, direkt, geradeaus und damit sehr norddeutsch.
Es geht um eine Bauernfamilie, die einen kleinen Hof an der Nordsee betreibt. In kurzen Passagen reist man durch mehrere Generationen, die Orientierung ist nicht einfach. Man weiß nicht immer gleich, von wem die Rede ist, aber es gibt Gemeinsamkeiten: Es ist immer jemand absonderlich, es gibt immer Problemkinder und Lieblingskinder. Oft ist sogar das Problemkind das Lieblingskind, das die ganze Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter bekommt. Es gibt Krieg und es werden Schafe geschlachtet, manch einer verlässt das Dorf und lebt anderswo weiter.
Das ist zweifellos Kunst und gut gemacht, mir war es aber auf Dauer zu fragmentarisch. Die karge Sprache wirkt irgendwann monoton, selbst wenn immer wieder zur Auflockerung Listen wie ein Gedicht dargeboten werden. Auch die Handlung geht gleichförmig dahin, da kommt der Krieg und geht.
Dieses Buch hat auf jeden Fall sehr eigenen Charme, konnte mich dann aber doch nicht sonderlich fesseln.
Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie ...
Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, vor allem mit dem Blick auf die Linie der Mütter gelenkt. Der Schwerpunkt auf die weibliche Orientierung setzt sich fort bei der Bedeutung der Hebamme, Leichenfrau und auch einer Schwiegermutter.
Die Ich-Erzählerin Alma erklärt gleich am Anfang des Romans, dass ihre Erzählung wie „eine Eingeweideschau“ ablaufen würde. Und damit liegt sie auch richtig.
Der Roman setzt mit der Geburt des neuen Jahrhunderts ein, auch Almas Urgroßmutter Henrike wird 1900 als Bauerntochter in ein kleines Dorf an der Nordsee geboren. Ihre Mutter stirbt, als Henrike 13 Jahre alt ist. Von dem Moment an lastet die Verantwortung der vier kleineren Geschwister, des Haushaltes und schließlich auch des Hofes auf ihren Schultern, als der Vater im 1. Weltkrieg fällt.
Damit ist die Härte und Kargheit der Erzählung gesetzt. Henrike, wie auch die Töchter und Enkelinnen nach ihr, kommen notfalls alle auch ohne Mann zurecht. Schon als Kind hat Henrike Schlachten und Wursten von der Mutter gelernt und wird es so auch weitergeben. Dieses Wissen des Schafschlachtens sichert ihr im nächsten Krieg das Überleben. Es ist eine Linie von Frauen, die viel tragen und ertragen müssen.
Das Leben der Familien ist über Generationen geprägt von Schweigen, Bitternis und dem Wunsch, anders zu agieren als die vorherige Generation. So findet sich eine Vielzahl, sich mehrfach in verschiedenen Generationen wiederholender Motive. Man wünscht, es anders zu machen, fällt aber unbewusst in dieselben Muster zurück.
Es gibt Wunschkinder, Lieblingskinder, solche die Hiebe kassieren und jene, die man am liebsten abgetrieben hätte. So erfahren Lieblingskinder Zuwendung durch das Lied „Dat du min Leevsten büst“, während die anderen ohne auskommen müssen, kommunikative kleine Töchter werden mit mütterlicher Ablehnung konfrontiert, während die Väter sie wohlwollend als „kleines Tagblatt“ bezeichnen.
Die Frauen des Romans sind kommunikativer und auch zupackender als die Männer – die Väter, die Söhne. Da gibt es Söhne, die bildhaft erst mit 15 Jahren zum Leben erwachen oder im Laufe des Lebens in Holz erstarren.
Die auffallend vielen Motive und die vielsagenden Metaphern unterstützen das anfängliche Bild der Eingeweideschau. Man blickt in das nunmehr tote Objekt und erkennt Zusammenhänge, Strukturen, Bildhaftes.
Alma, die Erzählerin, versucht sensibel, mit eher kindlichem Blick das Geflecht der familiären Eingeweide zu entwirren, die Muster und Zusammenhänge zu erkennen.
Es überkommt einen das Gefühl der Freud- und Trostlosigkeit: Not und Krieg entfremdet die Menschen, ein Mantel des Schweigens legt sich auch über wichtige Ereignisse, oft lässt einen die Empathielosigkeit frösteln.
Maschiks Erzählweise ist ungewohnt und eigenwillig und dennoch poetisch. Sie trägt die Ereignisse und Gefühlsimpressionen locker wie kleine Mosaiksteine zusammen.
Sprachlich verknappt stellt sie Aussagen und Dinge in Listenform auf gegenüberliegenden Seiten gegeneinander. Es bleibt viel freier Raum auch auf den Seiten zum eigenen Füllen durch innere Bilder.
Auffallend sind die vielen wiederkehrende Motive. Eines davon ist die Zitrone, die im Cover einen krassen Kontrast zum Titel darstellt. Sie sind Entdeckungen, die der Leser macht und seine eigene kleine Eingeweideschau anstellen kann.
An der Familie ziehen die Umbrüche in Laufe des 20 Jahrhunderts durch Krieg, Veränderungen in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft vorbei und lenken ihr Geschick. Aber mehr als das, ist es wohl die Prägung der Mutterlinie, die sich ausdrückt und deren Spuren Alma versucht zu verstehen und somit auch versucht, sich selber zu verstehen.
Ich fand es interessant, die reine Form des Romans zu ergründen. Aber wie beim Sezieren und Zerlegen des Schafes, konnte ich den emotionalen Abstand zu den Charakteren nicht überwinden. Doch vielleicht ist das auch gar nicht intendiert.