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Veröffentlicht am 26.05.2026

Eine Odyssee von Herkunft und Schicksal

Königin Esther
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In John Irvings neuem Roman „Königin Esther“ verschmelzen Familiendrama, jüdische Geschichte und typische Irving-Eskapaden zu einer fesselnden Reise von Neuengland nach Wien und Israel. Jimmy sucht seine ...


In John Irvings neuem Roman „Königin Esther“ verschmelzen Familiendrama, jüdische Geschichte und typische Irving-Eskapaden zu einer fesselnden Reise von Neuengland nach Wien und Israel. Jimmy sucht seine mysteriöse Mutter Esther – doch wer ist die Frau, die als Leihmutter agiert und später zum Mythos wird? Ein Spätwerk voller Wendungen, das Themen wie Abtreibung und Identität mit Ironie und Tiefe beleuchtet.

Inhalt/Zusammenfassung „Königin Esther“
„Königin Esther“ erzählt von der Familie Winslow, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Neuengland lebt und Waisenkinder adoptiert. Im Zentrum steht Esther Nacht, eine jüdische Waise aus dem Waisenhaus St. Cloud’s (bekannt aus Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“), die als Kindermädchen bei den Winslows arbeitet. Sie schließt einen Pakt mit der jüngsten Tochter Honor: Esther lässt sich schwängern, gebärt Jimmy und verschwindet dann nach Wien und Israel. Der junge Jimmy, Adoptivsohn der Winslows und leiblicher Sohn von Esther, reist in den 1960er-Jahren nach Wien, um auf Honors Wunsch ein Kind zu zeugen und Spuren seiner Herkunft zu finden. Die Handlung spannt sich über Jahrzehnte, verbindet Familiengeschichten mit der Gründung Israels und endet mit einem Treffen in Israel.

Worum geht es wirklich in „Königin Esther“?
Der Roman dreht sich um Herkunft, Identität und familiäre Bindungen. Irving webt eine komplexe Erzählung, in der Esther als abwesende, mythische Figur wirkt – inspiriert von der biblischen Königin Esther. Esther trägt für Honor ein Kind aus. Jimmy begibt sich später auf eine „Irrfahrt“ nach Wien, wo er in einer WG mit der lesbischen Jolanda und dem schüchternen Claude lebt und seine Mission erfüllt. Rückblenden enthüllen Esthers Schicksal: Als Jüdin, deren Eltern aus Europa flohen und deren Mutter in Portland von Antisemiten ermordet wurde, sucht sie ihre Wurzeln. Irving verknüpft dies mit Querverweisen zu seinen früheren Werken und reflektiert über Antisemitismus, Zionismus und das 20. Jahrhundert.

Der Charakter von Esther: Mythos oder Mensch?
Esther Nacht ist die titelgebende geheime Heldin, eine rätselhafte Abwesenheit, die den Roman antreibt. Als 14-Jährige lässt sie sich aus „Jane Eyre“ den Satz „Je einsamer ich bin, je weniger Freunde ich habe, je weniger man mir hilft, desto mehr will ich mich selbst achten“ tätowieren – ein Symbol ihrer Unabhängigkeit und inneren Stärke. Das Zitat „Mich kümmert’s“ fängt Irvings typische provokative Haltung ein. Es stammt aus Esthers rebellischer Jugend, vielleicht im Kontext ihrer Entscheidung für das Tätowieren oder den Leihmutterschaftspakt – ein Ausdruck von Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen und gesellschaftlichem Druck. Es unterstreicht ihre Unabhängigkeit: Trotz Einsamkeit und Verlusten kümmert sie nur ihr Selbstwert. Eine trotzige Antwort auf Ablehnung, die durch den Roman hallt und auch Jimmys Suche begleitet. Geboren in Wien, Waise, pflegt sie Honor wie eine Schwester, opfert sich als Leihmutter und zieht dann in die Welt: Wien, Haifa, Israel, wo sie für den Geheimdienst arbeitet. Sie bleibt „merkwürdig abwesend“, ein Zentrum der Lücke, das durch Briefe und Erinnerungen wirkt – weniger konkrete Person, mehr mythische Kraft, die Familie und Geschichte beeinflusst. Kritiker sehen in ihr eine „zionistische Kämpferin“, die als Racheengel Israel verteidigt.

Falls Esthers ständig wechselnde Anschriften etwas zu bedeuten hatten, so behielt sie das für sich. John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.1951 lautete die Anschrift für eine Weile HaYarkon-Straße in Tel Aviv; ursprünglich hatte sich dort das Büro des Mossad befunden. »Das könnte auch Zufall sein«, sagte Isaac Drucker nur. Später zog das Hauptquartier des Mossad in die Büros des Ministeriums in Sarona, das Esther die Kirya nannte; es hätte auch Zufall sein können, dass Esther dort ebenfalls eine Anschrift hatte.

John Irving. Königin Esther (Function). Kindle Edition.

Jimmy Winsl0w – „Königin Esther“
Jimmy Winslow verkörpert die unbeholfene Jugend. Als Student in den 1960ern reist er nach Wien, um Vater zu werden – eine skurrile Mission, um einer Einberufung zum Vietnamkrieg zu entgehen, wie Honor andeutet. Unbeholfen, neugierig und literaturliebend, taucht er in das Wien der 60er ein: voller Geheimnisse, Versuchungen und seiner WG mit exzentrischen Freunden. Jimmy sucht nicht nur seine Mutter Esther, sondern seine Identität inmitten von „großen Gefühlen und unglaublichen Wendungen“. Er wird Vater einer Tochter mit zwei Müttern, bleibt aber geprägt von der Abwesenheit Esthers, die aus Israel schützend wirkt. Seine Reise endet in einem symbolträchtigen Treffen mit Esther – ein Höhepunkt tragikomischer Irving-typischer Entwicklung.

