Echt, hart, realistisch.
The Glass GirlIch habe jedes übersetzte Buch von Kathleen Glasgow gelesen – weil mich jedes einzelne Thema selbst betrifft oder betroffen hat. Weil ich, in meiner Jugend, solche Romane gebraucht hätte und es mir auch ...
Ich habe jedes übersetzte Buch von Kathleen Glasgow gelesen – weil mich jedes einzelne Thema selbst betrifft oder betroffen hat. Weil ich, in meiner Jugend, solche Romane gebraucht hätte und es mir auch heute noch hilft, das Gefühl zu bekommen, verstanden zu werden, nicht allein zu sein.
„𝐓𝐡𝐞 𝐆𝐥𝐚𝐬𝐬 𝐆𝐢𝐫𝐥 “ schildert das Leben der Teenagerin Bella, die seit der Trennung ihrer Eltern und dem Tod ihrer Großmutter mit dem Alltag kämpft, sich des Gedankens nicht verwehren kann, „stets etwas zu müssen“ und dabei unsichtbar zu sein, Risse zu kitten. Als ihre erste Liebe sie verlässt, scheint es als könnte Bella nie wieder glücklich sein. Zwischen Schule und Arbeit, dem wöchentlichen Wechsel ihres zu Hauses, der Schuld, die sie empfindet, egal was sie tut oder nicht, und der Betreuung ihrer kleinen Schwester bleibt wenig Zeit zum Durchatmen. Doch die Abende, umgeben von ihrer Clique, nutzt Bella um zu vergessen, zu betäuben, sich leicht zu fühlen. Und irgendwann braucht sie den Alkohol auch am Tag, immer griffbereit. Aber das Mädchen ist nicht krank. Nicht süchtig. Sie kann den Wodka stehen lassen, wenn sie will … Oder?
Glasgow schafft es, dass sich LeserInnen mit Bella identifizieren, mitfühlen können. Der Weg in die Sucht – gerade heute, wo Alkohol dazu gehört, „normal“ ist, ein Bier hier, ein Glas Sekt dort, und es keine Kunst ist, auch als Minderjährige/r an ausreichend Promille zu kommen – ist schleichend, wurde deutlich gezeichnet, genau wie das Wanken zwischen klaren und verschwommenen Augenblicken, zwischen Standhaftigkeit und Schwäche.
Besonders innig und intensiv fand ich die Beziehung zwischen Bella und ihrer Schwester, etwas, das uns verbindet. Auch die eine oder andere Freundin bleibt an ihrer Seite, findet sich dort neu ein, wo andere Freundschaften zerbrechen, vielleicht nie existierten.
Kathleens Ton ist – wie jedes Mal – sehr einnehmend, klar, gewissermaßen distanziert und passend der Themen melancholisch, erdrückend und schwer. Dass Therapie und Entwöhnung nicht frei von Rückschlägen, die Stimmung wankelmütig ist, Lügen alltäglich sind, der Wille bröckelt, gibt dem Roman noch mehr Authentizität. Genau wie Bellas Schmerz – der überall und nirgendwo sitzt.
Die Wochen in der Entzugsklinik sind realitätsnah dargestellt – von Abläufen, Gruppendynamiken, echten Messages bis hin zu den Lücken im System und den gewonnenen Erkenntnissen. Nichts in diesem Buch wurde vereinfacht dargestellt – und ist das nicht das bewegende an Glasgows Büchern?!
Bellas Geschichte endet nicht nach der Therapie, nach klärenden Gesprächen, endet nicht selbstbewusst trocken, sondern zeigt auch die Schwierigkeiten „im draußen“ auf, wie leicht es ist, zurück in Gewohnheiten zu driften, wie ungemein wichtig, Grenzen zu ziehen, zu Fehlern zu stehen, um Hilfe zu bitten.
Der Weg zum Erwachsen werden, jener, der uns zu uns selbst führt, die Frage stellt, wer wir sind und sein wollen, ist kein leichter, doch Bellas ist um ein Vielfaches härter. Mentale Probleme, familiäre Konflikte, Selbstzweifel- und hass, Liebeskummer, (Lebens)Müdigkeit und das Drängen der Sucht, die stets griffbereite Fluchtmöglichkeit des lockenden Alkohols (…) all das verbindet sich in „The Glass Girl“ zu einer rührenden, schonungslosen und echten Geschichte, die weder beschönigt noch romantisiert.
Sucht fragt nicht nach dem Alter, beginnt schleichend und lässt dich nie mehr los.
Sei vorsichtig mit deinen Worten. Sie könnten tiefer treffen als gewollt.
Geh aufmerksam mit deinen Mitmenschen um. Manche wollen Hilfe, aber können nicht darum bitten.