"Expressbacken" von Dr. Oetker (UT Meine Lieblingsrezepte) erschien im Dr. Oetker-Verlag (2026, HC, 71 Seiten) und beinhaltet sehr leckere Kuchen- und Tarte- sowie Kleingebäckrezepte, die in Windeseile ...
"Expressbacken" von Dr. Oetker (UT Meine Lieblingsrezepte) erschien im Dr. Oetker-Verlag (2026, HC, 71 Seiten) und beinhaltet sehr leckere Kuchen- und Tarte- sowie Kleingebäckrezepte, die in Windeseile gebacken sind.
"Ob fruchtige Tartes, saftige Muffins oder schnelle Kuchen vom Blech - mit diesen Expressrezepten steht in maximal 30 Minuten alles bereit für den Ofen. So einfach war Backen noch nie! Dank klarer Schritt-für-Schritt-Anleitungen gelingen sowohl moderne Klassiker als auch kreative Neuentdeckungen im Handumdrehen. Perfekt für den Alltag, spontane Gäste oder die süße Pause zwischendurch - mit Dr. Oetker gelingt schnelles Backen garantiert und bringt im Nu frischen Genuss auf den Tisch."
(Quelle: Verlagstext Buchrückenseite)
Von Aprikosen-Mohn-Kuchen bis Nougat Popovers reihen sich hier Klassiker sowie tolle Obstkuchen und -torten, Blechkuchen, Rühr- und Käsekuchen sowie Kleingebäck verständlich erklärt und mit schönen Rezeptfotos der gebackenen Kuchenart aneinander. Mir hat die Mischung, zu der auch Klassiker zählen sowie die gute Nachbackbarkeit gut gefallen (bis auf die Zimtschnecken; statt Croissantteig bevorzuge ich hier doch das originale schwedische Rezept mit Hefeteig). Unsere bisherigen Favoriten sind der saftige Rührkuchen, in Kürze der Johannisbeer-Grieß-Kuchen, im Spätsommer die Brombeer-Tarte, die Mandel-Blondies und die Pfirsich-Streusel-Muffins. Wie man sieht, ist auch Obst am Start, so dass dieses Expressbackbuch zu allen Jahreszeiten entsprechende Rezeptideen liefert, die auch für spontane Anlässe oder kurzfristigen Besuch sehr geeignet sind. Insgesamt ein Backbuch, das für Menschen, die nicht immer Zeit für sehr aufwändige Backvorhaben besitzen und auch spontan sich und andere mit süßen Leckereien beglücken möchten, besonders geeignet ist.
Ich empfehle Expressbacken gerne weiter und vergebe 4 *
"Du bist mein Anfang" der holländischen Autorin und Illustratorin Octavie Wolters erschien 2026 im Verlag Freies Geistesleben; übersetzt aus dem Niederländischen hat es Eva Schweikart. Dieses Buch beeindruckt ...
"Du bist mein Anfang" der holländischen Autorin und Illustratorin Octavie Wolters erschien 2026 im Verlag Freies Geistesleben; übersetzt aus dem Niederländischen hat es Eva Schweikart. Dieses Buch beeindruckt bereits rein optisch durch seine Größe und das wunderschöne Cover, das mich auch neugierig auf diese Geschichte werden ließ.
Inhalt:
"Ein kleiner Hase ist auf der Suche nach dem Frühling, denn er will den Anfang von allem finden.
Er läuft und läuft, immer Richtung Osten, das haben ihm die Eltern empfohlen - denn da müsste der Frühling herkommen. Ganz allein läuft er am Ufer des Flusses entlang, der geheimnisvoll gluckert und Antworten zu plätschern scheint. Unterwegs begegnet der kleine Hase dem Dachs, dem Reh, dem Fuchs, dem Igel und anderen Tieren, erlebt den Lauf der Jahreszeiten und erkennt: Das Ende seiner Suche ist zugleich ein Anfang." (Buchrückseitentext des Verlages)
Meinung:
Die Reise des kleinen Hasen Hops beginnt, als noch Schnee im Tal liegt und er fragt sich, wo das Schneeglöckchen, die Fichte und der Kastanienbaum wohl herkommen. Seine kluge Mutter weiß: "Alles Lebendige kommt vom Frühling" und so macht sich der neugierige kleine Hops auf den Weg in den Osten. Auch der Fluss, dem er folgt und in dem er Antworten sucht, soll ihm den Weg zum Frühling weisen. Auf seinem Weg gen Osten begegnet er nun verschiedenen Tieren wie Dachsen, Rehen, Füchsen und Igel und erfährt mehr von den Jahreszeiten. Die Hauptmotive sind die Tiere und der Hase selbst, die wunderschön und aufwendig im Linolschnitt dargestellt werden: Diese Pracht, selbst wenn sie schwarz/weiss daherkommt, hat mich sehr beeindruckt und ist sehr kunstvoll und wunderschön anzusehen.