Die Figuren sind typisch Irving: skurril, liebenswert, tragikomisch. Constance und Thomas Winslow – sie Bibliothekarin, er kleiner Dickens-Fan – bauen eine Tugend-familiäre Idylle mit Töchtern (nach Tugenden benannt) und adoptierten Kindermädchen. Honor, seelenverwandt mit Esther, betreut Jimmys Mission. Nebenfiguren wie Jolanda (lesbisch, unterstützend), Claude (schüchtern) und Frau Holzinger bereichern die WG-Chaos. Alle wachsen dem Leser ans Herz durch „Verschrobenheiten“ – Tätowierungen, Pakte, Irrfahrten.

Sprache und Stil in „Königin Esther“:
Irving’s Sprache ist ein Meisterwerk: langsam, vielstimmig, ironisch, mit glänzenden Dialogen und dickensschem Flair. Er „zieht in ein soziales Gewebe“, baut Atmosphäre durch Alltagsgespräche, Vorurteile und Eigentümlichkeiten auf – kein klassischer Plot, sondern Ton und Haltung. Rückblenden und Querverweise (z.B. zu Dickens, Balzac, Grass) changieren elegant. Wien der 60er lebt durch Geheimnisse, Neuengland durch familiäre Wärme. Kritiker loben die „große Erzählkunst“, die Figuren ans Herz wachsen lässt.

"Königin Esther" John Irving (Rezension)
Fazit/Kritik „Königin Esther“
Irving greift sein Lieblingsthema Schwangerschaftsabbruch auf, verknüpft mit dem Waisenhaus St. Cloud’s und Dr. Larch (aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“). Esthers Leihmutterschaft als Gegensatz zu Abtreibung als Wahl: Sie gebärt freiwillig für Honor, statt zu unterbrechen. Es geht um Frauenrechte, Verantwortung und Konsequenzen – politisch aufgeladen, wie Honors kryptische Einberufungs-Vermeidung via Vaterschaft zeigt. Im Kontext von Antisemitismus und Israel-Gründung wird Abtreibung subtil als Freiheit thematisiert.

Irving entwickelt faszinierende Figuren. Manchmal überladen mit Symbolik (Happy-End „mit Brechstange“). Ein Buch, das ideal für Fans ist. Ich lese Irving sehr gerne, weil man, wenn man sich darauf einlässt, in weitere Stufen des Romans eintauchen kann. Die Romane von Irving sind ein Füllhorn der Symbole aus Geschichte, Philosophie und Gegenwart. Gleichzeitig schafft Irving eine eigene Welt, indem er auf andere seiner Bücher Bezug nimmt. Ich liebe es!

Eine eindringliche Leseempfehlung!

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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Veröffentlicht am 26.05.2026

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird

Die Elefanten
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Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich ...

Elefanten erobern die Stadt, doch niemand beachtet sie. Sasha Filipenkos satirischer Roman „Die Elefanten“ entlarvt unsere Verdrängung. Pawel kämpft gegen das Unsichtbare: Humor trifft Politik. Warum ich empfehle, es zu lesen!

Wenn das Offensichtliche zum Albtraum wird
Inhalt/Zusammenfassung „Die Elefanten“ –
Plötzlich tauchen Elefanten in der Stadt auf – sie blockieren Straßen, Plätze und dringen in Häuser ein. Doch die Menschen ignorieren sie hartnäckig. Nur der Stand-up-Comedian Pawel bricht das Schweigen: Von der Bühne aus fordert er die Menschen auf, die Realität zu sehen. Das kostet ihn fast alles – sein Leben, seine Freiheit und seine Liebe zu Anna, der Tochter eines berühmten Schriftstellers, die besessen Kreuzworträtsel löst (und eines im Roman knackt). Als die Unglücksfälle zunehmen, wird Pawel zum Sündenbock.

Worum geht es wirklich?
Auf den ersten Blick ist „Die Elefanten“ eine Parabel über Verdrängung: Der „Elefant im Raum“ wird hier wörtlich genommen. Diese massiven Tiere blockieren den Alltag, doch niemand reagiert – weder mit Panik noch mit Neugier. Filipenko nutzt reale Elefantenfakten (Trauerrituale, Herdendemokratie, Nachtragendheit), um menschliches Verhalten zu sezieren. Im Zentrum steht Pawel, ein zynischer Comedian, dessen Auftritte mit Elefanten auf der Bühne zum Akt des Widerstands werden. Ihm gegenüber: Anna, die Rätsellöserin, und ihr Vater, ein Autor, der lieber fiktive Ideen spinnt, als hinzuschauen. Eingestreut sind Kommentare und ein lösbares Kreuzworträtsel, das die Themen verdichtet.

Es geht um Kompromisse: Kleine Zugeständnisse an das Absurde – Schweigen aus Bequemlichkeit – ebnen den Weg für Katastrophen. Filipenko kontrastiert Elefantenintelligenz mit menschlicher Dummheit und zeigt, wie Ignoranz zu Entmenschlichung führt.

