Achtung: Suchtgefahr!
„Truly Forbidden“ hat mich auf mehreren Ebenen überrascht – beginnend bei dem Genre, denn es handelt sich nicht, wie durch diverse Social-Media-Auftritte behauptet und durch das Cover vermutet, um eine ...
„Truly Forbidden“ hat mich auf mehreren Ebenen überrascht – beginnend bei dem Genre, denn es handelt sich nicht, wie durch diverse Social-Media-Auftritte behauptet und durch das Cover vermutet, um eine Dark Romance (geschweige denn um eine Romantasy xD).
Vor fünf Jahren verließ Calla Livitin ihre Heimatstadt, um in New York zu studieren. Ein Fauxpas kurz vor ihrer Abreise und all die mit Staindrop verbundenen Erinnerungen machten es ihr unmöglich, zurückzukehren. Bis sie ihrem Vater die letzte Ehre erweisen und für ein paar Wochen ihrer Mutter zur Seite stehen will. Dass eine Begegnung mit ihrer ehemals besten Freundin und ein Aufeinandertreffen mit Ambrose nicht lange auf sich warten lassen, hindert die Kellnerin nicht an ihrem Plan, zu bleiben. Doch Dot braucht dringend einen Job. Und in Rows 3 Sternerestaurant, dem von den BewohnerInnen abgelehnten Projekt des einstigen Lieblings, wird dringend Personal gebraucht.
Aber Ambrose würde lieber auf dem Mars wohnen als das Mädchen, dem er einst die Unschuld nahm, für die er damals alles aufgeben wollte, hätte sie ihn nur gebeten, zu bleiben, heute eine Frau, in seiner unmittelbaren Nähe zu dulden … Eigentlich.
Denn Row ist noch immer Row und Cal … ist noch immer die tollpatschige, unbeholfene, schrullige Kindheitsfreundin seiner Schwester …
Shen bediente sich skurriler Situationen und unglaublich witziger Wortgefechte, die direkt aus einer RomCom stammen könnten. Zudem finden sich die Tropes „Smalltown“, „Brothers-best-friend“, „First-Love“, „GrumpyxSunshine“ & „Second-Chance“. Auch die sehr spezielle Charakterzeichnung sorgt einerseits für viel Humor und pure Unterhaltung, einen gewissen Wohlfühlfaktor, andererseits für rührende, schockierende Momente:
L. J. Shen
Calla Livitin wirkt wie eine lebensfrohe, übersprudelnde und selbstbewusste junge Frau, die Sinn für Humor und Peinlichkeiten hat. Doch als Kind einer Einwandererfamilie, die ihr Erbe stolz in die Kleinstadt trug, hatte Dot eine schwere Kindheit samt Jugend, die einzig durch ihre Eltern und die Casablancas erträglich wurde. Mobbing, Misshandlung und Missbrauch lehrten sie, niemandem zu vertrauen, vor allem keinen Männern, förderten ihre nervösen Ticks, begünstigten eine Sozial- sowie Androphobie. Auch nachdem sie – gedemütigt und Dylan beraubt – ihrer Heimat den Rücken gekehrt hatte, konnte sie sich nicht von dem Einfluss ihrer Vergangenheit lösen. Nur McMonster, einem Gesichtslosen, den sie im Forum für Menschen mit Angst vor Männern kennenlernte, gibt ihr Halt.
Nun, wieder hier, ist es der People-Pleaserin ein Bedürfnis, zu helfen, doch um gegen Ungerechtigkeiten und Intrigen, die die Stadt beherrschen, aktiv vorgehen zu können, muss sich Dot erst ihrem eigenen Trauma entgegenstellen. Und dann … dann kann sie vielleicht aus ihrem Traum, für den sie in Staindrop genügend Futter bekommt, Realität machen, den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen und Liebe zulassen.
Row hat sich seinen Erfolg und seinen Ruf hart erarbeitet, verschaffte sich weltweit mit der Kombination aus direktem Arschl*chverhalten, Geschäftssinn und seinem Talent für die Gourmetküche Respekt. Das ‚Descartes' sollte der verarmten, festgefahrenen Einwohnerschaft von Staindrop zu Aufmerksamkeit und Wachstum verhelfen, doch seine Pläne sorgen für brodelnden Unmut. Für Hassmails, Vandalismus und Stalking. Aber Ambrose Casablancas kümmert das nicht. Denn sobald das neue Jahr anbricht, wird er nach London aufbrechen und seine Karriere vorantreiben … Wäre es nur nicht so schwer, Dot jeden Tag zu sehen, sich gegen das zu wehren, was unausweichlich ist. Die Versuche, nicht mehr in der exzentrischen Frau zu sehen als einen One-Night-Stand, den er nie vergessen konnte, als ein unverbindliches Abenteuer, kommen ihm, seiner Gefühlskälte, in die Quere und bringen alles durcheinander … Perfektes Chaos.
