Profilbild von amara5

amara5

Lesejury Star
offline

amara5 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit amara5 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.01.2023

Runden des Suchens

Das glückliche Geheimnis
0

Mittlerweile ist der österreichische Schriftsteller und Deutscher-Buchpreis-Träger Arno Geiger sehr erfolgreich, doch seine Anfänge im literarischen Betrieb waren alles andere als leicht und von Durststrecken ...

Mittlerweile ist der österreichische Schriftsteller und Deutscher-Buchpreis-Träger Arno Geiger sehr erfolgreich, doch seine Anfänge im literarischen Betrieb waren alles andere als leicht und von Durststrecken geprägt. Mit seinem neuen, sehr persönlichen Roman-Essay „Das glückliche Geheimnis“ taucht er autobiografisch tief ein in seinen Werdegang, in seine Lieben und Familiengeschichte, aber auch in sein außergewöhnliches Doppelleben, das sich wie ein präziser, roter Faden durch sein bewegtes Leben führt: Geiger hat 25 Jahre lang die Altpapier-Container der Wiener Stadt und Bezirke durchwühlt, um Geld mit dem Verkauf von Fundstücken wie Büchern, wertvollen Postkarten, Briefmarkensammlungen et cetera zu verdienen. Doch seine vielen Runden des Suchens und Findens waren zugleich Inspiration für sein Schaffen, Denken und Leben – so haben ihn beispielsweise zahlreiche aufgefundene Briefe und Tagebücher für sein prämiertes Buch „Es geht uns gut“ angeregt.

Unterhaltsam, bewegend und selbstironisch verwebt Arno Geiger seine Streifzüge und Fundstücke mit vielen Jahren Lebens- und Schaffensgeschichte sowie tiefgründige Reflexionen zum Wegwerfen, Sammeln, Müll, Anhäufen und parallel die Liebe zu Wörtern und Büchern. Unglückliche Lieben, die gehen, eine glückliche Liebe, die trotz Hindernissen bleibt, Enttäuschungen und Erfolge im Literaturbetrieb sowie kranke Eltern, die auf Hilfe angewiesen sind.

Sehr offen und zugleich pointiert lässt Arno Geiger den Leser an seinem Leben, seinen klug-humorvollen Gedanken dazu und natürlich an seinem glücklichen Geheimnis teilhaben – das Sammeln, Sichten und Reflektieren des Gefundenen und wie sich diese geschriebene Dinge in seinem Leben spiegeln. Seine ausgedehnten Erkundungsrunden dienten auch zur inneren Einkehr und haben ambivalente Gefühle bei Geiger hervorgerufen: Zuallererst die Scham, dann das Herzklopfen und Selbstbewusstsein, wenn sich wertvolle Bücher auftun. Und alles sortiert Geiger gesellschaftspolitisch ein, setzt den Müll, die Sammler und das Entsorgen in größere Kontexte der Veränderung; erzählt von körperlichen Verletzungen und lässt detaillierte Beobachtungen beim Containern einfließen. Am Ende sammelt Geiger in „Das glückliche Geheimnis“ nicht nur Geschriebenes aus Containern, sondern auch seine eigene Erinnerungen, Anekdoten und Eckpfeiler im Leben.

„Was ich an meinen Runden und dem, was ich nach Hause brachte, immer mochte, war das Raue, das Ungehobelte, das Reale. Das körperlich Reale und das gegenständlich Reale. Ich mag Dinge. Ich mag Menschen. Ich mag Niedergeschriebenes.“ (S. 237)

Ein wertvolles, besonderes Buch über die Wendungen und Gefühle im Leben, das Werden eines erfolgreichen Schriftstellers und über die Kunst des Schreibens – zutiefst menschlich, empathisch und anregend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.12.2022

Aufwachsen im Kiez

Für euch
0

Die preisgekrönte Journalistin und Juristin Iris Sayram widmet ihren ergreifenden, ungeschönten und authentischen Roman „Für euch“ ihrer Mutter Sonja – aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im Kölner ...

Die preisgekrönte Journalistin und Juristin Iris Sayram widmet ihren ergreifenden, ungeschönten und authentischen Roman „Für euch“ ihrer Mutter Sonja – aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen im Kölner Kiez und Brennpunkt-Viertel der 1980er-Jahre, opfert sich die Mutter von der Putzfrau bis zur Prostituierten auf, um ihrer Tochter Iris ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Vater Mustafa ist türkischer Einwanderer, verliert seine Arbeit bei Ford, ist spielsüchtig und hält sich meist bedeckt im Lösen von Familienproblemen. Eine bewegende, kluge und autobiografische Geschichte zwischen Gesellschafts-, Familien- und Milieuroman mit viel atmosphärischem Kölner Lokalkolorit sowie Dialekt und schonungslos ehrlichen Einblicken in eine Kindheit voller Schamgefühlen abseits der deutschen Wohlstandsgesellschaft.