Nashörner reloaded: „Die Elefanten“ im Vergleich zu Ionesco
Im dekoder-Interview (Meduza/dekoder. org, 2024/2025, übersetzt von Ruth Altenhofer) enthüllt Filipenko seine Schreibweise. Er recherchierte mit Dompteuren und Tierpsychologen, um Elefanten als Metapher zu schärfen: „Sie trauern, wählen fair und sind nachtragend – im Gegensatz zu uns Menschen. “ Eine Telegram-Umfrage („Was tust du mit einem Elefanten im Zimmer? “) inspirierte satirische Antworten wie „Ihn waschen“. Filipenko betont: „Kleine Kompromisse bauen Regime auf. “

Aus seiner Exil-Erfahrung (seit den Minsk-Protesten 2020 als „extremistisch“ eingestuft) plädiert er für Literatur als Therapie: „Häftlinge schreiben mir – sie heilt Einzelne, nicht Massen. “ Humor sei Überlebensstrategie: „In Moskau zynisch, aber lebenswichtig. “ Ohne das Buch zu verraten, unterstreicht das Interview Filipenkos Agenda: Unbequeme Wahrheit ohne Pathos, inspiriert vom Ukraine-Krieg und Belarus. Es macht Die Elefanten greifbarer – ein Autor, der nicht verstummt.

Politische Metaphern und Ionesco-Bezug:
Filipenko interpretiert Eugène Ionescos Nashörner (1959) neu: Dort verwandeln sich Menschen in Nashörner (Konformismus, Faschisierung). Hier erscheinen Elefanten als reale Symbole für Kriege, Unterdrückung und Krisen, die alle ignorieren. Er nennt es „Ionescos Erbe“ – unbequem, weil es uns meint (Zehnder-Rezension). Das russische Wort Slon (Elefant) ist zentral: Es erklärt alles – von Alltagsverdrängung bis Systemversagen. Filipenko betont: Kleine Kompromisse (z. B. Schweigen) bauen Diktaturen auf. Inspiriert von Belarus (Lukashenko) und Russland (Ukraine-Krieg).

Figuren im Detail – „Die Elefanten“
Pawel ist kein Superheld – ängstlich, impulsiv, kompromisslos. Seine Schwächen machen ihn greifbar, nicht heldenhaft perfekt. Kein „Auserwählter“-Klischee. Pawel als Comedian sticht heraus – Witze als Waffe gegen Elefanten-Chaos. Sein Humor ist nicht nur Waffe sondern auch ein Fluch. Er performt mit einem Elefanten auf der Bühne – riskiert Leben, Freiheit und Liebe. Filipenko: „Er behält Menschlichkeit durch Lachen. “

Filipenkos Figuren sind Meisterstücke – basierend auf Schreib-Tipps. Hier, wie er sie lebendig macht: Anna? Obsessive Rätsel-Löserin, Tochter eines Illusionisten. An Grenzen bringen: Jede Figur scheitert spektakulär – Leser denkt: „Die schaffen das nie! “ – doch Filipenko dreht es clever um. Interaktionen mit Anderen: Pawel kollidiert mit Anna (Liebe vs. Ignoranz), Vater (Intellekt vs. Realität). Beziehungen formen sie – Konflikte entfalten Tiefe.

Gemeinsamkeiten mit Ionescos Nashörnern
Filipenkos Roman ist eine Hommage an Eugène Ionescos Nashörner (1959). Bei Ionesco verwandeln sich Menschen in Nashörner – Symbol für Konformismus und Faschisierung. Der „Held“ Bérenger bleibt als Letzter menschlich. Filipenko dreht es um: Keine Verwandlung, sondern Ignoranz. Elefanten erscheinen real, werden aber ignoriert – eine Steigerung des Absurden. Pawel entspricht Bérenger: Der Comedian leistet Widerstand, verliert alles (Verhaftung, Folter, Prozess). Der YouTube-Talk „Ionescos Erbe“ nennt es „Nashörner neu geschrieben – und meint uns“. Filipenko vermeidet Schwarz-Weiß: Subtiler, mit Tierfakten und Humor. Beide kritisieren Verdrängung, doch Filipenkos Version passt zur Putin-Ära: Innere Verrohung statt äußerer Mutation. Perfekte Ergänzung für Ionesco-Leser.

Politisch aufgeladen, ohne didaktisch zu wirken, spiegelt der Roman autoritäre Systeme wider, in denen Dissens teuer erkauft wird. Der Humor bleibt trocken-belarussisch: Pawels Witze sind scharf, die Absurdität entspricht Ionesco. Und doch am Ende subtiler als bei Ionesco – keine physische Verwandlung, sondern innere Verrohung. Ein Roman, der lacht, bis es wehtut, und fragt: Was ignorierst du?

„Das Geschenk“ Gaea Schröter
„Das Geschenk“ von Gaea Schoeters ist eine kurze, sehr pointierte Politsatire (ca. 144 Seiten, Zsolnay 2025), die ein bewusst absurdes Szenario entwirft, um über Migration, Postkolonialismus und europäische Politik zu sprechen.

In Deutschland tauchen plötzlich überall Elefanten auf – in Berlin, in den Städten, mitten im Alltag. Bald wird klar: Sie sind nicht aus dem Zoo entlaufen, sondern ein „Geschenk“ des Präsidenten von Botswana. Hintergrund: Deutschland hat ein Einfuhrverbot für Jagdtrophäen beschlossen. In Botswana breiten sich dadurch die Elefanten massiv aus, gefährden die Lebensgrundlage armer Regionen – also schickt der Präsident 20.000 Elefanten nach Deutschland zurück.

Die Tiere richten Chaos an, es gibt Unfälle, Kosten, Konflikte. Die Bundesregierung muss reagieren: Es entsteht ein Elefantenministerium, es werden Quoten für Bundesländer festgelegt, Behörden, Länder und Parteien streiten. Gleichzeitig versuchen Populisten, aus der „Elefantenkrise“ politisches Kapital zu schlagen („Der Elefant gehört zu Deutschland“ ist eine der satirischen Pointen).

Sasha Filipenko
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Sasha Filipenko (1984, Minsk), auf Russisch schreibend, ist Exil-Star: Nach Rote Kreuze (Spiegel-Bestseller 2020) und Der Schatten einer offenen Tür (2024, Krimi über Waisenkinder-Suizide in russischem Nirgendwo) festigt „Die Elefanten“ seinen Ruf. Perlentaucher hebt die „böse Politsatire“ hervor, Zehnder nennt es „Buch der Woche“. Kritik: Manche finden es „zu subtil“ (kein Paukenschlag-Ende), andere loben genau das – psychologische Tiefe statt Sensationalismus. Filipenkos Stärke: Nuancen (keine Plakate), belarussisch-russischer Zynismus. Schwäche? Für Unkenner Ionescos weniger zugänglich. Die Satire ist zeitlos aktuell, wie Gaea Schoeters „Das Geschenk“. Ein Fest für Satire-Fans!

Eugène Ionesco
Eugène Ionesco (
1909 in Slatina, Rumänien; †1994 in Paris) war einer der bedeutendsten Dramatiker der Nachkriegszeit und eine Schlüsselfigur des „absurden Theaters“. Als Kind lebte er sowohl in Rumänien als auch in Frankreich, schrieb aber seine wichtigsten Werke auf Französisch und nahm 1950 die französische Staatsbürgerschaft an.

Berühmt wurde er mit Stücken wie „Die kahle Sängerin“ („La Cantatrice chauve“), „Die Stühle“ („Les Chaises“) und „Die Nashörner“ („Rhinocéros“). In ihnen entlarvt er mit grotesken Situationen, Sprachspielen und scheinbar sinnlosen Dialogen die Leere bürgerlicher Konventionen, die Manipulierbarkeit von Menschen und die Gefahren totalitärer Ideologien.

Ionescos Theater ist komisch und verstörend zugleich: Hinter dem absurden Humor steht stets eine existenzielle, oft politische Aussage. Ab den 1960er-Jahren wurde er international gefeiert, in die Académie française aufgenommen und bis heute weltweit gespielt und gelesen.

Kritik
Sasha Filipenko ist nie einfach zu lesen. Die Szenen der Entmenschlichung sind böse und schwer zu ertragen. Aber das ist vielleicht das Besondere an Filipenko: Er erzählt uns nicht, wie böse es in seiner Heimat zugeht, sondern er lässt es uns fühlen.

„Die Elefanten“ beißt zu – witzig, scharf, notwendig. Filipenko zeigt: Ignoranz ist der wahre Horror. Ich kann nur noch empfehlen: Kauft es, lest es, redet drüber. Nur so kann man verhindern, dass der Elefant zu dir kommt.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf unser Wiesbadener Literaturfestival „Ins Offene 6“ hinweisen. Hier ist Sasha Filipenko mit seinem Buch „Die Elefanten“ am 24. Juni 2026 zu Gast.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Ein Abenteuer ohne Happyend

»Wir haben es nicht gut gemacht.«
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„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg ...

„Wir haben es nicht gut gemacht“ ist der Titel eines knapp 600 Seiten starken Briefwechsels, der ein literarisches Liebesdrama neu erzählt: Fast fünf Jahrzehnte lang blieben die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch unter Verschluss. Jetzt offenbaren sie die zerstörerische Ambivalenz einer der berühmtesten Liebesgeschichten der deutschsprachigen Literatur – und räumen mit hartnäckigen Mythen auf. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle und Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag und Piper Verlag, 2022.

Ein Abenteuer ohne Happy End
Kurze Vita: Ingeborg Bachmann (15. Juni 1926 – 1973)
Die österreichische Autorin Ingeborg Bachmann war eine Ikone der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. 1952 nimmt Bachmann das erste Mal an einer Tagung der Gruppe 47 teil. Ihr Lyrikdebüt „Die gestundete Zeit“erschien 1953 in Alfred Anderschs Buchreihe „Studio Frankfurt“. Es folgte u. a. der Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ erscheint 1956. Bachmann wird Autorin des Piper Verlags. 1958 kamen Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“. 1962 beginnt die Autorin mit einer Arbeit, aus der sich das unvollendete „Todesarten-Projekt“ entwickelt.

1971 erschien ihr Roman „Malina“ beim Suhrkamp Verlag.

Bachmanns Themen sind:
– Sprache und Macht
– patriarchale Gewalt
– Nachwirkungen des Faschismus
– weibliche Subjektivität und Verletzbarkeit.

