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Veröffentlicht am 20.10.2025

Annäherung an den toten Bruder

Der Absturz
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Édouard hatte seinen Bruder fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Als er von seinem Tod erfuhr, nahm er die Nachricht auf wie einen Wetterbericht. Seine Mutter hatte immer einmal vorsichtig insistiert: „Gib ...

Édouard hatte seinen Bruder fast zehn Jahre nicht mehr gesehen. Als er von seinem Tod erfuhr, nahm er die Nachricht auf wie einen Wetterbericht. Seine Mutter hatte immer einmal vorsichtig insistiert: „Gib ihm doch noch eine Chance“. Édouard wollte nicht.

Damals kehrte der Bruder mit Anfang zwanzig nach Hause zurück. Er hatte sich Monate nicht blicken lassen. Dann stand er zur Essenszeit im Wohnzimmer und hielt ein Papier in der Hand. Er habe endlich was gefunden, werde einen neuen Beruf erlernen. Ein Metzger mit eigener Metzgerei habe ihn auf Anhieb gemocht und ihm eine Stelle angeboten. Jetzt also werde er einen Beruf erlernen, für den man sehr spezielle Kenntnisse brauche. Die Leute würden von weit hergereist kommen, um in den Genuss seiner Fleischwaren zu kommen.

Er hatte immer von Ruhm geträumt. Die Diskrepanz aus Wunschvorstellung und Realität waren die Begrenzungen aus Armut und Chancenlosigkeit, eben das, was ihn unglücklich machte. Bei Édouards Vater galt er als Versager, weil er arbeitslos war, sich prügelte und Drogen nahm, aber dieses Bild gedachte er jetzt zu ändern. Sein eigener Vater war der erste Mann ihrer Mutter. Er trank und schlug, die Mutter ließ sich scheiden und heiratete Édouards Vater. Der Vater des Bruders gründete eine neue Familie und wollte von seinem Sohn nichts mehr wissen. Dieses Gefühl, es nicht wert zu sein, arbeitete in ihm und im Laufe seines Lebens fand er immer neuen Brennstoff, um diese Wunde zu befeuern. Mit achtunddreißig war er ausgebrannt, seine Freundin fand ihn leblos in ihrer Wohnung.

Fazit: Édouard Louis ist den Lebensspuren seines Bruders gefolgt, mit dem Wunsch, sich ihm anzunähern. Er macht keinen Hehl daraus, dass er den Älteren gehasst hat und zeigt mehrere Szenen, die seine Abneigung verständlich machen. Dennoch versucht er herauszufinden, warum ihn sein Tod nicht bewegen konnte. Es entsteht das Bild eines Menschen, der ein Kindheitstrauma nicht überwinden konnte, keinerlei Hilfe erhielt und auf ganzer Linie versagte. Der Autor befragt Ex-Freundinnen, die wahlweise über seine Grausamkeiten sprachen, wenn er getrunken hatte und von einem liebevollen, gutmütigen, hilfsbereiten Mann, wenn er nüchtern war. Die dysfunktionale Familiensituation (Vater prügelt Mutter), die spätere Peergroup (Diebstahl, Drogen), hat den ehemals ruhigen Jungen, der wenige Auffälligkeiten gezeigt hatte, menschlich entarten lassen, ihn misogyn, homophob, gewalttätig und kriminell werden und voll in die Fußstapfen des Vaters treten lassen. Die ganze Geschichte hat mich tief ergriffen, weil der Autor so gut Szenen wiedergibt, mich mitreißt und fesselt. Ganz sicher aber auch, weil ich vieles davon kenne, selbst mit einer Mutter aufgewachsen bin, die ihre Tochter nicht schützen konnte, die eben auch aus einer dysfunktionalen Familie stammt und den Teufelskreis nicht durchbrechen konnte. Mir ist dieses ganze Drama aus Demütigung, Gewalt, das Gefühl der Wertlosigkeit und Abhängigkeit absolut bekannt. Édouard Louis hat dafür die treffenden Worte gefunden. Nach „Das Ende von Eddy“ und „Die Freiheit einer Frau“ fand ich diese Geschichte am stärksten aber lest selbst.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Rekonstruktion schriftstellerischer Anfänge

Das Buch zum Film
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Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.

Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.

In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm ...

Wie aus Clemens J. Setz Clemens J. Setz wurde.

Es begann kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag. Er wollte unbedingt gelesen werden.

In fremden Köpfen als vorübergehend von Nichts getrenntes Hologramm weiterexistieren dürfen. S. 7

Und so zeichnete er sein gesamtes Erleben auf, in E-Mails, Notizbüchern, Ringmappen. Seinen Zivildienst leistete er im Landeskrankenhaus. Er durchlief verschiedene Einrichtungen, in denen ihm ganz unterschiedliche Menschen begegneten.

Ein blinder Junge aus der Musik-Frühförderklasse mastrubierte unaufhörlich. Jeder Versuch, ihn davon abzubringen, scheiterte. Während er sich abmühte, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Die meisten nicht sprechenden Bewohner knirschen mit den Zähnen. Reiben ihre Zähne aufeinander gegen die Sprachlosigkeit. Ein Kind warf mit seiner Scheiße, wenn es aufgeregt war und Clemens beschleunigte seine Reaktionen. Als eines der Kinder starb, bat er um die Versetzung auf eine andere Station.

Ein spät erblindeter Bewohner, schon alt, seit kurzem im Heim, hat sich nachts aus dem Fenster gestürzt und ist verstorben. Alle sind schockiert.

Im Altenheim blickt man von den Flurfenstern aus auf den Friedhof.

Clemens Vater war wieder verschwunden. Er hat wohl ein finsteres Geheimnis und musste untertauchen. Wen interessiert sein scheiß Geheimnis. Die Mutter interessierts.

Clemens lungert oft ums Berufsschulinternat, um J. zu treffen. Sie war in der Pause nicht zu sehen. Er erfährt, dass sie geschlossen untergebracht wurde. Pulsadern. Sein Vater verbietet ihm, J. nochmal in die Wohnung zu lassen. „Dass du dich zu solche Leut überhaupt in die Nähe traust!“

Die schwerbehinderte Camilla ist gestorben. Keiner weiß, warum.

Der Vater brüllt besoffen: „Menschen gibts kane. Niemand existiert mehr! Ihr aa nit!“ Der Sohn nimmt Beruhigungsmittel.

Fazit: Clemens J. Setz, vielfach ausgezeichneter österreichischer Autor hat seine persönlichen Aufzeichnungen aus den Jahren 2000-2010 veröffentlicht. Anhand diverser Notizen gelang ihm die Rekonstruktion seiner schriftstellerischen Anfänge. Mit achtzehn Jahren begann er seinen Zivildienst und sammelte eindrucksvolle Erfahrungen im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen. Die Trinksucht seines Vaters setzte ihm zu. Während seines Studiums erschwerte die Beziehung zu einer psychisch kranken, suizidalen Lebensgefährtin seinen Alltag. In rudimentären, teils unzusammenhängenden Einträgen puzzelt der Autor ein Jahrzehnt seines Erlebens zusammen. Ich muss gestehen, dass dieses Memoir meine erste Erfahrung mit Clemens J. Setz ist und würde einem Leser, der sich dem Autor annähern möchte, sicher ein anderes Buch empfehlen. Und da gibt es einige zum Beispiel „Monde vor der Landung“ (Österreichischer Buchpreis 2023) Für alle, die den Autor bereits kennengelernt haben, dürften seine Anfänge erhellende Hintergrundinformationen bereithalten.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Chinesische Gesellschaftskritik

Schwanentage
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Während der Hausherr Chopin hört, weckt Yu Ling den Jungen. Gestern stand sie den ganzen Abend in der Küche und hat Leckereien für ihren gemeinsamen Ausflug gezaubert. Ananas- Zuckermelonenstückchen, Erdbeeren ...

Während der Hausherr Chopin hört, weckt Yu Ling den Jungen. Gestern stand sie den ganzen Abend in der Küche und hat Leckereien für ihren gemeinsamen Ausflug gezaubert. Ananas- Zuckermelonenstückchen, Erdbeeren und Pfirsiche, Fleisch- und Fischspieße mit verschiedenen Dips, wie es sich für ein Barbecue gehört. Der Junge putzt seine Zähne und Yu Ling sucht ihm unauffällige Kleidung heraus. Als sie ihm den grauen Pulli überziehen will, mault er, dass er den gelben will. Sie ignoriert seinen Protest. Sie müssen sich beeilen, bevor Kuan Kuans Mutter wiederkommt. Sie würde nicht wollen, dass sie sich vom Villengelände entfernen. Draußen wartet der Van ihres Freundes, der Chauffeur der Familie hat andere Aufträge. Sie hat alles durchgeplant.