Zwischen Rotlicht-Amüsements, Kaschemmen und Spielhöllen des Friesenwalls schildert Iris Sayram ihre Kindheit und Jugend voller klarsichtigen, warmherzigen Anekdoten, die mal humorvoll und mal hart-direkt ihr Heranwachsen unter schwierigen sozialen Bedingungen schildern. Die Mutter muss zwischendurch sogar ins Gefängnis und infiziert sich mit HIV – sie nimmt alles in Kauf, um ihre kleine Familie durchzubringen, nachdem sie ihre erste Familie verloren hat.

Die versierte Autorin hat mit „Für euch“ eine bewegende und empfehlenswerte Hommage an ihre Mutter und ungewöhnliche Herkunft geschrieben und öffnet präzise die Augen für andere soziale Blickwinkel – und obwohl ihre Lebensgeschichte in den 80er-, 90er-Jahren angesiedelt ist, bleiben die gesellschaftspolitischen Themen wie Kinderarmut und die dadurch fehlende Bildungsmöglichkeiten bis heute aktuell. Sayram hat sich nach oben gekämpft, ihr Abitur gemacht und erfolgreich studiert – mit der Kraft ihrer außergewöhnlichen Eltern und einem immensen inneren Willen. Ihr damaliges Schamgefühl lässt die Autorin nun hinter sich und wandelt es in ein sehr lesenswertes und unterhaltsames Denkmal für ihre Mutter, das auf ihrer ergreifenden Beerdigungsrede basiert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2022

Schritt für Schritt

Alles selbst gemacht!
0

Die sympathische Meranerin und erfolgreiche Foodbloggerin Annalena Ganner (www.annalenashearthbeat.com) hat sich ihren großen Traum erfüllt – ein hochwertiges und sehr ansprechend fotografiertes Rezeptbuch. ...

Die sympathische Meranerin und erfolgreiche Foodbloggerin Annalena Ganner (www.annalenashearthbeat.com) hat sich ihren großen Traum erfüllt – ein hochwertiges und sehr ansprechend fotografiertes Rezeptbuch. In dem rund 130 Seiten starken Hardcover-Buch steckt sehr viel Liebe zum Kochen und fürs Detail – verständlich, gut strukturiert und mit hilfreichen Video-QR-Codes sowie weiterführenden Tipps und Koch-Varianten führt Annalena selbst die unentschlossenen Anfänger Schritt für Schritt ans Brot- und Baguettebacken. Hervorzuheben ist zudem, dass fast alles ohne große Küchengeräte sowie ausgefallenen Zutaten zuzubereiten ist.

In ihrem Vorwort erläutert die passionierte Köchin Annalena die Vorteile des Selbstbackens und -kochens wie Geschmack, Frische und Nachhaltigkeit – zudem lässt man die vielen versteckten Zusatzstoffe von Fertiglebensmitteln außen vor und kann sich tolle Vorräte anlegen. Die umfangreichen und brillant fotografierten Rezepte umfassen einen gelungenen Querschnitt in den Rubriken Brot, Pasta, Aus aller Welt, Aufstriche und Dips, Snacks und Geschenke aus der Küche sowie Backen und Desserts. Die vielseitige Auswahl ist präzise getroffen, ohne zu überfordern und beinhaltet notwendige Basics des Alltags, die variiert werden können. Verblüffend ist wirklich, dass die bisher ausprobierten der 50 Rezepte recht einfach nachzukochen sind und Annalena es vorzüglich schafft, die Ängste des vermeintlich schwierigen Selbstmachens wie Nudeln, Pesto, Pizzateig, Brot oder Pralinen empathisch zu nehmen.

„Alles selbst gemacht!“ ist eine überzeugende und hochwertige Bereicherung in der Reihe des kulinarischen do-it-yourself-Trends mit vielen einfachen, gut erklärten und leckeren Rezepten, die auf Qualität und Authentizität statt Quantität setzen – Annalena Ganner ist ihr ehrliches Herzblut fürs Kochen anzumerken und das motiviert wirklich zum Nachkochen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 01.12.2022

Träume vom Ausbrechen

Connemara
0

Der gefeierte französische Autor und Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu nimmt in seinem neuen Roman, der auf einen Chanson-Party-Hit von Michel Sardou anspielt, seine Generation der Vierzigjährigen in ...

Der gefeierte französische Autor und Goncourt-Preisträger Nicolas Mathieu nimmt in seinem neuen Roman, der auf einen Chanson-Party-Hit von Michel Sardou anspielt, seine Generation der Vierzigjährigen in der Provinz von Lothringen en détail unter die Lupe. Dabei hat er eine präzise Beobachtungsgabe und erschafft eine dichte Atmosphäre voller Gefühle, Träume, Versäumnissen und Sehnsüchten.