Kurze Vita: Max Frisch, (15. Mai 1911– 4. April 1991)
Der Schweizer Romancier und Dramatiker hat folgende Werke geschrieben: „Stiller“, „Homo Faber“, „Biedermann und die Brandstifter“, „Andorra“, „Mein Name sei Gantenbein“ und einige bedeutende Tagebücher.
Seine Themen sind: Identität und Rolle, Moral und Verantwortung, Privatleben versus Öffentlichkeit.
Frisch wird weltweit rezipiert. Seine Werke prägen bis heute das Nachdenken über Erzählen und Selbstentwurf. Zur ausführlichen Vita Max Frisch.

Wie es zum Buch „Wir haben es nicht gut gemacht“ kam
Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch war lange Zeit ein Geheimnis der deutschsprachigen Literaturwelt. Bachmann selbst hatte ihre Briefe vernichtet; Frisch jedoch fertigte Durchschläge und Abschriften an, deren Sperrung erst 2011 aufgehoben wurde.

Der Band versammelt den überlieferten Briefwechsel aus den Jahren ihrer Beziehung, von den späten 1950er bis zu den frühe 1960er. Die Briefe werden ergänzt durch Karten und Telegramme, soweit sie vorhanden sind.

Grundlage sind die Nachlässe und Archive (u. a. Ingeborg-Bachmann-Archiv und Max-Frisch-Archiv); nach jahrzehntelanger Sperrfrist und editorischer Aufarbeitung wurden die Briefe in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp und Piper veröffentlicht.

Der Titel – „Wir haben es nicht gut gemacht“ – zitiert die selbstkritische Bilanz einer Liebe, die an künstlerischen Ansprüchen, Eifersucht, Freiheitsbedürfnis und Rollenbildern zerbricht.

Die Publikation löste Debatten über literarischen Erkenntnisgewinn versus Intimsphäre aus – und macht zugleich sichtbar, wie nah sich Werk und Leben berühren.

Aufbau des Buches „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite, die Frau, sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wußte ich, trotzdem drängte es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen: Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.
Max Frisch, Montauk (1975).

Mit diesem Zitat aus beginnt das Buch, mit dem Briefwechsel. es sind 299 Briefe. Dann folgt der Kommentar von Thomas Strässler und Barbara Wiedemann, darauf 300 Seiten Stellenkommentare. Die Zeittafel gibt einen Blick auf die Beziehung frei. Am Schluss kommen das Abkürzungsverzeichnis mit Bibliografie, das Werkregister Bachmann und das Werkregister Frisch.

Inhalt / ZUSAMMENFASSUNG „Wir haben es nicht gut gemacht“
Die Briefe zeigen das Kennenlernen, die Anziehung und das Arbeitsbündnis. Die frühen Briefe kreisen um Sehnsucht, Reiserouten zwischen Rom, Zürich und Aufenthalten anderswo, und um gegenseitige Lektüre. Man spürt Bewunderung und das Versprechen, einander „Arbeitsruhe“ und Schutz zu geben.

Die Liebe zwischen Bachmann und Frisch entstand im Sommer 1958. Anfang Juni schrieb Bachmann den ersten Brief, in dem sie ihre Gefühle mit einer Bestimmtheit ausdrückte.

Es war Frisch, der sich dieser Liebe nach einem einzigen Pariser Treffen mit „Haut und Haar ergab“. Es zeigt sich ein komplexes, menschliches Bild zweier verletzlicher Menschen in einer Liebe, die nicht alltagstauglich ist.

„Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“

Die Korrespondenz zeigt auch den Alltag. Mit dem Zusammenleben mehren sich Briefe voller Organisation und Logistik. Im Focus stehen die Wohnungen, die Termine und Proben. Man erkennt aber auch verdeckte Machtspiele: Wer darf schreiben, wenn der andere Raum braucht? Wessen Werk hat Priorität?

Man kann zusehen, wie es zu Rissen in der Beziehung kommt. Eifersucht und die Angst, literarisch „verwendet“ zu werden, sind u. a. daran schuld. Dazu kommen Kränkungen durch Öffentlichkeit und Berufserfolg. Frischs nüchterner Selbstbericht steht Bachmanns verletzlicher, zugleich entschiedener Stimme gegenüber. Beide fordern vom Anderen und verfehlen sich.

Trennungsabsichten wurden ausgesprochen und im nächsten Moment untergraben. Entscheidungen wurden getroffen und kurz darauf widerrufen. Frisch schrieb:

„Ich fühle mit leiblicher Deutlichkeit, wie der Abschied, den ich verhängt habe, noch geleistet werden muss von mir.“

Bachmann antwortete:

„Sag mir, ob ich Dich ganz befreien soll von mir.“

Diese wechselnde Dynamik, in der beide ständig um gegenseitige Aufmerksamkeit, Anerkennung und Liebe buhlten, während sie sich gegenseitig verletzten, prägt den gesamten Briefwechsel bis zur endgültigen Trennung.

Späte Schreiben protokollieren Entfremdung, Schuldfragen und Versuche, die Verbindung nicht in Bitterkeit enden zu lassen. Der Band zeigt, wie Erfahrungen im Werk der beiden sich niedergeschlagen haben (Bachmanns Malina/Todesarten, Frischs Prosatexte).

