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Veröffentlicht am 29.03.2026

Nacht, Apotheke, Laterne, Straße

Die Netzflickerin
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Roemer Simon Minderhout ist ein schlauer Junge und möchte eigentlich nur Philosophie in Leiden studieren. Sein Onkel hat aber andere Pläne und so wird Simon Apotheker mit einer Examensarbeit in Philosophie ...

Roemer Simon Minderhout ist ein schlauer Junge und möchte eigentlich nur Philosophie in Leiden studieren. Sein Onkel hat aber andere Pläne und so wird Simon Apotheker mit einer Examensarbeit in Philosophie und übernimmt das Geschäft seines Onkels in Maassluis. Er ist ein bisschen eigenbrötlerisch und bleibt eher für sich. Als er von Hillegonda, einer Netzflickerin, in seiner Funktion als Apotheker um Hilfe gebeten wird, ist ihm klar, dass er damit womöglich den Widerstand gegen die deutsche Besatzung unterstützt.

In drei Abschnitten beschreibt der Autor das Leben von Roemer Simon. Der unbeschwerten Kindheit - was man so unbeschwert nennt -, folgt die Zeitspanne als Apotheker während der Besatzung und die Begegnungen mit Hillegonda. Im letzten Abschnitt vermischen sich die beiden ersten Teile zu einem brisanten Konglomerat, das man so keinesfalls erwartet hat. Das Leben des alten Apothekers, der mittlerweile schon im Ruhestand ist, wird auf den Kopf gestellt und er muss schließlich bei einem Freund untertauchen.

Ich habe jeden Abschnitt mit Begeisterung gelesen und wie verblüffend kleinste Elemente der ersten beiden Teile im letzten eingefügt und (wieder-)verwendet werden, hat mich wirklich überrascht. Die Lebensgeschichte eines niederländischen Mannes, der diese selbst mit nur vier Worten erschreckend eindeutig beschrieben findet: "'Nacht, Apotheke, Laterne, Straße.' Als sei sein ganzes Leben mühelos darin zusammengefaßt." (S. 412)

Sprachlich ist es ein bisschen "bunt"; es geht häufig um Themen der Philosophie und Religion (da gab es zwei Stellen, die mir etwas langatmig erschienen). Für mich spiegelt sich das ein bisschen in der Sprache wider, etwas distanziert und verschlungen, wenn (auch vertraute) Personen mit einander sprechen. Musik spielt ebenfalls eine Rolle, besonders im letzten Abschnitt. Die Handlung liest sich einerseits unterhaltsam und leicht, andererseits gilt es immer wieder "theoretische" Überlegungen, Einsprengsel einzuordnen bzw. zu bearbeiten. Insgesamt eine Lektüre, die mich gefesselt hat. Eine vermeintlich mehr oder weniger gewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, die im zweiten Teil, vor dem Hintergrund der deutschen Besatzung, eine nicht zu ahnende Entwicklung in Gang bringt.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Die Familiengeschichte der Borowskis wird weitergeschrieben

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski ...

"Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" hat mich wahnsinnig gut unterhalten, daher war ich auf den zweiten Teil sehr gespannt. Wir lernen nun mehr über das Leben von Dr. Evelyn Borowski und ihrer Tochter Silvia, die kein gutes Verhältnis zu einander haben. Auf zwei Zeitebenen wird einerseits Evelyns Weg zur Ärztin, Gattin und Mutter in der Nachkriegszeit beschrieben, andererseits die Rückkehr Silvias aus Berlin in die schwäbische Provinz 1989. Mit dabei ist ihr Baby Hannah, dem wir im ersten Teil als erwachsene Frau bei der Recherchearbeit zu Evelyns Erbschaft über die Schulter schauen durften.

Erst war ich enttäuscht, dass Hannah keine der Hauptrollen spielt, aber dann hat mich die Geschichte genau so gepackt, wie der erste Teil. Ganz wunderbar läßt die Autorin die Figuren in ihrer jeweiligen Zeit lebendig werden. Glaubwürdig hadern sie mit ihren Lebensumständen, treffen richtige und fatale falsche Entscheidungen und entfremden sich. Als am Schluss Silvia wieder nach Berlin fährt, sind nicht nur die Grenzen offen.

Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, der sich lückenlos in die Geschehnisse des ersten Bandes einfügt. Alena Schröder schreibt so lebendig, als schaue man einen Film an. Ein Buch zum Abtauchen. Große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Die "verfluchte Hütte" in der schwäbischen Provinz

Das Tränenhaus. Roman
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Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe ...

Cornelie Reimann ist Schriftstellerin, erfolgreich, alleinstehend - und schwanger. Was an sich überhaupt nicht so tragisch wäre, wenn wir nicht das Jahr 1908 schreiben würden. In seiner Klassikerinnen-Reihe hat Reclam erneut einen Roman von Gabriele Reuter neu aufgelegt. Nachdem mir "Aus guter Familie" sehr gut gefallen hatte, war ich auf dieses Buch sehr gespannt.