Sie fahren aus Peking hinaus, Kuan Kuan kurbelt das Fenster herunter und hält den Kopf raus. Juchzend folgt der Oberkörper. Er soll das lassen, schreit Yu Ling, aber der Junge hört nicht. Ein Lkw rauscht vorbei, der Junge schreit dem Fahrer etwas zu, der legt eine Vollbremsung hin. Als er aussteigt, geht er um den Wagen herum und flucht, er hatte gedacht, ihm sei ein Reifen geplatzt. Schwäne ruft der Junge und zeigt auf die Ladefläche. Er will einen haben, kreischt er hüpfend. Yu Ling weiß, dass das jetzt noch lange dauern kann, wenn sie nicht nachgibt. Sie nickt ihrem Freund zu, der verhandelt mit dem Fahrer um eine schneeweiße Gans. Ihr Telefon klingelt, Yu Ling geht ran. Sie soll sofort mit dem Jungen zurückkommen, verlangt der Hausherr.

Der Plan war klar umrissen. Sie würden drei Tage mit dem Jungen in den Wäldern verschwinden, dann die Familie kontaktieren und die Lösegeldforderung stellen. Sobald das Geld bei ihnen angekommen wäre, würden sie den Jungen in einem Pekinger Freizeitpark verlieren, sich davon stehlen und die Eltern informieren.

Fazit: Zhang Yueran, eine der wichtigsten Stimmen Chinas und mehrfach ausgezeichnete Autorin, hat mir ein Stück chinesische Gesellschaft gezeigt. Die Protagonistin schuftet rund um die Uhr bei einer elitären Familie als Kindermädchen. Ihr eigentlicher Traum war es, Lastkraftwagen zu fahren, wie ihr Vater. Sie hatte den Führerschein gemacht, um ihm zu zeigen, dass sie mehr taugt als andere Frauen, doch sie blieb unsichtbar und er herablassend. Ein unglückliches Ereignis begrub ihren Traum. Sie lebt in einer fremden Villa mit einer Hightech Küche und täglich fragt sie sich, welche Küchenmaschine sie einmal ihr eigen nennen darf und weiß genau, dass sie sich das niemals wird leisten können. Eifersüchteleien der Mutter des Jungen erschweren das Zusammenleben. Der Drill ihres Vaters hat aus ihr eine disziplinierte, pflichtbewusste Frau gemacht. Ihr Lover hat Geldschwierigkeiten, denen sie mit ihrem Ersparten nicht beikommen kann, loyal wie sie ist, entsteht ein Plan. Die Autorin schreibt bildhaft und ruhig. Sie braucht keinen Pathos, um Stimmung zu erzeugen und mich spüren zu lassen, wie es um die Stellung der Frau in China bestellt ist. Ich weiß von einem Hongkongbesuch, dass in den Ballungsgebieten der überwiegende Teil der Bevölkerung auf kaninchenstallähnlichem Raum lebt und für sehr wenig Geld sehr viel arbeitet. Lebenshaltungskosten und Miete fressen die kleinen Einkommen auf. China ist ein arg menschenfeindlicher Ort. Die Bevölkerung durch strenge Erziehung angepasst, geisterfürchtig, obrigkeitshörig und diszipliniert. In China zu leben, heißt zu funktionieren, das ist fern jeder Lebensqualität. Die vielen Prachtbauten sind nur für die wenigen dekadenten Schönen und Reichen, die ihr Fähnchen in den richtigen Wind gehängt haben. Zhang Yueran hat mir auf ihre unaufdringliche Art ihre Kultur nahegebracht und mich auch noch großartig unterhalten. Absolut lesenswert.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Ein eindrücklicher Erzählband

Im Land der Vergessenen
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November 2022

Während Aliyeh Ataei an ihrem Schreibtisch in Teheran sitzt und an diesen Erzählungen feilt, ertönen auf der Straße Gewehrsalven. Sie spürt ihren Gefühlen nach und weiß nicht genau, ob die ...