Wir haben es nicht gut gemacht - Briefwechsel Ingeborg Bachmann - Max Frisch - Rezension
Schreibstil und Ton „Wir haben es nicht gut gemacht“
Es sind zwei unverwechselbare Stimmen:
Ingeborg Bachmanns Briefe sind lyrisch verdichtet und sensibel mit feinen Untertönen – ein Tasten zwischen der Bitte um Nähe und Selbstschutz. Es sind elegante Sätze, die zugleich versteckt versuchen zu manipulieren.
Dagegen die Stimme von Max Frisch. Meist nüchtern und analytisch. Er kontrolliert den Ton, dabei ist er präzise, manchmal protokollarisch, mit plötzlichen Ausbrüchen von Zärtlichkeit oder Ironie.

Die Korrespondenz besteht aus langen Briefen, eilenden Zetteln und Telegramme bis zu Funkstille. Dieser Ablauf der Korrespondenz bildet die Beziehungskurve ab. Beide sprechen über das Schreiben unter Liebesbedingungen – über Aneignung, Fiktionalisierung, die Angst, im Text des anderen zu verschwinden.

Fazit/Kritik „Wir haben es nicht gut gemacht“
Ein attraktiver Briefwechsel, eine stilistische Meisterschaft. Zwei Schriftsteller ersten Ranges kommunizieren miteinander und verfügen über alle psychologischen und sprachlichen Mittel, ihre Gefühle mit genauestens zu beschreiben. Die Briefe lesen sich stellenweise wie ein Roman – mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, allen Widersprüchen und Wunden, die echte Leidenschaft hinterlässt.

Der hervorragend kommentierte Briefwechsel „Wir haben es nicht gut gemacht“ ist weit mehr als eine Sensation aus der Literaturgeschichte. Er ist ein zeitloses Dokument menschlicher Verletzlichkeit, ein Zeugnis von zwei Menschen, deren Liebe ein Abenteuer war, das sie nicht bestanden – aber das sie „so ungeschützt und absolut“ verfolgten. Eine absolute Empfehlung für jeden, der verstehen möchte, wie Leben und Werk untrennbar verbunden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich das Buch „Wir sagen uns Dunkles“ von Helmut Böttiger rezensiert. Darin geht es um die kurz aber sehr intensive Beziehung von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Wem „Wir haben es nicht gut gemacht“ gefällt, empfehle ich „Wir sagen uns Dunkles“.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion

Was wir wissen können
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In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, ...

In einer Welt am Rande des ökologischen Kollapses begibt sich Biograf Thomas Metcalfe auf die Suche nach dem verschollenen Sonettenkranz des Dichters Francis Blundy – und stößt dabei auf eine Geschichte, die seine eigenen Gewissheiten zerschmettert. Ein Roman über die Grenzen der Erkenntnis und die Macht der Projektion, der zeigt, was bleibt, wenn wir erkennen, dass wir nichts wissen.

Erkenntnis oder Projektion?
Zusammenfassung / Inhalt „Was wir wissen können“
Ian McEwans neuer Roman „Was wir wissen können“ dreht sich um Francis Blundy und sein verschwundenes Gedicht, einen Sonettenkranz. In einer ausgebeuteten, klimatisch geschundenen Welt erforscht der Biograf Thomas Metcalfe das Leben des Dichters Blundy, dessen bedeutendstes Werk verloren ging.

Die Dystopie entfaltet sich auf zwei Zeitebenen.

Die Gegenwart zeigt eine erschöpfte Welt. McEwan verortet die Handlung in das Jahr 2119. Eine fiktive Welt, die ökologisch, emotional und literarisch ausgezehrt ist.

Diese postkatastrophale Gegenwart verzichtet auf actiongeladene Szenen von brennenden Städten und Zusammenbruch. Sie wirkt resigniert, still, grau und abgenutzt. Die Welt funktioniert gerade noch, ohne Höhepunkte. Der Klimawandel zeigt sich nicht in dramatischen Katastrophen, sondern schleichend. Utopien und große Fortschrittserzählungen fehlen. Es bleibt nur das Weitermachen – und das Schreiben.

In dieser Welt arbeitet Thomas Metcalfe als Biograf. Seine Aufgabe ist es, das Leben des Dichters Francis Blundy zu rekonstruieren. Diese Mission ist wissenschaftlich und emotional: Metcalfe liebt seine Arbeit, liebt Blundy, liebt das Rätsel, das dieser Mann darstellt.

Die Handlung gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit. Metcalfe durchkämmt Archivmaterial und sammelt Fragmente. Die narrative Gegenwart ist eine des forschenden Schreibens – nicht der Action, sondern der Reflexion.

Das verschwundene Gedicht und die Liebe In der Vergangenheit, die der Gegenwart der Leser entspricht, enthüllt dieser Rückblick die komplexe Beziehung zwischen Francis Blundy und Vivien. Ihre Lebensgeschichte erscheint als vielschichtiges Gewebe aus Begehren, wissenschaftlicher Neugier und unausgesprochenen Geheimnissen.

Metcalf ist fasziniert von diesem Gedicht, das ein Phantom ist. Was war dieses Gedicht? Worum ging es?

Das Leben selbst wird zum Rätsel: Was war die Beziehung zwischen Blundy und Vivien? Was Metcalfe zunächst „weiß“, bzw. was er konstruiert hat ist, dass Vivien eine unterstützende Partnerin war, dass sie ihre akademische Karriere für Blundy aufgegeben hat, dass sie sich zurückgezogen hat. Die erzählte Geschichte ist nicht die wahre Geschichte. Sie ist die Geschichte, die Metcalfe sich erzählt hat.