Wiederum steht das Schicksal einer Frau in der Wilhelminischen Zeit im Mittelpunkt. Cornelie will ihr Kind zur Welt bringen, ohne den Vater. Als unverheiratete Frau bleibt ihr nur die Verschwiegenheit eines "Geburtshauses", das sich auf solche Niederkünfte spezialisiert hat. Cornelie zieht sich in die schwäbische Provinz zurück und kommt in der "Villa" der Hebamme Uffenbacher unter. Von einer "Villa" könnte dieses Haus jedoch nicht weiter entfernt sein. Zunächst bleibt die Schriftstellerin für sich, läßt sich ihr Essen aufs Zimmer bringen und meidet den Kontakt zu den anderen schwangeren Frauen. Jede Bewohnerin hat ihr eigenes Drama, ihre eigene Tragödie erlebt oder wird sie noch erleben, nicht umsonst wird die "Villa" Uffenbacher das Tränenhaus genannt. Die bunte Mischung der Bewohnerinnen und ihre jeweiligen Schicksale und ihre (zumindest bei einigen) Verzweiflung sorgen dafür, dass Cornelie sich ihnen verbunden fühlt und Partei für sie ergreift. Aufgrund ihrer Herkunft hat die Schriftstellerin ein anderes Auftreten und einen anderen Stand gegenüber der Anstaltsleiterin.

Obwohl die Geschichten der einzelnen Frauen und wie sie in ihre aktuelle Lage geraten sind, wütend machen, hat der Roman viele humorvolle Stellen. Das liegt besonders an der Figur der Frau Uffenbacher, die so unfassbar unsympathisch, berechnend, grobschlächtig und kriecherisch daherkommt und das alles noch im feinsten schwäbischen Dialekt. Trotz der etwas altmodischen Sprache liest sich der Roman nach kurzer Zeit ganz frisch, er unterhält und liefert ein Bild von der Unterdrückung der Frau in der damaligen Zeit. Er zeigt aber auch die Aufbruchsstimmung, die sich in der Figur der Cornelie findet. Gabriele Reuter wusste, wovon sie schrieb, denn in weiten Teilen ist es ihr eigenes Leben, dem wir auf 181 Seiten folgen. Die unverheiratete Reuter brachte ihre Tochter in einem Geburtshaus zur Welt, den Kindsvater nannte sie nicht. Statt die Tochter diskret bei einer Pflegemutter unterzubringen, lebte sie mit ihr zusammen.

Das Nachwort von Annette Seemann informiert über die Entstehungsgeschichte des Romans und die Autorin.

Ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und der es absolut verdient hat, durch die Klassikerinnen-Reihe von vielen neu entdeckt zu werden.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

9. Teil der schwedischen Krimireihe

Schatten über dem Wald
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Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der ...

Auch wenn auf dem Cover mit dem Ermittlerduo Olivia Rönning und Tom Stilton geworben wird, ist dieser 9. Teil der Reihe doch ein Alleingang der Polizistin aus Stockholm. Sie wird zur Unterstützung der örtlichen Polizei nach Slagtjärn beordert, dort sind die Ermittler überfordert und dankbar für den frischen Blick auf die Leiche im Ameisenhaufen. Rönning trifft nicht nur auf einen ungewöhnlichen Fall, sondern auch auf eine ungewöhnliche Dorfgemeinschaft, die von skurrilen Gestalten bevölkert ist.

Die früheren Teile der schwedischen Reihe haben mich mehr begeistert. Hier werden ziemlich viele Zutaten in einen Topf geworfen: geheimnisvoller Kult, verschwundene Menschen, Leichen ohne Köpfe, blinder Hellseher, unheimlicher Waldmensch, Tierquälerei, Prepper, Neonazis; um nur ein paar zu nennen. Das alles ist aber kein Garant für Spannung, die eine Geschichte über 450 Seiten trägt. Dass Mette Olsäter und Stilton auf den letzten Seiten in das Geschehen eingreifen, verstärkt nur den Eindruck von Konstruiertheit und Künstlichkeit.

Auch sprachlich finde ich den Roman schwächer als die Vorgänger. Das mag für viele Jammern auf hohem Niveau sein, aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine zu Beginn sehr erfolgreiche Serie totläuft. Für Fans ist auch der 9. Teil ein Muss. Es bleibt die Hoffnung, dass Teil zehn vielleicht wieder an Fahrt gewinnt.


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Veröffentlicht am 19.03.2026

Ruhiger Coming-of-Age-Roman

Accabadora
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Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch ...

Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch die Mittel hat, das Mädchen großzuziehen. Marias Mutter hingegen ist froh, eine Esserin weniger versorgen zu müssen. Bonaria arbeitet als Schneiderin, jedoch schleicht sie sich gelegentlich nachts aus dem Haus. Als Maria Jahre später hinter das Geheimnis ihrer Ziehmutter kommt, zerbricht für sie eine Welt.

Dieser ruhige Roman über ein Mädchen, das Mitte der 1950er Jahre auf Sardinen aufwächst und erwachsen wird, braucht ein paar Seiten, bevor er die Leserinnen für sich eingenommen hat. Dann folgt man der Geschichte aber gern und lernt die Menschen in dem kleinen Dorf kennen und nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Im Grunde ist es eine Coming-of-Age-Geschichte, die tief mit der Geschichte der Accabadora auf Sardinen verknüpft ist. Was eine Accabadora ist? Tzia Bonaria ist eine solche, die ihre "Aufgabe" nicht leichtfertig ausübt, sondern wohl überlegt handelt, was letztlich auch Maria akzeptiert.

Den schmalen Roman (170 Seiten) habe ich sehr gerne gelesen. Er läßt einen über Leben und Tod nachdenken. Das Sterben ist hier im täglichen Tun der Menschen verankert und wird nicht ausgeklammert und verdrängt. Der Roman wirkt noch lange nach. Hilfreich ist ein kurzes Glossar sardischer Wörter am Ende des Romans.

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