November 2022

Während Aliyeh Ataei an ihrem Schreibtisch in Teheran sitzt und an diesen Erzählungen feilt, ertönen auf der Straße Gewehrsalven. Sie spürt ihren Gefühlen nach und weiß nicht genau, ob die Geräusche Angst oder Wut in ihr auslösen, gibt sie sich vermehrt der Melancholie hin, oder kann sie noch einmal alle Energie mobilisieren, um sich der Revolte anzuschließen. Sie hat nun fünfzig Jahre Krieg miterlebt.

Mitte der 80er-Jahre nahm ihr Vater am Iran-Irak-Krieg teil. Er kam ins Militärlager Birjand und wurde ausgebildet. An die Front kam er nie, wegen großer epileptischer Anfälle, die er zuvor nie gehabt hat. Zurück bei der Familie hatte sich der wohlgenährte, lächelnde Mann in ein dünnes, weinendes Wesen verwandelt. Die Anfälle kamen zu oft und hielten zu lange an. Er musste nach Teheran in die Klinik. Sie, die Ärztin und ein Fahrer brachten ihn durch die Wüste ins 1.200 Kilometer entfernte Krankenhaus.

1987

Mahboubeh aus dem Nordosten Irans lernte Aman Khan an der Ferdowsi-Universität kennen. Seine Mutter war die verstoßene Tochter eines Großfürsten aus Herat. (Afghanistan) Die kommunistische Tudeh-Partei, die auch zahlreiche Sympathisanten unter den Studenten hatte, sei das iranische Gegenstück zu den afghanischen Kommunisten. Fast alle seiner afghanischen Verwandten waren bei der sowjetischen Invasion abgeschlachtet und in Massengräbern verscharrt worden. Die islamische Revolution unterbrach ihr Studium und Maboubeh und Aman Khan heirateten heimlich im kleinen Kreis. Sie gingen als Lehrer in ein abgelegenes Dorf und bekamen zwei Kinder. Dort unterstellte man Aman, er sei ein Verräter an zwei Vaterländern, er müsse zurück nach Afghanistan, weil er dort sicherer sei. Maboubeh galt als eine gharise (Fremde) und wurde von den anderen Frauen verflucht und geächtet.

Fazit: Aliyeh Ataei, eine preisgekrönte iranische Autorin und Frauenrechtsaktivistin mit afghanischen Wurzeln, erzählt anhand mehrerer kurzer Geschichten von Frauen in Iran. Ich erfahre über die Zerstörung Afghanistans und das iranische Grenzgebiet. Die steten Machtwechsel, unterstützt durch die Vereinten Nationen (Amerika und Russland). Osama Bin Laden, der nie in Afghanistan war, die Taliban und der Islamische Staat, deren großes Interesse darin besteht, Menschen im Allgemeinen aber allen voran Frauen zu bedrohen. Innerhalb der Familien oder Klans werden Frauen geächtet, verachtet, misshandelt, bestraft und bedroht. Alte Fehde werden immer wieder aufgekocht und erhitzen die Gemüter. Für mich als Europäerin, die nie einen Krieg erlebt hat, ist die Situation kaum vorstellbar. So viele traumatisierte Menschen. So viele alte abgestandene Überzeugungen durch die unumkehrbare Vergangenheit, Bildungsarmut und wirtschaftliche Armut. Kaum vorstellbar das Leid und so weit weg. Ein eindrücklicher Erzählband für alle, die sich für den Nahen Osten interessieren.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Provokante, diskussionswürdige Geschichte

Medulla
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Der Vater hat Kuchen mitgebracht, versucht sie zu überreden, mit ihm heimzukommen, die Mutter wird sich freuen. Als sie ihn aus ihrer Wohnung hinauszitiert hat, klingelt das Telefon. Sie weiß, egal wie ...

Der Vater hat Kuchen mitgebracht, versucht sie zu überreden, mit ihm heimzukommen, die Mutter wird sich freuen. Als sie ihn aus ihrer Wohnung hinauszitiert hat, klingelt das Telefon. Sie weiß, egal wie oft sie drangehen, sich melden und auflegen wird, wird es wieder klingeln, so als müsste es das letzte Wort haben.

