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Veröffentlicht am 26.04.2026

Leider keine Geschichte, nur Geschichten

Mirabellentage
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„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, ...

„Mirabellentage“, der neue Roman von Martina Bogdahn, erschienen 2026 bei Kiepenheuer und Witsch, kann leider nicht mit dem Vorgänger „Mühlensommer“ mithalten und verliert sich in Anekdoten und überzogener, gewollter Komik. Das ist schade, denn die Autorin beweist auch hier wieder grundsätzlich, dass sie schreiben kann, verliert aber ihre eigentliche Geschichte immer mehr aus den Augen, je weiter der Roman fortschreitet. Stattdessen reiht sie Anekdote an Anekdote und hier gilt wahrlich nicht: Viel hilft viel.

Die Buchbeschreibung lockt mit einem Road-Movie: Die Protagonistin Anna war über viele Jahre die Haushälterin des Ortspfarrers Josef, der überraschend verstirbt und ihr einen letzten Wunsch hinterlässt, der Anna zwingen wird, sich auf eine Reise an die See zu machen, wenn sie ihn erfüllen möchte. Schnell zieht ein neuer Pfarrer ein und Anna wird, so die Beschreibung, ganz neu mit sich und ihren eigenen Wünschen konfrontiert, mit der Frage nach Sinnhaftigkeit ihres Lebens und ihrer Vergangenheit.

Zumindest der letzte Punkt wird mehr als weidlich erfüllt, das Buch spielt zu 80 Prozent in der Vergangenheit und reiht dort ein Geschichtchen ans nächste, manche haben eine wirkliche Funktion, viele eher nicht, die meisten bemühen viel hau-drauf-Komik und persiflieren durchweg die Ortsbevölkerung (kein normaler Mensch außer Anna zu finden dort scheinbar). Das macht am Anfang noch ein paar Anekdoten lang Spaß, wirkt aber zunehmend sehr bemüht und die grundsätzlichen Übertreibungen sind irgendwann nur noch anstrengend. Die Reise von Anna zu sich selbst dagegen findet kaum statt, und die Reise an die See – nun ja, lest selbst.

Martina Bogdahn schreibt leicht, atmosphärisch stark und sinnlich spürbar, emotional und mit sympathischen Charakteren. Ihrem aus „Mühlensommer“ bekannten und bewährten Prinzip des Wechselns zwischen Gegenwartserzählung und vielen Rückblenden in die Vergangenheit bleibt die Autorin treu, nur scheint sie hier doch deutlich in der Vergangenheit festzuhängen, so dass die Struktur eigentlich keinen Sinn ergibt und formal wirkt. Warum hat sie ihr Buch nicht einfach chronologisch erzählt, wenn ihr Fokus so sehr in der Vergangenheit liegt? Das hätte hier definitiv geholfen. Am Anfang noch ein cosy Buch, gut geschrieben, mit doch auch tiefen Momenten, gleitet Bogdahn immer mehr in die Knallcharge ab. Dabei war der Ausgangsplot so gut und Anna ist eine wirklich spannende Figur – für die sich die Autorin in der Gegenwart leider kaum zu interessieren scheint. Was sie innerlich ausmacht, wohin sie mit ihrem Leben will, wie sie ihr Leben bewertet – es bleibt ungesagt. Sehr schade.

Insgesamt hat mich das Buch leider nicht wirklich begeistern können, mir fehlte da Handlungszug und gute Dramaturgie. Für Menschen, die gerne einfach nur anekdotisch lesen, macht es bestimmt Freude. Mir fehlt hier leider Tiefe und die eigentliche Geschichte, die vielen Einzelgeschichten aus der Vergangenheit docken bei mir leider nicht an.

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Veröffentlicht am 26.04.2026

Starkes Zeitdokument

Das Tränenhaus. Roman
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„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ...

„Das Tränenhaus“, ein Roman von Gabriele Reuter, aus ursprünglich 1908, neu aufgelegt 2026 bei Reclam in der Reclams Klassikerinnen Reihe, für die man Reclam immer wieder nur begeistert danken kann, ist ein zeitgeschichtlich erstaunlich mutiger Roman mit autobiographischem Hintergrund, den frau allein für diesen Mut schon lesen sollte. Die Autorin hat das Schicksal ihrer Protagonistin ähnlich erlebt, weiß also genau, wovon sie spricht – und da zur Jahrhundertwende der gossip über sie ganz sicher in town gewesen sein dürfte, ist es umso erstaunlicher, wie ehrlich sie hier aus einem Frauenkünstlerinnenleben berichtet.