Im Mittelpunkt steht die zweifache Mutter Hélène, die in der von Männern dominierten Consulting-Branche Karriere machen möchte und trotz Klassenaufstieg innerlich mit Unsicherheiten und einer stetigen Zerrissenheit zu kämpfen hat – nach einem schweren Burnout ist sie weg aus der Metropole Paris, zurück in ihre Heimat in der Provinz von Nancy. Der Alltag mit zwei Töchtern und einer eingefahrenen Ehe locken sie in eine Affäre mit ihrem Jugendschwarm Christophe, der die Kleinstadt Cornécourt nie verlassen hat und in Trennung lebt. Doch auch das geht trotz leidenschaftlichen Nächten nicht gut und mit viel Schwermut, Melancholie und Einfühlungsvermögen zieht Nicolas Mathieu den Leser tief in seine in Rückblenden und tiefsinnig erzählte Milieustudie hinein. Detaillierte und anschauliche Beschreibungen treffen auf emotionale sowie politische Stimmungen und genaue Umgebungsbeschreibungen – jeder Charakter ist tief und fein geschliffen, hat mit anderen Generationen, Klassen, Familienstrukturen und negativen Emotionen zu kämpfen und kann seine provinzielle Herkunft trotz teilweise gelungenen Aufstieg nicht leugnen. Alle träumen von einem besseren Leben, vom Ausbrechen aus festgefahrenen Wegen.

Trotz ein paar pathetischen Längen in der erzählerischen Ausführlichkeit ist Nicolas Mathieu mit „Connemara“ ein tiefgründiges Gesellschaftspanorama gelungen, die nicht nur von geplatzten Träumen und Lieben in der Provinz erzählt, sondern auch soziale und politische Aspekte bis in die 1980er-Jahre verwebt. Dabei sieht der Leser besonders tief in die Lebensläufe und Gefühlswelten von Hélène und Christophe, aber auch in gesellschaftliche Entwicklungen eines ganzen Landes.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.11.2022

Kluger Chronist des Krieges

Tagebuch einer Invasion
0

Andrej Kurkow gehört zu den bekanntesten Autoren und Intellektuellen der Ukraine – sein Roman „Graue Bienen“ war ein Bestseller, der den Konflikt in der Ostukraine und das Leiden der dortigen Zivilbevölkerung ...

Andrej Kurkow gehört zu den bekanntesten Autoren und Intellektuellen der Ukraine – sein Roman „Graue Bienen“ war ein Bestseller, der den Konflikt in der Ostukraine und das Leiden der dortigen Zivilbevölkerung behandelt. Nun ist das Unvorstellbare mit dem Russischen Angriffskrieg auf die gesamte Ukraine eingetreten und der in Kiew wohnhafte und 1961 geborene Kurkow hält seine Alltagsbeobachtungen, Ängste, Reflexionen zur Geschichte und seine Hoffnungen während des ersten halben Kriegsjahres in seinem bewegend-eindringlichen „Tagebuch einer Invasion“ fest – ausgezeichnet mit dem diesjährigen Geschwister-Scholl-Preis.

In seinen ergreifenden und analytischen Aufzeichnungen dieser Zeitenwende schildert Kurkow detailgenau, was für immense Schrecken der Krieg auf die Menschen in seiner Umgebung bringt, wie er sich um sie sorgt, versucht zu fliehen und einen einigermaßen normalen Alltag zu verbringen, wenn täglich die Todesangst mitschwingt und es an allen Ressourcen knapp wird. Mit scharfem Verstand und sehr genau beobachtet Kurkow diese drastischen Veränderungen und ordnet sie zeitgleich in größere Zusammenhänge und Möglichkeiten – tiefsinnige Blicke in die vergangene Geschichte sowie nach innen und nach außen und in weitreichende Folgen.

Neben den aktuellen Erlebnissen, extremen Alltagsbeobachtungen und Gedankengängen des Autors besticht das Buch durch die zahlreichen fundierten historischen Einordnungen der ukrainischen, russischen und der ehemaligen UdSSR-Geschichte. Zeithistorische Einschnitte wie der Zweite Weltkrieg oder der Holodomor verwebt Kurkow in seine eigene Familiengeschichte, ohne den detaillierten Blick auf den aktuellen Angriffskrieg zu verlieren. Diese Kontextualisierung ist präzise und gelungen – und weitet den Blick für vielfältige Zusammenhänge. Doch Kurkow erzählt in pointierten Essays neben den menschlichen Schicksalen und die Auswirkungen auf ukrainische Kulturschaffende auch vom großen Kampfgeist, Patriotismus und vom Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit der Ukrainer, die ums Überleben kämpfen – auch wenn dieser Krieg die ukrainische Nation für immer verändern und traumatisieren wird. Dabei spielen auch zahlreiche literarische Querverweise und Kurkows weitgestreutes Wissen eine tragende Rolle.

Andrej Kurkow ist ein wichtiger und ruhig erzählender Chronist dieses schrecklichen Krieges – bedacht und klug schreibt er gegen seine eigene Angst während dieser Katastrophe an und liefert mit seinem bewegenden „Tagebuch einer Invasion“ ein sehr wichtiges und reflektiertes Zeugnis der Geschehnisse ab. Und während in der Ukraine nicht nur wegen Papiermangel das literarische Schaffen zum Erliegen gekommen ist, hat er ein beispielloses Werk des Erinnerns geschaffen, dessen Fortsetzung Kurkow schon angekündigt hat.

„Krieg und Bücher passen nicht zusammen. Aber nach dem Krieg werden Bücher die Geschichte des Krieges erzählen. Sie werden die Erinnerung daran festhalten, Meinungen bilden und Emotionen wecken.“ (S. 193)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere