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Veröffentlicht am 18.08.2025

Schöner Auftakt einer Trilogie

Die Bibliothek meines Großvaters
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Von ihrem Großvater hat die junge Lehrerin Kaede ihre Liebe zu Büchern geerbt, besonders die zu klassischer Kriminalliteratur. Vor einiger Zeit hat dieser jedoch die Diagnose Lewy-Körper-Demenz erhalten ...

Von ihrem Großvater hat die junge Lehrerin Kaede ihre Liebe zu Büchern geerbt, besonders die zu klassischer Kriminalliteratur. Vor einiger Zeit hat dieser jedoch die Diagnose Lewy-Körper-Demenz erhalten und somit mal bessere und mal schlechtere Tage. An seinen besseren Tagen bittet Kaede ihn regelmäßig, mit ihr gemeinsam kleinere und größere Kriminalfälle zu lösen, über die sie in ihrem Alltag stolpert. Doch bald scheint es, als wäre auch Kaede selbst in einen dieser Fälle verwickelt.

„Die Bibliothek meines Großvaters“ ist der erste Roman einer geplanten Trilogie des japanischen Schriftstellers Masateru Konishi, der Teile der Handlung nach seinen eigenen Erfahrungen mit einem demenzkranken Vater formte. Die deutsche Übersetzung stammt von Peter Aichinger-Fankhauser. Die Handlung wird aus der Perspektive von Kaede erzählt und enthält immer wieder Skizzen, die die entsprechenden Kriminalfälle illustrieren. Neben Kaede und ihrem Großvater, arbeiten manchmal auch ihr Kollege Iwata und dessen Freund Shiki an den Fällen mit.

Die Lewy-Körper-Demenz des Großvaters führt einerseits zu parkinsonartigen Symptomen, auf der anderen aber vor allem zu Halluzinationen. So sieht und hört er regelmäßig Dinge, Tiere und Menschen, die gar nicht im Raum sind. Für Kaede ist der Umgang mit ihm daher nicht leicht, sie versucht aber, in einem gewissen Maß auf ihn einzugehen und sich seine immer noch starken Kombinationsfähigkeiten zunutze zu machen. Gemeinsam lösen die beiden so einige Kriminalfälle, zum Beispiel den einer verschwundenen Lehrerin oder einen Mordfall in einer Bar, auch Iwata und Shiki werden darin verwickelt.

Im Zentrum der Geschichte steht für mich klar die Beziehung zwischen Enkelin und Großvater, die sich durch die fortschreitende Demenz verändert. Die beiden bleiben aber durch ihr gemeinsames Hobby verbunden und finden so immer eine Kommunikationsebene, der die Krankheit nichts anhaben kann. Die eigentlichen Fälle werden nur durch reine Deduktion und Überlegungen gelöst. Es gibt keine Ermittlungen im eigentlichen Sinn und oft auch keine Beweise, was die Auflösung manchmal etwas willkürlich erscheinen lässt.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Emotionale Milieustudie

Das gelbe Haus
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Als Hana durch Zufall über einen Zeitungsbericht stolpert, ist das wie eine Zeitreise in ihre Vergangenheit. Als 17-Jährige eröffnete sie mit der älteren Kimiko eine Bar und begann den Abstieg ins kriminelle ...

Als Hana durch Zufall über einen Zeitungsbericht stolpert, ist das wie eine Zeitreise in ihre Vergangenheit. Als 17-Jährige eröffnete sie mit der älteren Kimiko eine Bar und begann den Abstieg ins kriminelle Milieu. Eben diese Kimiko soll nun in ihrer Wohnung eine Frau festgehalten und sie misshandelt haben. Hana versucht, ihre Freundinnen von damals zu kontaktieren und denkt zurück an ein Leben voller harter Arbeit, ständiger Rückschläge und finanzieller Sorgen.

„Das gelbe Haus“ ist der neuste Roman der Autorin Mieko Kawakami; die deutsche Übersetzung verfasste Katja Busson. Der Titel bezieht sich auf ein Haus, in das Hana, Kimiko und Hanas Freundinnen Ran und Momoko im Verlauf der Handlung gemeinsam einziehen. Es ist ein Symbol für einen sicheren Hafen und einen Platz im Leben, auch wenn sich dort nicht immer nur Positives abspielt. Im Fokus der Geschichte steht Protagonistin Hana, aus deren Ich-Perspektive in der Vergangenheitsform erzählt wird.

Hanas Einstieg ins Rotlichtmilieu scheint unvermeidbar, denn auch ihre Mutter arbeitet als Hostess in einer Snackbar und unterstützt ihre Tochter kaum. Anders fühlt sich alles bei Kimiko an, einer Bekannten der Mutter, die Hana wahrnimmt, etwas mit ihr unternimmt und mit der sie dann gemeinsam ins Bargeschäft einsteigt. Dabei befindet Hana sich in einem echten Teufelskreis: sie ist minderjährig und hat keinen Ausweis – wo soll sie sonst arbeiten, wenn nicht im Milieu? Doch einmal dort angelangt, scheint der Ausstieg unmöglich.