Das titelgebende „Tränenhaus“ ist ein Heim für schwangere ledige Frauen. Zur Jahrhundertwende war ein Kind ohne den passenden Ehemann eine große Schande, weshalb schwangere Frauen sich oft in den ländlichen Raum zurückzogen, um dort ohne Zeugen das Kind zur Welt zu bringen und dann bestenfalls in Pflege zu geben, während sie selbst wieder in ihr bisheriges Leben zurückkehrten – finanzielle Mittel vorausgesetzt. So zieht auch Cornelie, die Protagonistin, feministische Autorin wie Gabriele Reuter, finanziell eigenständig und auch sonst Freigeist, in das besagte Tränenhaus ein. Ihr Fall ist hierbei besonders, es scheint so, als ob der Vater des Kindes sie durchaus heiraten würde, doch Cornelie will den Mann nicht in das Zwangsgefängnis der Ehe drängen (und sich selbst vermutlich auch nicht, würde sie dadurch doch ihre Eigenständigkeit verlieren). So findet sie sich unter Frauen wieder, die weit von ihrem eigenen Bildungs- und Erfahrungsstand entfernt sind und muss sich in diesem Milieu neu zurechtfinden. Was ihr zunächst nicht leicht fällt, führt zunehmend zu einem starken Solidaritätsgefühl den anderen Frauen gegenüber und einer fragilen Gemeinschaft, in der die Frauen sich gegen die geldgierige Wirtin und Hebamme Frau Uffenbacher wehren und füreinander einstehen.

Der Roman beschreibt das Schicksal ganz unterschiedlicher Frauen und macht die Unterdrückung der Frau und ihre fehlenden Rechte mehr als deutlich. Dabei lässt die Sprache Reuters die Bildungsschichten und den sozialen Umraum sehr lebendig werden, ebenso wie viele Beschreibungen Ort und Gegend deutlich erzählen. Männer lässt sie dabei außen vor – sie tauchen im Roman kurz auf, werden beschrieben, haben jedoch keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung – ein bissiger Kommentar Reuters auf die männliche Vorherrschaft.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Autofiktion zur Zeit ihres Erscheinens für mächtig Furore gesorgt hat und es sehr mutig war, dieses Buch zu veröffentlichen, wie Gabriele Reuter sowieso ein äußerst mutiges Leben geführt hat. Für mich ist am bedrückendsten, dass die Strukturen nach wie vor da sind, die Auswirkungen zwar zumindest hier bei uns gemildert, aber im Grunde ist alles noch genau so und das macht das Buch sehr aktuell. Wie sehr Frauen nach wie vor „Schande“ und „Schlampe“ entgegengerufen wird, während Männer sich durchweg einfach nehmen dürfen und es fast immer nur um ihre Rechte und so gut wie nie um ihre Verantwortung geht, es ist doch erschütternd. Wenn frau die Strukturen des Patriarchats einmal in Gänze gesehen hat – können sie nicht mehr nicht gesehen werden. Ich denke, so geht es auch Cornelie in dem Buch, die sich entscheiden muss zwischen ihrer Freiheit und ihrer Kunst einhergehend mit dem Label gefallenes Mädchen oder der Sicherheit des Ehehafens. Dass sie diesen Weg nicht geht, obwohl er ihr scheinbar doch offensteht: Stark. Zumal die Autorin hier ja nicht naiv schreibt. Cornelie als Figur entblättert sich langsam, ihre Schwangerschaft, ihre Geschichte, aber auch ihr Ruhm, ihre Kompetenz als Fachautorin, das alles kommt Scheibchen für Scheibchen. Und Reuter erspart uns dankenswerterweise Romantik. Ein wirklich interessantes Zeitdokument des feministischen Schreibens, das nur teilweise dann doch etwas überbordend erzählt, weitestgehend aber realistisch mit klarem Stilgefühl die Jahrhundertwende greifbar macht. Hilfreich ist dazu auch noch das sehr informative Nachwort von Annette Seemann. Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Gegen jedes Protokoll

Die Stockholm-Protokolle
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„Die Stockholm-Protokolle“, der erste Teil einer Thrillerserie, geschrieben von Moa Berglöf und Joakim Zander, erschienen 2026 bei Rowohlt Polaris, ist ein sehr gut recherchierter politischer Roman, der, ...