Es gibt so viel über die Figuren zu sagen, die so unglaublich authentisch und echt gezeichnet wurden, dass es mir schwerfiel, sie ziehen zu lassen. Denn vor allem die Protagonisten sind absolute Herzmenschen!
L. J. Shen baut ihre Storyline nach und nach auf, lässt uns die Gegebenheiten, die Konflikte und die Stimmung – sowohl zwischen einzelnen Parteien als auch innerhalb der Kleinstadt – ergründen und gewährt uns intensive und detaillierte Einblicke in Dot & Row. Dass nicht nur Cal kämpft – mit der Trauer um ihren Vater, ihrer Perspektivlosigkeit und einer tragischen Vergangenheit inkl. schwerem, fest verankertem Trauma –, sondern auch Ambroses defensive Einstellung und sein unfreundliches Verhalten einen unerwarteten, schrecklichen Ursprung haben, lässt die Art des erfolgreichen Kochs nachvollziehbar werden, weckt Mitgefühl und den Drang, beide in Umarmungen zu hüllen.
So bemüht distanziert und erzwungen das „erwachsene“ Miteinander zwischen ihnen begann, so ehrlich, innig und explosiv wandelt sich diese Dynamik, die für Seufzer, Herzklopfen und „Ich will das auch!“ sorgt. Es war wunderschön, ein stetiges Auf und Ab, wankelmütig, total witzig und sehr emotional. Denn Row ist so viel mehr und Cal so voller Angst …
In „Truly Forbidden“ treffen wir auf weitere, die Handlung bereichernde Figuren – Dylan, die ebenfalls eine Ladung Probleme mit sich trägt und dennoch eine wunderbare, forsche beste Freundin ist, die man selbst in seinem Leben will. Rhyland – Rows „bester Freund“ und ein Charmeur, Kieran und die coolen Mütter der Hauptakteure. Auch Personen, die zwielichtiger nicht sein könnten, finden sich in der Kleinstadt.
Shens Stil ist wie gewohnt direkt, gefühlvoll und malerisch. Sowohl das Setting als auch die Charaktere und der Verlauf kamen bildreich und atmosphärisch zur Geltung, die melancholischen Aspekte überschatteten nie die Leichtigkeit. Es gab Schmerz, Tränen und Erleichterung, Wahrheiten, die die Kraft haben, einen Menschen zu zerbrechen, Wege, die nur noch, mutig, gegangen werden müssen, kraftvolle Aussagen und so vieles, das mich tief bewegt hat.
Die Intentionen und Zweifel des Einzelnen wurden nahbar dargelegt – auch jene derer, die kein Verständnis verdienten. Callas und Rows gewaltiges Wachstum, sowohl miteinander als auch jedeR für sich, ist reich an Abwechslung, Höhen und Tiefen.
Ein Genuss.
Der augenscheinlich recht üppige, jedoch von Anfang an mitreißende Verlauf besteht aus wichtigen, sensiblen Themen, Gänsehautmomenten, Heartbreaking-Vibes und Cozy-Feels; aus spannenden, temporeichen und überraschenden Ereignissen, aus Romantik, Witz und Spice. Wir finden ebenso viele anrüchige wie bizarre Gedanken, etliche Fragen, die nach und nach beantwortet werden, ergreifende Offenbarungen und Ängste, die so tief sitzen, dass sie alles Gute, jeden Funken Glück von sich stoßen …
Doch für Ambrose Casablanca gibt es nur alles oder nichts – wofür wird sich Calla Livitin entscheiden, wenn die Angst in ihren Knochen sitzt?
Fazit: Ich kann euch allen diese herzerwärmende, einheizende, unterhaltsame und definitiv nicht darke Romance sowas von empfehlen. Vorsicht: Suchtgefahr!
Anm.: Im Buch finden sich einige Fehler in Form von vergessenen/falschen Worten.