Drei Stimmen, eine Wahrheit? – Die Protagonisten „Was wir wissen können“
Der leidenschaftliche Forscher Thomas Metcalf ist der Erzähler im ersten Teil des Romans. Er ist Biograf und Wissenschaftler. Seine Besessenheit von Blundy, seine Hingabe an die Recherche und seine emotionale Investition in die „Wahrheit“ prägen seine Arbeit. Doch seine Perspektive bleibt subjektiv, es fehlt ihr an Objektivität.

Metcalfe setzt auf Empathie, um Blundys Leben zu verstehen. Doch der Roman fragt: Genügt Empathie als Methode historischer Erkenntnis?

„Beruf‌lich habe ich mich ein Leben lang darum bemüht, mit Menschen vertraut zu werden, die ich niemals persönlich treffen konnte, Menschen, die wirklich gelebt haben und für mich daher weit lebendiger waren als Figuren in einem Roman. Ich habe versucht mir zu eigen zu machen, was »jenseits meiner Reichweite über die Zeit hinweg« liegt. So bin ich zum Beispiel davon überzeugt, ich hätte Vivien Blundy lieben können“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Francis Blundy bleibt ein Rätsel. Er ist lange tot, und sein Leben wird nur durch Fragmente, Erinnerungen und Aufzeichnungen anderer erzählt. Er ist keine überlebensgroße literarische Figur wie Byron.

Sein verschwundenes Gedicht steht für Vergänglichkeit. Es symbolisiert alles, was wir nicht wissen und was verloren geht.

Vivien ist die Schreiberin der Gegenwahrheit, Die eigentliche Überraschung des Romans ist Vivien. Lange war sie die stumme Figur – die zurückgezogene Partnerin, die unterstützende Ehefrau. Doch Vivien hinterlässt Aufzeichnungen, die Metcalfes Bild von ihr widersprechen.

Vivien schreibt gegen das Bild, das Thomas von ihr hatte. Sie ist nicht das sanfte, aufopfernde Opfer, als das Metcalfe sie darstellte. Sie ist komplex, fehlbar, eigenständig. Ihre Erinnerungen sind ebenso wahr wie Metcalfes Recherchen – nur anders.

Die Harmonisierung dieser drei Stimmen – Metcalfe, Blundy und Vivien bildet das narrative Herzstück des Romans.

Schreibstil und Struktur „Was wir wissen können“
McEwan entwickelt eine präzise, zurückhaltende Erzählweise. Die Sprache ist kühl, distanziert und analytisch. Die Zukunft, in der die Geschichte spielt, formt die Sprache: sie ist trostlos, ohne Illusionen.

McEwan überlässt nichts dem Zufall. Die Struktur von „Was wir wissen können“ ist durchdacht und gezielt rau. Der Roman teilt sich: Zuerst die Forschung des Biografen, die Rekonstruktion, die liebevolle Interpretation. Dann der Bruch – Viviens Aufzeichnungen, die Korrektive, die Umschreibung.

Dieser Bruch ist gewollt. Metcalfe verliert seine Erzählerrolle. Die Figur Vivien übernimmt. Die Perspektive wechselt nicht sanft, sondern abrupt.

McEwan zeigt damit etwas Tiefgreifendes: Wir können nicht sanft von einer Wahrheit zur anderen wechseln. Der Erkenntnisprozess ist nicht evolutionär, sondern revolutionär. Es gibt einen Punkt, an dem die alte Erzählung (Metcalfes Forschungsergebnisse) endet und eine neue (Viviens Aufzeichnungen) beginnt.

„Wie bei den meisten Menschen, die sich auf dem Papier mit sich selbst unterhalten, galt meine Treue der Wahrheit, so wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt verstand. Würde ich mich in schlechtem Licht zeigen müssen, dann sollte es so sein.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Fazit / Kritik „Was wir wissen können“
Der Roman hinterfragt grundlegende erkenntnistheoretische Konzepte. McEwan zeigt, dass die Idee der Empathie sehr subjektiv ist. Sichtbar werden die Grenzen menschlicher Erkenntnis in einer vergangenen Welt, so dass man sagen kann, „Was wir wissen können“ entfaltet sich als komplexe Meditation über Wissen, Interpretation und die Grenzen menschlichen Verstehens.

Mir gefällt die moralische Komplexität: Weder Metcalfe noch Vivien sind Bösewichte. Beide haben recht – und beide haben unrecht. Der Roman verweigert einfache moralische Bewertungen.

Auch eine Warnung für die aktuelle Politik Deutschlands kann man, wenn man möchte, im nächsten Zitat lesen.

„Etwa zu der Zeit, als das darniederliegende Deutschland von Großrussland einverleibt wurde, war die Erdbevölkerung infolge von Tsunamis, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten auf knapp vier Milliarden gesunken.“

Auszug aus „Was wir wissen können“ Ian McEwan

Ich möchte den Buchtitel zum Abschluss in eine Frage umwandeln: Was können wir wissen? Jeder, der in der Vergangenheit forscht oder etwas sucht – ob Wissenschaftler oder Laie –, muss sich diese Frage ständig stellen. Warum? Weil das Ziel immer die Wahrheit ist. Auch wir Rezensenten sollten uns diese Frage bewusst machen und dabei nie vergessen: Jede Rezension spiegelt nur eine persönliche Meinung und darf nicht den Anspruch erheben, die Wahrheit zu sein.