„Die Stockholm-Protokolle“, der erste Teil einer Thrillerserie, geschrieben von Moa Berglöf und Joakim Zander, erschienen 2026 bei Rowohlt Polaris, ist ein sehr gut recherchierter politischer Roman, der, obschon Auftakt einer Serie, für mich durchaus auch als Stand-Alone lesbar ist. Allein der Thrill, den die Gattungseinordnung einfordert, kommt so erst auf den letzten Seiten auf – bis dahin lesen wir einen spannenden Roman, der sich mit den Abgründen von Spitzenpolitik beschäftigt. Dieser spielt in Schweden – man muss aber keine Kennerin der schwedischen Politikarchitektur sein, um gut folgen zu können.

In diesem Roman folgen wir Julia und Alfred, schon lange ein Paar mit Kindern, in deren Beziehung sich gerade die Verhältnisse verschieben. Julia, als Investigativjournalistin, hatte lange die beruflichen Hosen an und die Freiräume für sich beansprucht, während ihr Mann Alfred es in einem sicheren Job ruhiger angehen ließ und Julia familiär den Rücken freihielt. Doch jetzt wird Alfred plötzlich die Stelle des Pressesprechers des Ministerpräsidenten angeboten – während Julia nach einer gescheiterten Recherche aus dem politischen Bereich abgezogen wird und Schreibtischdienst schieben soll. Während Alfred schnell lernen muss, dass Politik ein Haifischbecken ist, ermittelt Julia heimlich weiter. Und so geraten beide unabhängig voneinander auf die Spur eines Politskandals, der sie zwingt, das Protokoll zu missachten, und der bis zum Ende des Romans immer wieder für Überraschungen sorgt und beide zunehmend in Gefahr bringt.

Die Handlung ist sowohl auf der privaten Beziehungsebene als auch auf der politischen Ebene sehr spannend, die Anzahl der Personen ist machbar, das Buch arbeitet gut gestaffelt, so dass ich beim Lesen langsam in den Konflikt eintauchen konnte. Alfred und Julia sind für mich ein glaubwürdiges Paar und der Kampf um die Karriere ist durchaus typisch für die Generation. Auch nicht ungewöhnlich ist die Art, wie sie beide nicht mehr wirklich begeistert vom anderen sind, aber noch aneinander festhalten, beide den anderen beruflich nicht für so kompetent halten, wie die Person sich selbst. Die Machtkämpfe in der politischen Riege und in den dazugehörenden dienstleistenden Ämtern finde ich sehr gut geschildert und auch auf eine gute Art fies.
Interessant zu sehen war, wie aus dem Lämmchen Alfred langsam ein Wolf wird, wie schnell Moral über Bord geworfen wird, wenn Macht greifbar ist. Der Interessenkonflikt, der in der Beziehung des Paares besteht, bietet viel Potenzial für Heimlichkeiten und Spannungsmomente. Den Atem hält man dabei nicht unbedingt an, aber das Autor:innenduo schreibt sehr gut und flüssig, mit klar gegriffenen Bildern und Charakteren, manchmal blitzt auch Humor auf.

Formal wird in wechselnden Sichtweisen von Julia und Alfred und sehr kurzen Kapiteln geschrieben, was das Lesen sehr abwechslungsreich und lebendig macht. machen das Lesen sehr spannend. Es gibt im Netz der politischen Intrige viele kleine Winkelzüge und die beiden Protagonisten entwickeln immer mehr Kontur. Dabei findet auch Alltag Raum, wie eine nervige Geschirrspülmaschine, das ist selten in dem Genre, gibt dem Ganzen aber viel Glaubwürdigkeit. Und auch der Umgang mit Erkenntnissen über den eigenen Wirkungsgrad ist bei beiden Charakteren reflektiert - hier sind erwachsenen Menschen in der Handlung und keine Klischees.

Das Ende des Buches löst nicht alles auf und ist deshalb gleichermaßen unbefriedigend wie realistisch. Nicht jedes schmutzige Geschäft kann direkt getilgt werden – und manchmal braucht es einen sehr langen Atem bzw. hier einen zweiten Band. Auf den freue ich mich schon, ich werde ihn auf jeden Fall lesen, denn hier trifft profunde Sachkenntnis auf sehr gelungene Schreibe – ein Muss für Fans des politischen Thrills, von dem es im zweiten Band dann gern noch ein bisschen mehr sein darf.

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Veröffentlicht am 31.03.2026

Dieser Blockbuster floppt auf allen Ebenen

Doppelspiel
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„Doppelspiel“, ein Kriminalroman in Doppelautorenschaft von Arne Dahl und Jonas Moström, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, setzt hohe Erwartungen und scheitert fast komplett. Der erste Teil einer Trilogie ...

„Doppelspiel“, ein Kriminalroman in Doppelautorenschaft von Arne Dahl und Jonas Moström, erschienen 2025 bei Bastei Lübbe, setzt hohe Erwartungen und scheitert fast komplett. Der erste Teil einer Trilogie setzt auf hohes Tempo bei nicht vorhandener Plausibilität und reißbrettartigen Klischeefiguren – das mag bei einem Actionmovie funktionieren, bei einem Roman leider nicht.

Die Handlung ist schnell umrissen: Der berühmte Bestsellerautor Tom Borg leidet nach einer Erfolgsserie an einer kompletten Schreibblockade, das Exposé zu einer neuen Serie mit Blick auf die Klimakatastrophe ist geschrieben, doch über dieses kommt er nicht hinaus. Nach drei Jahren drängen Verlag und Konto, doch in Tom ist nur Leere zu finden. Auf einer Lesung trifft er auf die Literaturstudentin Nicole und landet am Ende des Abends in einer real-life-Recherche zu seinem hoffentlich neuen Bestseller mit ihr im Jacuzzi eines Stripclubs (wie die Hauptfigur in seinem Exposé und spätestens da, Tom, hättest du misstrauisch werden sollen), unvorteilhafterweise endet dieser Abend mit einer Kugel in einer Brust und Tom befindet sich inmitten eines Komplotts, der ihn fast in den Wahnsinn treiben wird.

Klingt spannend? Korrekt, der Ausgangspunkt des Plots birgt jede Menge Potenzial und theoretisch sind diese Autoren ein Garant für guten Schreibstil und Spannung. Doch ab hier fährt einfach alles an die Wand.

Grundsätzlich arbeitet der Roman gut mit Spannung und einem hohen Grundtempo sowie mit vielen Figuren, die allesamt Doppelspiel-Charakter haben. Doch der Roman ist viel zu offensichtlich konstruiert, wo wir hinlaufen und wer hier welches Spiel spielt, ist viel zu schnell entziffert, da hilft auch eine aufgepfropfte Schachebene nicht weiter, die sich übrigens bis zum Ende nicht wirklich auflösen wird. Eine Unglaubwürdigkeit der Handlung reiht sich an die nächste, die Figuren triefen vor Klischee, es gibt keine einzige gesunde Frauenfigur, die Autoren schreiben mit Vorwissen, das auf die Figuren und die Handlung bezogen keinerlei Sinn ergibt, die ermittelnden Figuren handeln durchweg so, dass sie längst vom Job abgezogen würden, werden sie aber natürlich nicht, es gibt Sexszenen, die vor alter weißer Mann Phantasie nur so triefen (und natürlich vor Klischee), die Schreibe schrammt an vielen Stellen hart am Groschenroman (Seite 306 oben ist ein perfektes Beispiel, ohne Spoilern zu wollen, das kann jede KI besser), die Auflösung der endlosen Hetzjagd ist dann endgültig nicht mehr nachvollziehbar, dieser ganze Aufwand? Für das? Ach ja, das Klima, das ist ja auch noch wichtig, am Ende des Romans fällt das den Autoren dann auch wieder ein, dass es ihrem Protagonisten doch darum ging. Also zum Ende dann noch schnell ein bisschen bildungselitär werden mit Platon und Descartes, nochmal schnell wieder aufs Klima grätschen, weil man das den Rest des Romans leider vergessen hat, eine Spur für den zweiten Band legen mit der Göttin „Phanes“, natürlich ohne das einzubetten oder zu erläutern, Vorboten einer Lovestory legen, weil Tom ja nicht alleine aus dem Schlamassel rausfinden wird, es ist, ganz ehrlich, zum Heulen. Ach ja, Tom überhaupt, eben noch ein kleiner Waschlappen-Schriftsteller, innerhalb von wenigen Stunden aber ein skrupelloser Macher mit allen notwendigen Fertigkeiten.