So erfährt der kleine Hase auf seinen Wanderstationen immer mehr vom Kreislauf des Lebens und kommt am Ende an dessen Ursprung - und seinem eigenen - an, wo bereits die Eltern auf ihn warten.
Fazit:
Ein Buch zum Nachdenken, zum Betrachten und Diskutieren, das sich aufgrund des Themas sowohl für Kinder als auch für Erwachsene sehr eignet. Der Linolschnitt bringt noch dazu etwas sehr Kunstvolles (vor dem ich großen Respekt zeige, da Linoldrucke sehr viel Genauigkeit und Zeit erfordern) hinzu, das diesem Buch etwas ganz Besonderes verleiht. Ich kann mir sehr gut z.B. Großeltern vorstellen, die mit den Enkelkindern diese wundervollen Bilder betrachten und die Fragen der Kinder beantworten. Ich schließe mich gerne der Autorin an, die jedem Kind z.B. einen Hoopsie oder Hoppel, einen Hops oder Ähnliches wünscht, "das bereits von Anfang an da ist" und gebe eine absolute Empfehlung sowie 5 * für Text und für die großartigen und sehr kunstvollen Linolschnitt-Abbildungen.
"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung ...
"Das Tränenhaus" von Gabriele Reuter erschien erstmals 1909 und ist ein vom Reclam-Verlag wiederentdeckter Roman einer Autorin, die um die Jahrhundertwende sogar in ihrer Auflagenstärke bei der Erstveröffentlichung Theodor Fontane (Effie Briest, zeitgleich erschienen) übertroffen hat und eine vielgelesene Autorin ihrer Zeit war, jedoch schon lange in Vergessenheit geriet. Ich denke, man kann den Roman zu einem der Vorläufer feministischer Frauenliteratur zählen, der auch heute lesenswert ist.
Die schwangere Schriftstellerin Cornelie Reimann (ein Alter ego von Gabriele Reuter) kommt in die Herberge der älteren Hebamme Frau Uffenbach, die damit Geld verdient, unverheirateten schwangeren Frauen in Schopfingen, Württemberg, Zimmer und Unterkunft zu vermieten. "Das Annerle", bereits zum 2. Male dort, kann den Kindsvater nicht heiraten, da der Mann jüdisch ist, ihr Vater jedoch Kaplan. Toni, eine blasse 17Jährige, ist an einen Abenteurer geraten, Mari, deren Kind kurz nach der Geburt verstirbt, ist aus dem Bayrischen und zwei weitere junge Frauen suchen "das Tränenhaus" auf, von denen eine so krank ist, dass sie noch vor der Geburt des Kindes verstirbt. "Die Uffenbacher" führt ein strenges Regiment und nachdem sie wieder einmal laut und polternd die Mädchen anschrie und beleidigte, sucht Cornelie das Gespräch mit ihr: So etwas wird Cornelie zukünftig nicht mehr dulden und falls dies wieder vorkommt, erwägt sie, dass sie für sich und alle anderen Mädchen im Hause der Uffenbacherin eine neue Herberge sucht. Da Cornelie aus eher intellektuellen Kreisen stammt, aus dem Ausland ständig Post erhält und die Hebamme (bei diesem Amt sehr sanft und einfühlsam) hier einlenken muss, ist das Zusammenleben fortan besser: Cornelie isst mit den anderen zusammen und die Gemeinschaft wächst zusammen, bis eine jede ihren Weg fortsetzt, nachdem ihr Kind geboren wurde.
