Spannende Grundidee mit Schwächen
“Reality Show” besteht aus kurzen, rasanten Szenen. Die vielen Zeit- und Perspektivwechsel sorgen zusätzlich für Dynamik und so lesen sich die gut 400 Seiten schnell weg.
Es gibt allerdings unübersichtlich ...
“Reality Show” besteht aus kurzen, rasanten Szenen. Die vielen Zeit- und Perspektivwechsel sorgen zusätzlich für Dynamik und so lesen sich die gut 400 Seiten schnell weg.
Es gibt allerdings unübersichtlich viele Sichtweisen: neben den zehn Geiseln und ihren Angehörigen lernen wir Zuschauerinnen der Show besser kennen, ebenso wie Ermittlerinnen und natürlich die Mitglieder der Gruppe, die den ganzen Coup planen und durchführen (und außerdem neben ihren Klarnamen noch Decknamen haben, die zusätzlich für Verwirrung sorgen). So kann man zu keinem der Charaktere wirklich eine Beziehung aufbauen, denn sie wirken alle eher einseitig beleuchtet und ihre Geschichten werden nur oberflächlich angedeutet.
Selbst die Taten der Geiseln, für die sie in der Show verurteilt werden, werden nicht alle genannt.
Ganz unverblümt übt Anne Freytag in ihrem Roman Gesellschaftskritik aus; die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Politik immer rechter, die Justiz immer willkürlicher. Außerdem beleuchtet sie die Unterschiede und jeweiligen Vorteile von Selbstjustiz und Rechtsstaat.
Oft wurde dabei für meinen Geschmack zu voreingenommen und unkritisch gedacht. Auch die Geiselnehmer*innen und ihre (definitiv kriminellen) Taten wurden sehr glorifiziert, ihre Selbstjustiz zu positiv und sie selbst als Helden dargestellt.
Zusammenfassend beleuchtet “Reality Show” ein interessantes Gedankenexperiment, welches in der Realität wohl nicht ganz so gut funktionieren würde, aber als fiktives Werk gut für Spannung sorgt. Die Glorifizierung von Straftaten sowie die vielen Figuren, die lieblos abgehandelt werden, haben mir jedoch nicht gefallen. ⭐️3/5⭐️