Was ist denn da passiert? Nicht zu reden von einer wirklich endlosen Liste an Dingen im Roman, die absolut unglaubwürdig sind, die ich hier nicht aufzählen kann, ohne zu spoilern, aber ihr werdet finden, liebe Menschen, ihr werdet finden. Vielleicht geht es dem Autorenduo so wie Tom: Wer ein Buch schreibt mit dem Gedanken, einen Bestseller schreiben zu wollen – der wird scheitern, denn das ist kein literarisches Ziel. Band 2 zu lesen ist jetzt leider auf jeden Fall nicht mein Ziel. Schade, der Ausgangspunkt war wirklich interessant.

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Veröffentlicht am 28.03.2026

Das Landleben als ewiger Verlust

Melken
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„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, ...

„melken“, der Debütroman von Sanna Samuelsson, erschienen 2026 bei Hanser, startet enorm stark, verliert sich aber leider im Fortgang immer mehr in Bedeutungslosigkeit.

Der Roman spielt in Schweden. Ellen, die Protagonistin, hat sich von ihrer Freundin Diana getrennt und verlässt spontan an ihren sowieso geplanten Urlaubstagen die hektische Stadt und den Arbeitsalltag, springt in ihr altes Auto und fährt vollkommen willkürlich hinaus aufs Land – um sich auf einmal vor dem Haus ihrer Kindheit wiederzufinden, das inzwischen längst an eine andere Familie verkauft ist. Einem spontanen Impuls folgend findet sie den Schlüssel zum Haus, der noch immer an alter Stelle liegt, betritt dieses, stellt fest, dass die Familie offenkundig im Urlaub ist – und bleibt. Es ist Juli, der Hochsommer drückt mit seiner Hitze und Ellen liegt in ihrem alten Kinderzimmer – ein guter Ausgangspunkt für eine Reise zu sich selbst.

Samuelsson beschreibt lebendig den Kontrast zwischen Stadt und Land, es geht saftig und manchmal auch ein bisschen eklig zu, doch so ist es, auf dem Land, hier wird keine Hochglanzromantik betrieben. Die Sprache ist zunächst knapp getaktet, sie hält den Beat der Unruhe, die in Ellen tobt, und dehnt sich mit Verlauf des Buches passend weiter aus. Die Autorin findet ungewöhnliche Metaphern, so steht beispielsweise das Auto für die Beziehung und das Innenleben von Ellen, das liest sich besonders. Zwei Leben sind es, die in Ellen widerstreiten, der ehemalige Bauertölpel und das erfolgreiche Stadtgirl – und zunehmend spüren wir, dass Ellen nie in der Stadt angekommen ist, sich für die alte Heimat zu entscheiden, schafft sie aber auch nicht. Und dann ist da noch ihr alter Freund Max, der wieder in ihr Leben tritt, mit all den alten Konflikten, aber auch all der alten Nähe. Immer wieder der Gedanke an die Ex-Freundin, noch so eine Beziehung, die vorbei aber nicht bewältigt ist.

Die Konstruktion des Buches muss mensch schon wollen, plausibel ist sie nicht, aber interessant. An vielen Ecken und Enden hakt die Logik, was ich über weite Strecken verzeihen konnte – nur will das Buch nirgendwohin, verliert sich immer mehr in einer dann doch auf Dauer leider etwas langweiligen Endlosschleife und findet den Weg nicht mehr hinaus. Die Bauernhofbeschreibungen werden ausufernd, die Story tritt immer weiter zurück. Und am Ende bleibt eigentlich keinerlei Erkenntnisgewinn. Schade, denn Sanna Samuelsson kann schreiben und die Grundidee hat etwas.

Vielleicht ist es der nächste Roman, der dann wirklich das Talent mit etwas mehr Ziel verbindet. Eine interessante neue Stimme ist hier zu lesen, auch wenn das Buch mich insgesamt nicht vollends überzeugen konnte.

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