Siv und Hanna sind im Hallenbad angekommen. Sie drehen einige Runden, springen unter die Gemeinschaftsduschen, pinkeln gleichzeitig im großen Strahl auf die Fliesen und lachen über entsetzte Gesichter. Wieder in Hannas Wohnung werfen sie ihre nackten Körper aufs Bett und feiern ihre Vertrautheit, bis Siv einfällt, dass sie mit Jan im Theater verabredet ist.

Jan hat seine Siebdruckespressomaschine minutiös gereinigt. Er setzt sich mit der ersten Tasse des heißen, bitteren Gebräus an den Küchentisch und ist zufrieden. Siv hat schon um sieben die Wohnung verlassen und eine riesige Essiggurke mit einer Kerze darin auf dem Tisch platziert. Er würde eine gut eingelegte essigsaure Gurke jederzeit einer Torte vorziehen und beißt auch gleich beherzt hinein, dass es kracht und spritzt. Sein Handy gibt einige einfallslose Glückwünsche her, Luftballons, Sektflaschen und Herzfeuerwerke. Jan ist enttäuscht. Er hat sich für den helllila Samtanzug entschieden und fährt mit dem Taxi ins Lepperts, sein Fast-Sterne-Lokal, um seinen Fünfzigsten zu feiern. Als er eintritt, ist Siv schon da. Sie will das Blumenarrangement abholen. Jan geht vor ihr in die Knie, hält sie an der Hüfte fest und kippt dabei den ersten Humpen hinunter. Siv lacht und macht sich los. Jan gleitet rücklings zu Boden und sieht in die Gesichter der ersten Gäste.

Fazit: Verena Güntner hat eine provokante, diskussionswürdige Szenerie erschaffen und sie hat mich gefordert. Im Vordergrund stehen drei Paare. Siv, deren Mutter Dänin ist, lebt mit dem Gastronom Jan in einer offenen Beziehung. Sie vergnügt sich wahlweise mit ihrer besten Freundin Hanna und/oder deren Freund Hans. Sie wird schwanger und weiß sofort, dass sie das Kind nicht austragen wird. Der pedantische Jan hat den richtigen geschäftlichen Riecher gehabt und lebt und ermöglicht Siv ein sorgenfreies Leben. Die Afghanin Leyla und David wollen unbedingt ein Kind, aber seine Spermien sind müde geworden. Als es dann doch klappt, erkennt Leyla, dass David nicht der Richtige für eine Familie ist. Esther ist die narzisstische, beruflich erfolgreiche Perfektionistin, die sich eine Weile in Jacobs Bewunderung gesonnt hat. Als sie schwanger ist, erliegt Jacob einem jahrelangen Irrtum und Esther bricht aus. Die Autorin gibt den Beteiligten kapitelweise eine Stimme, die mich mitten in die Beziehungsdynamiken wirft. Mit offenem Mund verfolge ich Sivs Freizügigkeit und Konsequenz, Leylas psychologischer Konstellation, es allen recht machen zu wollen und Esthers Kaltschnäutzigkeit. Die Autorin entzaubert die Männer, die alles andere als Helden oder „echte Kerle“ sind. Die Frauen wollen ihre selbstbestimmten Entscheidungen treffen und die Männer wollen das verhindern. Soweit der Konflikt. Sie will was das er nicht will, so funktionieren die meisten Beziehungen. Geflasht hat mich, was die Autorin mit mir gemacht hat. Alle Darsteller sind alles, was ich nicht sein möchte und eben doch stellenweise bin. Unsympathisch, verantwortungslos, eigensinnig, unsensibel, exzentrisch. Ich konnte mich mit niemandem wirklich verbünden und keine moralische Keule auspacken, denn irgendwie haben alle für sich gesehen recht. Darf ich als Frau dem Erzeuger meines Kindes das Recht absprechen, mitzuentscheiden? Darf der Erzeuger meines Kindes mir das Recht absprechen, frei über meinen Körper und damit gegen das Kind zu bestimmen? Eine denkwürdige, kontroverse, feministische, unterhaltsam erzählte Geschichte, die hängen bleibt.

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