Mein herzlicher Dank geht an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Nächtliche Abenteuer und innere Konflikte

Nachteule
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Ingrid Noll, gefeierte deutsche Autorin des schwarzen Humors und spannender Krimis, entführt in „Nachteule“ in eine fesselnde Geschichte, erzählt aus der Sicht einer jugendlichen Protagonistin. Das Buch ...

Ingrid Noll, gefeierte deutsche Autorin des schwarzen Humors und spannender Krimis, entführt in „Nachteule“ in eine fesselnde Geschichte, erzählt aus der Sicht einer jugendlichen Protagonistin. Das Buch verknüpft geschickt Coming-of-Age-Themen mit einer mysteriösen Handlung und hält die Spannung bis zur letzten Seite.

Übersicht/Zusammenfassung „Nachteule“



„Das Physikum habe ich letztes Jahr mit Bravour bestanden, aber es wird noch lange dauern, bis ich mein Ziel erreicht habe. Irgendwann möchte ich nämlich als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie eine eigene Praxis eröffnen. Demnächst werde ich mit einer Lehranalyse beginnen, um meine härteste Zeit als Teenager aufzuarbeiten. Mein Freund hat mich bei meinem Vorhaben bestärkt, bereits im Vorfeld alles über meine toxische Beziehung aufzuschreiben.„



Ingrid Noll. Nachteule (Function). Kindle Edition.

Die sechzehnjährige Luisa erkennt, dass sie eine „Superkraft“ hat. Sie kann im Dunkeln sehen. Sie liebt Tiere und beobachtet sie gern. Nächtliche Abenteuer und Begegnungen prägen sie. Geheimnisse verändern nicht nur ihre Sicht auf das Leben, sondern bringen sie auch in gefährliche Situationen.

Als Baby in Peru adoptiert, kämpft Luisa nicht nur mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Auch das Familienleben birgt Schwierigkeiten. Soll sie ihrer Mutter das Geheimnis ihres Vaters offenbaren? Ihre Vorliebe für die Nacht spiegelt ihren Drang wider, dem Alltag zu entfliehen und ihre Rolle in der Welt zu finden. Unerwartete Wendungen und geheimnisvolle Ereignisse halten die Spannung hoch.

Protagonistin Luisa



Im Gegensatz zu meinen Altersgenossen tummelte ich mich allerdings kaum in den sozialen Netzwerken, sondern benutzte es vorwiegend als Lexikon. Ob es Cybermobbing oder andere digitale Attacken gegen mich gab, interessierte mich nicht. Ich wusste, dass ich bei einigen Neidhammeln als Streberin galt, andere aus meiner Klasse mir wiederum dankbar waren, weil ich sie abschreiben ließ.

Ingrid Noll. Nachteule (Function). Kindle Edition.



Luisa hat gute Noten und gilt als Streberin. Sie hinterfragt ihre Rolle als Adoptivkind. Wird sie den Erwartungen ihrer Eltern gerecht? Sind ihre Eltern zufrieden mit ihr? Sie ist ein typischer Teenager, der mit Unsicherheiten, Ängsten und Sehnsüchten kämpft. Ingrid Noll zeichnet sie mit Empathie und Verständnis für die Gedankenwelt eines jungen Mädchens, das die Schwelle zum Erwachsenenleben überschreitet. Luisa wirkt so lebendig, dass ich mich gut mit ihr identifizieren kann.

Ingrid Nolls Stil ist – wie gewohnt – klar und prägnant. Der Sprachstil ist lebendig und zeitgemäß, ohne die dunkle, spannungsgeladene Atmosphäre zu verlieren. Die Dialoge wirken natürlich und offenbaren viel über die Charaktere, die Umgebung und die innere Zerrissenheit der Protagonistin.

Hörbuch „Nachteule“ gesprochen von Nellie Fischer-Benson

Das Hörbuch zu „Nachteule“ überzeugt durch Nellie Fischer-Bensons gekonnte Interpretation Luisas. Sie bringt die Unsicherheit und den inneren Konflikt des Teenagers eindrucksvoll zum Ausdruck und schafft eine intensive Hörerfahrung. Die nächtlichen Szenen werden stimmungsvoll umgesetzt, was zur Atmosphäre des Romans beiträgt.

Hörbuch-Download
5 Std. 37 Min.
erschienen am 20. August 2025

Fazit / Kritik „Nachteule“

„Nachteule“ ist ein spannender und berührender Roman über das Erwachsenwerden, verpackt in eine geheimnisvolle und manchmal düstere Geschichte. Ingrid Noll gelingt es, die Gefühle und Gedanken eines Teenagers glaubwürdig darzustellen und mit einer fesselnden Handlung zu verbinden. Die Mischung aus Coming-of-Age und Thriller-Elementen macht das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis.

Einziger Wermutstropfen: An manchen Stellen erscheint die Handlung vorhersehbar. Ich bin ein großer Fan von Ingrid Noll. Aber „Nachteule“ hat es mir nicht einfach gemacht. Wo war der typische Ingrid-Noll-Mord? Wo war die sympathische Mörderin? Es fiel mir tatsächlich schwer, „Nachteule“ als ein Buch von Ingrid Noll einzuordnen. Nein, Das Buch hat mich nicht überzeugt, trotz starker Protagonistin. Wenn das Buch von einer oder einem anderen Autor gewesen wäre, hätte es mich vielleicht überzeugt, aber so hat es meine Erwartungen nicht erfüllt. Das ist natürlich eine sehr subjektive Bewertung. Am besten: Lest es selbst!

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