Meine Meinung:
Diesen Roman sollte man unter dem Eindruck lesen, dass er 1909 erstmals erschien. Die Sprache ist etwas sperrig zu lesen und teils antiquiert, aber zeitgemäß; mehr forderte mich die depressive Stimmung von Cornelie, der Hauptprotagonistin dieses Romans, die lange erhalten bleibt. Dem Kindsvater möchte sie schwanger nicht unter die Augen treten und hegt eher Abneigung gegen ihn; aber auch die Suche nach einem selbstbestimnten Leben ist dieser Frau schon früh herauszulesen. Die Dialoge sind teils im Württembergischen behaftet und "Dischkretion" wird ganz groß geschrieben: Es war für Familien das gesellschaftliche Aus, wenn ein junges Mädchen schwanger wurde, das nicht verheiratet war - genau dagegen lehnt dieser Roman sich (zurecht) auf; allerdings wird der jeweilige Kindsvater immer geschont - auch bei den Frauen selbst, die dadurch jedoch auch zu einer großen Stärke fanden und teils ihr Kind alleine aufzogen. Im Falle der jungen Frau, die durch ihre Krankheit im späten Schwangerschaftsstadium verstarb, kam nach deren Tod der Bruder, um sich der Diskretion zu versichern, dass seine Schwester "in der Schweiz durch einen Unfall in den Bergen verstorben sei". Hier wird auch die Verlogenheit besonders höherer Gesellschaftsschichten aufs Korn genommen.
Humor entwickelt der Roman durch die Figuren der dicken Bäckerin und dem Bäck, die sich ihre Schulden persönlich bei der Uffenbacherin "abholen": Sie quartieren sich eine Weile ein und es gibt jeden Tag ein Festessen, bis die Schulden kleiner wurden oder beglichen werden konnten.
Die Deprimiertheit von Cornelie (auch durch das Zwischenmenschliche, den Zusammenhalt der jungen Frauen) weicht langsam, aber stetig einem Gefühl der Vorfreude auf das Kind, das sie ganz am Anfang auch hatte und sie kann alles Dunkel hinter sich lassen, als sie ihr Kind in den Armen hält (und wenig später abreist). Die Abschiedsszene mit Dr. Schwärzele und Ehefrau, die Cornelie ins Herz geschlossen hatten und all' die anderen ist sehr gelungen; das kurze Zusammentreffen mit dem Kindsvater fand ich enttäuschend kurz. Das Nachwort von Annette Seemann ist äußerst aufschlussreich und auch die Zeittafel der Autorin (1859 - 1941) ist eine große Hilfe, den Roman in seiner Zeitform zu verstehen.
Fazit:
Ein durchaus lesenswerter Roman, zu seiner Zeit provokant, der mit einer zeitgemäßen Sprache aufwartet und als Vorläufer der feministischen Literatur zählen kann. Die Hauptthemen sind Mutterschaft, weibliche Solidarität, Emanzipation und Selbstbestimmung - auch in prekären Lebenssituationen. Gewisse Parallelen zum Leben der Autorin Gabriele Reuter selbst sind sicher nicht von der Hand zu weisen, die eine Figur wie Cornelie Reimann erfand, um ein Vorbild für andere zu schaffen. Von einer Frau, die auf sanfte, kluge und unbeugsame Weise den Weg und die Entwicklung einer schwangeren Frau aufzeigt, die trotz allem willens ist, aus ihrem Leben dennoch das Beste zu machen. Erschwert hat mir das Lesevergnügen ein wenig die antiquierte Sprache, die den Text etwas sperrig machte. Dennoch werde ich mir das andere Werk der Autorin (Aus guter Familie) aus der Reclam-Reihe gerne näher ansehen.
Helen Cartwright (83) ist vor drei Jahren vom anderen Ende der Welt zurück in ihre Heimat gezogen. Sie erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben, denn ein Tag gleicht dem nächsten wie ein Ei dem anderen. ...
Helen Cartwright (83) ist vor drei Jahren vom anderen Ende der Welt zurück in ihre Heimat gezogen. Sie erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben, denn ein Tag gleicht dem nächsten wie ein Ei dem anderen. Auch lebt sie sehr isoliert und ohne jeglichen Kontakt; in ihrem neuen Zuhause gab es noch nie Besuch. Allerdings hat Helen eine (gute) Eigenschaft: Sie ist neugierig (geblieben) und schaut, was ihre Nachbarn so entsorgen: Eines Tages entdeckt sie ein altes Aquarium und Spielzeug, das sie an ihren Sohn David erinnert (auch wenn man Fotos zerrissen und mit der Vergangenheit abgeschlossen hat, holen einen die Erinnerungen immer wieder ein).
Sie hört abends Geräusche, weniger die eines Einbrechers als die von einem kleinen, ängstlichen Wesen, das an der Tür stünde und um Einlass bäte - es ist der Tag, an dem sich ihr Leben (positiv) ändern sollte...
Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Maus bzw. einen Mäuserich, der mit den alten Sachen ins Haus kam. Da Helen ein gutes Herz hat (obwohl sie als Erstes in einem Eisenwarengeschäft, das Cecil führt, den man später noch im Roman kennenlernt, nach Mäusefallen fragt), gibt sie der Maus, die in ihrer Spüle "Unterschlupf" findet, später in einer Pastetenschachtel und noch viel später in einem Pantoffel mit Schottenmuster, ein paar Haferflocken und einen Limodeckel voller Wasser. So sieht dann auch das erste Zusammentreffen der beiden aus, als "Merlin", wie sie den Mäuserich nennt, auf den Hinterpfoten stehend (und kein bisschen ängstlich wirkend, ;) an einer Haferflocke knabbert...
Helen nimmt aus der Bibliothek ein Buch über Mäuse mit (mit dessen Inhalt auch der Leser einiges an interessanten Fakten über Mäuse lernt) und "Merlin", der wie durch Zauberhand in ihr Leben trat, hat es richtig gut bei Helen: Es gibt tolles Mäusefutter, morgens Radio- und abends TV-Sendungen, die Helen ihm erklärt. Bis eines Tages der kleine Kerl unter Atemnot leidet. Doch Helen, einst eine bekannte Kardiologin, wendet sich berufserfahren an Dr. Jamal, der sich des kleinen Patienten ebenfalls annimmt. Die Tierarzthelferin, die "zu nichts nutze" war, bringt sogar per Motorradkurier persönlich Medikamente für Merlin aus Oxford und Cecil (der sympathische und hilfsbereits Eisenwarenhändler) baut ein Sauerstoffzelt für Merlin. Zusammen schaffen sie es, dass die Maus sich erholt. Bis Dr. Jamal, Cecil, die Bibliothekarin und deren Sohn bei Helen auftauchen und im Garten gemeinsam verweilen, um die Genesung Merlins standesgemäß zu feiern. Leider muss Helen später jemand die Botschaft überbringen, dass Merlin bei dieser Zusammenkunft verschwunden ist - und Helen's Welt demzufolge zusammenfällt: Werden sich die beiden wiedersehen?
Der Stil von Van Booy ist sehr eingängig, humorvoll, leicht und flüssig zu lesen. Die Geschichte sehr berührend und schön, da sich das Leben einer recht einsamen alten Dame durch die Gesellschaft einer kleinen Maus auf wundersame und positive Weise veränderte! Die Themen sind Einsamkeit im Alter, Freundschaft und Zuneigung zu einem kleinen Wesen, das doch zu Großem führen kann und das Leben von Helen bereichert hat, mit Sinn erfüllte.
Die Botschaft besteht darin, dass neue Aufgaben und Verantwortung das Dasein auch in sehr hohem Lebensalter (aus)füllen können und neuen Lebensmut und Freude bringen können; das Romanende wartet dann noch mit einer besonders schönen Pointe auf: Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, weshalb ich ihn gerne weiterempfehle, im Besonderen SeniorInnen und deren Angehörige, die mit dem Leben bereits abgeschlossen haben: Eine zweite Chance kann es in jedem Leben geben, wenn man es zulässt! 4,5 *
"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher ...
"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher nicht bekannt war) auch in diesem Roman mit der Geschichte einer Auswanderung von Rumänien nach Deutschland.
In diesem Roman tritt die Hauptprotagonistin Anni in Erscheinung, die Mitte der 60er Jahre (sie ist gerade mal 22 und schwanger) beschließt, nach Deutschland zu emigrieren, da sie für sich und ihr Kind keine Perspektive in Rumänien sieht (was ich persönlich als sehr mutig empfinde und der Hauptgrund war, diesen Roman lesen zu wollen).
Anni gelingt es, die Hürde, ausreisen zu dürfen, nehmen zu können (sie ist nicht gerade auf den Mund gefallen; kann auch sehr bestimmt auftreten) und plagt sich dennoch mit Schuldgefühlen, da sie sich fragt, was aus ihrer Mutter werden soll, wenn sie ohne sie zurechtkommen muss (der Bruder ist bereits in Deutschland). So führt ihre Reise (Mitte der 60er Jahre) über Österreich, wo sie nach 20 Jahren ihren Vater erstmals wiedersieht, nach Nürnberg, wo auch der Bruder lebt: Wie sich herausstellt, ist die kleine Wohnung sehr eng und düster; Anni kann sich nicht vorstellen, dass dies für längere Zeit mit ihrem Kind das Richtige sein wird. Die "Sippschaft" (die Anni nicht mag), hat jedoch keinen Platz für sie und ihr Kind und so bleibt sie erst einmal beim Bruder, dessen Leben aus viel Arbeit besteht; die beiden haben kaum Berührungspunkte.