„Das gelbe Haus“ ist auf der einen Seite eine Geschichte über eine Wahlfamilie, die sich gegenseitig Halt gibt, die aber auch von der Realität des Lebens regelmäßig auf die Probe gestellt wird. Auf der anderen Seite geht es um das Rotlichtmilieu, das vielen Menschen Arbeit gibt, die anderswo keine finden würden. Dafür bezahlen sie mit ihrer Sicherheit, erleiden Gewalt durch Kunden, müssen sich vor der Yakuza in acht nehmen und scheinen in einem endlosen Hamsterrad gefangen – ohne Aussicht auf Erfolg. Mieko Kawakami ist hier eine emotionale Milieustudie gelungen, wenn es auch lange dauert, den Bogen zum Zeitungsartikel am Anfang zu schlagen.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Roman über Spielsucht und einen gesellschaftlichen Abstieg

Blume Vollmond
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Es ist das Jahr 1948 und die 20-jährige Hua Manyue verbringt ihre Zeit mal wieder am Mah-Jongg-Tisch im Spielsalon. Da erscheint Wang Vier, der Rikschakuli der Familie, mit dem Auftrag, sie abzuholen. ...

Es ist das Jahr 1948 und die 20-jährige Hua Manyue verbringt ihre Zeit mal wieder am Mah-Jongg-Tisch im Spielsalon. Da erscheint Wang Vier, der Rikschakuli der Familie, mit dem Auftrag, sie abzuholen. Die Straßen sind voller Soldaten der Befreiungsarmee, es wird geschossen und die gesamte Familie Hua muss fliehen. Zurück bleibt nur Hua Manyue, ohne jeglichen Besitz, da dieser enteignet wurde, und so muss sie untertauchen. Aus Hua Manyue wird nun Yue Manhua. Wang Vier versteckt sie pflichtbewusst, doch wie soll ihr Leben in Zukunft weitergehen?

„Blume Vollmond“ ist der neuste Roman der chinesischen Autorin Fang Fang und wurde von Michael Kahn-Ackermann ins Deutsche übersetzt. Das chinesische Original wurde bisher nicht veröffentlicht, da die Autorin in ihrer Heimat einem Publikationsverbot unterliegt. Der Titel des Buches ist die wörtliche Übersetzung des Namens der Protagonistin Hua Manyue und wirkt im Deutschen eher zusammenhangslos. Hier wäre vielleicht der chinesische Name oder ein Titel mit Bezug zum Inhalt vorteilhafter gewesen.

Die Handlung entwickelt sich vor dem Hintergrund der so genannten „Bodenreform“ (1948-51), über die „Kulturrevolution“ (1966-76) bis in die Gegenwart im Jahr 2008, als Hua Manyue 80 Jahre alt ist. Die politischen Entwicklungen und die bodenlose Gewalt, die die Bevölkerung erdulden muss, bleiben jedoch nur ein kleiner Nebenschauplatz. Im Zentrum steht eine Protagonistin, für die im Leben nur eines Bedeutung hat: das Mah-jongg-Spiel. Auch als sie Wang Vier heiratet, um ihre Tarnung zu schützen, und mit ihm einen Sohn bekommt, kann sie für ihre Familie keine Gefühle entwickeln; der Bezug zu ihr als Hauptfigur bleibt schwierig.

„Blume Vollmond“ ist zuallererst ein Roman über Spielsucht und über einen gesellschaftlichen Abstieg. Aufgrund ihrer Persönlichkeit fällt es jedoch schwer, Empathie mit der Protagonistin zu empfinden. Ich persönlich hätte mir noch einen etwas tieferen Einstieg in die politischen Zusammenhänge gewünscht. Wer diesen sucht, wird bei Fang Fang in ihrem grandiosen Roman „Weiches Begräbnis“ fündig; „Blume Vollmond“ enthält aber auch ein sehr informatives Nachwort.

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Veröffentlicht am 07.08.2025

Guilia Ferraris Vergangenheit

Signora Commissaria und die kalte Rache
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In Florenz verfolgt nachts ein Mann Frauen durch die Straßen. Er „begleitet“ sie bis vor die Haustür und am nächsten Morgen hängen in der Nähe Vermisstenplakate mit ihrem Foto darauf Der Täter will ihnen ...

In Florenz verfolgt nachts ein Mann Frauen durch die Straßen. Er „begleitet“ sie bis vor die Haustür und am nächsten Morgen hängen in der Nähe Vermisstenplakate mit ihrem Foto darauf Der Täter will ihnen sagen: „So könntest Du enden, wenn ich mich dazu entschieden hätte.“ Und tatsächlich verschwindet bald darauf eine Frau spurlos. Commissaria Giulia Ferrari nimmt gemeinsam mit Partner und Kollege Enzo sowie dem ehemaligen Commissario Luigi Batista (inzwischen Barbesitzer) den Fall auf. Doch auch in ihrer Vergangenheit gibt es ein großes Rätsel, das gelöst werden will.