Die Situation ändert sich, als Anni sich mithilfe der ihr mutmachenden Kati, einer Ungarin, die ihre erste Freundin werden sollte, im Versandhaus Quelle vorstellt: Sie wird kurz darauf als Verpackerin eingestellt und steht tagaus, tagein in einer großen und lauten Halle mit vielen KollegInnen, die die Pakete ins Wirtschaftswunderland versenden. Nun beginnt Anni, die bisher alleine und einsam war, sich vorwiegend um ihre Tochter Helene kümmerte, Hoffnung zu sehen, "dass es aufwärts geht". Ein Onkel versprach ihr zumindest, dass sie nach seinem Tod sein Haus erben solle; was dieser auch eingehalten hat.
So arbeitet Anni über 35 Jahre bei Quelle bis kurz vor der Schließung 2009 und zieht nicht nur Helene, ihre Tochter, alleine groß - sondern auch ihre Enkeltochter Christina, die sich hier nach dem Tode Annis in Rückblicken an ihre Großmutter erinnert. Die Frage ist, ob sie das Haus von Anni verkaufen sollte - und ob sie bereit dazu ist, sich dem Loslassen zu stellen, da sie in Berlin lebt und arbeitet.
Ein Teil des Gartens ist von Weinreben bedeckt: Diese hat Anni einst von ihrer Mutter aus Rumänien mitgebracht; ob er auch in Berlin anwächst? Diesen Romanteil fand ich irgendwie tröstlich, da sehr viel Einsamkeit, Ängste, Fremdsein, auch Überforderung aus den Zeilen sprach: Trotz aller Zerrissenheit der Familie (die Mutter von Christina, Helene, lebt in Florida) hat dieser Weinstock, der stets "mitwandert", eine Bedeutung. Er ist quasi eine Verbindung zwischen Rumänien, Deutschland (Nürnberg und jetzt Berlin) und eine wunderschöne Metapher.
Annis Ängste, ihr Fremdsein und auch ihre Einsamkeit in den ersten Jahren werden sehr gut sprachlich dargestellt; allerdings ist der Roman eher prosaisch und sehr nüchtern geschrieben. Zu einem ernsten, anspruchsvollen Thema wie diesem passt dieser zwar, jedoch muss man sich recht viel emotional 'zusammenreimen', besonders Helene oder Nebenfiguren wie den Bruder oder die Urgroßmutter betreffend. Stilistisch ist er eine Herausforderung, da er viel Konzentration des Lesers erfordert: Zeitlich gibt es unglaublich viele Sprünge, so dass das Lesen für mich zwar interessant, aber auch eher anstrengend war. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht; etwa ein Roman auf mehreren Zeitebenen, in denen man sich dann gleich zurechtfindet, da man sie besser zuordnen kann. Der Stil ist aber auch atmosphärisch und flüssig, so dass man relativ schnell in der Handlung ankommt. Auch stellt man sich die tiefgehende Frage, ob Anni das Leben gefunden hatte, das sie suchte, als sie in den 60er Jahren nach Deutschland kam: Ich empfand Ärger, dass diese mutige junge Frau zeitlebens als Verpackerin arbeiten sollte und hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurückbleiben musste, da sich hierfür zu dieser Zeit sicher keine Chancen auftaten. Zu denken gibt auch, dass eine offene, nicht schüchterne junge Frau in der Fremde eher 'kleinlaut' wird, aus sprachlichen Gründen fortan leise spricht; nicht zu hören ist (und sich auch niemals beschwert). Diese Punkte hat Nadine Schneider hervorragend in den vier Romanteilen herausgearbeitet.
Fazit:
Ein bewegender und auch betroffen machender Roman, der die Emigration einer rumänisch-deutschen jungen Frau sehr gut darstellt und hierbei in prosaischer Weise in die Tiefe geht; auch anspruchsvoll und lesenswert ist. Allerdings verlangen zahlreiche abrupte Zeitsprünge dem geneigten Leser einiges an Konzentration ab, die das Lesen auch anstrengend machen. Ich hätte mir z.B. verschiedene Zeitstränge, die zusammenlaufen, besser vorstellen können. "Das gute Leben" erhält von mir 3,5 * und eine Empfehlung an alle LeserInnen, die sich mit dem Thema Emigration, Fremdsein, reale Lebensläufe in den 60er Jahren bis heute (und politische Verhältnisse, die hier auch Erwähnung finden) beschäftigen möchten und diese Themen interessant finden.