„Signora Commissaria und die kalte Rache“ ist bereits der dritte Roman rund um Giulia Ferrari, auch wenn der erste Roman der Serie von Autor Alexander Oetker noch unter dem Pseudonym Pietro Bellini erschien. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, vor allem der von Giulia und Luigi, aber auch der Täter kommt zu Wort. Zwischendurch sind auch wörtliche Gespräche zwischen Luigi und seiner Frau Carla wiedergegeben, nach denen stets eines von Carlas berühmten Rezepten folgt.

Es war eine schöne Abwechslung, mal wieder einen Krimi zu lesen, in dem es nicht um Mord und Totschlag geht und in dem es auch keinen Leichenfund gibt. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf die Ermittlungen rund um den nächtlichen Stalker – was ich als ein sehr wichtiges Thema empfinde, weil so die Angst vieler Frauen auf dem dunklen Weg nachhause angesprochen wird. Die Auflösung war nach etwa zwei Dritteln zwar vorhersehbar, dennoch hat mich der Fall gut unterhalten.

In Giulias Privatleben schätze ich besonders ihre liebevolle Beziehung zu ihrem blinden Kollegen Enzo, den sie allen Bereichen als ebenbürtigen Partner empfindet. Etwas übertrieben wirken hingegen die Entwicklungen, welche die Handlung in Bezug auf die Familiengeschichte der Commissaria nimmt. Hier ist in den kommenden Bänden ein großer Showdown zu erwarten, den ich persönlich nicht bräuchte. Mir genügt es, von Giulia und Enzo, von Carlas leckeren Rezepten oder Luigis Hund Tulipan zu lesen und die Kulisse von Florenz zu genießen.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Spannende Auflösung, zwischendurch Schwächen

We Were Liars. Solange wir lügen. Lügner-Reihe 1 (Best of BookTok & Roman zur Amazon-Prime-Serie)
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Seit ihrer Geburt verbringt die 17-jährige Cadence Sinclair Eastman jeden Sommer mit ihrer Familie auf Beechwood Island. Die Sinclairs, das sind Oberhaupt Harris und seine Frau Tipper, die drei Töchter ...

Seit ihrer Geburt verbringt die 17-jährige Cadence Sinclair Eastman jeden Sommer mit ihrer Familie auf Beechwood Island. Die Sinclairs, das sind Oberhaupt Harris und seine Frau Tipper, die drei Töchter Penny, Carrie und Bess sowie deren Kinder, also Cadence und ihre Cousinen und Cousins. Eine besonders enge Freundschaft verbindet sie dabei mit ihrem Cousin Johnny, ihrer Cousine Mirren und natürlich mit Gat, der – streng gesehen – nicht zur Familie gehört. Zusammen geben die vier ein starkes Team ab und nennen sich selbst „die Lügner“. Doch in ihrem 15. Sommer auf der Insel hat Cadence einen Unfall und kann sich danach an nichts erinnern. Ganze zwei Jahre nimmt keiner der „Lügner“ Kontakt zu ihr auf, doch nun ist Cadence wieder auf dem Weg nach Beechwood und sie wird herausfinden, was in diesem einen Sommer geschehen ist und was alle vor ihr verbergen wollen.

„We were Liars“ von E. Lockhart erschien bereits im Jahr 2015, die deutsche Übersetzung stammt von Alexandra Rak. Ich wurde erst durch die zugehörige Serie auf das Buch aufmerksam. Die Handlung wird von Cadence selbst in der Ich- und Vergangenheitsform erzählt, so dass wir gemeinsam mit ihr herausfinden, was hinter ihrem Unfall steckt. Die Erzählweise ist dabei manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, da die Autorin Emotionen sehr bildreich beschreibt. Als Cadence Vater die Familie verlässt, beschreibt diese, dass er sich noch einmal zu ihr umdreht und ihr mitten in die Brust schießt – was eigentlich nur ihre Traurigkeit ausdrücken soll. Hier muss man manchmal zwei mal lesen, um die nicht ganz geglückten Beschreibungen einzuordnen.

Die Geschichte lebt definitiv vom Zusammenhalt der vier „Lügner“ untereinander. Gemeinsam lehnen sie sich gegen den Großvater auf, der ein strenges Regiment führt und seine drei Töchter pausenlos gegeneinander ausspielt. Besonders Gat mit seinen indischen Wurzeln hat es bei ihm schwer. Hier gelingt es, meiner Meinung nach, der TV-Serie noch etwas besser, die komplexen, festgefahrenen Familienverhältnisse darzustellen. Die Auflösung am Ende, was mit Cadence passiert ist, ist eine der besten, die ich bisher gelesen habe und gleicht aus, wo der Roman zwischenmenschlich und sprachlich seine Schwächen hat.

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