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Veröffentlicht am 10.03.2026

Das Ende vom Ende der Welt

Die Reise ans Ende der Geschichte
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„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, ...

„Die Reise ans Ende der Geschichte“, geschrieben von Kristof Magnusson und erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist ein herrlich humorvoll-skurriles Romanschätzchen mit dennoch viel Historie und Tiefgang, das über weite Strecken bestens unterhält, auch wenn ihm am Ende leider etwas die Luft ausgeht.

Auf knapp 275 Seiten folgen wir einer irren Doppelagentenreise, die, wie das sehr gelungene Cover schon andeutet, immer am Rande des Abgrunds balanciert – und das gilt sowohl für die Figuren als auch für die schriftstellerische Leistung, bei der man sich auf ein paar Prämissen einlassen muss, um den Roman einfach genussvoll wegsnacken zu können. Die rezensierende Person konnte das gut! Kristof Magnusson schenkt uns eine gute Struktur: Die Kapitel wechseln in der Erzählperspektive zwischen den drei Protagonist:innen (oder ist eine davon etwa eine Antagonistin? Wer weiß?), wobei der Autor uns hilft, indem Perspektive und Handlungsort immer in der Kapitelüberschrift zu finden sind.

Der Roman startet stark auf einem Höhepunkt: Dieter Germeshausen, seines Zeichens Doppelagent im deutschen und russischen Staatsdienstes wird im Jahr 1995 in einer Hotelbar in Kasachstan vergiftet. In der Folge blicken wir zurück auf mächtig erheiternde Verstrickungen, die ihn in diese Situation gebracht haben. Denn etwas zuvor warb Dieter den Schriftsteller Jakob Dreiser auf einer Feier des Endes vom Ende der Welt in der russischen Botschaft in Rom für den BND an – da er selbstkritisch festgestellt hat, selbst nicht unbedingt eine Leuchte im Bereich Kommunikation zu sein und einen Supercoup plant – für den genau diese Kommunikation aber unerlässlich ist. Jakob Dreiser als junger Schriftsteller mit großem Bezug zu Russland scheint hier eine Lücke ideal zu füllen, schließlich soll die Reise nach Almaty in Kasachstan gehen – aber vielleicht hat Dieter doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht... Zumal es da auch noch Francesca Aquatone gibt, die viel Pfeffer in die Suppe streut und einen dreifachen Negroni, der es in sich hat.

Magnusson schreibt großartige Charaktere, der in sich festklemmende, geltungssüchtige Dieter, mit seinem doch sehr großen Selbstbewusstsein, das tapfer alle Fremdwahrnehmung ausblendet, der wirklich naive Jakob, Typ „hey, Hauptsache man lebt und es passiert was“, und wenn dann was passiert, dann findet er das schon auch ein bisschen doll, aber auch die Nebencharaktere wie Dominique Fishbowl (dieser Name!), die hinter ihrer Säuferinnenfassade wahrscheinlich richtig was draufhat, hier gefallen mir einfach alle und das ist gut gegensätzlich konstruiert. Der Ton ist eine perfekte Mischung aus Suspense und Comedy, das Dramedy Genre liest frau ja selten gut, hier ist es nahezu perfekt.
Der Autor scheut sich aber auch nicht vor Tiefgang und Gefühlen und webt vor allem viel Historisches wirklich perfekt in die Handlung ein. Die Atmosphäre des Kalten Krieges und das Aufwachsen in dieser Zeit, der Fall des Eisernen Vorhangs und die Freiheit aber auch die Unsicherheit bringt der Autor trotz aller Heiterkeit super rüber. Wie viel davon habe ich vergessen – und wie präsent ist es leider aktuell wieder, auch darum ist es das richtige Thema für ein Buch aktuell. Der Autor greift den Zeitgeist super und er braucht dafür nicht viel, ihm reicht Musikwahl und der Begriff „CD“ – nur als ein Beispiel. Und diese Verbindung aus Komik und Leichtigkeit und dann doch immer wieder auch Nachdenklichkeit und fast philosophische Einschübe – sehr geglückt.

Der Plot ist dabei an Skurrilität nicht zu überbieten und ja, das muss man mögen. Darauf muss man sich mit Wonne einlassen wollen, denn sonst könnten die Logik-Fragezeichen überhandnehmen. Für mich hat es gut funktioniert, der Autor zeigt sein Augenzwinkern deutlich genug. Die Sprachbilder sind großartig, ich habe mir so viele Stellen markiert, nur eine davon: „Er schwieg nicht nur auf Russisch und Englisch, sondern auch auf Italienisch“ (S. 17). Und auch das Finale lässt es an Plottwists nicht fehlen – leider fehlt dem Buch aber, und das ist ein großes Manko, ein wirkliches Ende. Auf einmal wird viel ausgelassen, es geht alles viel zu schnell und wir enden ehrlich gesagt ein bisschen im Irgendwo. Vielleicht ist das der Hinweis auf eine Fortsetzung, denn es bleiben SO viele Fragen offen. Leider schmälert es aber den Genuss dieses bis dahin so herrlichen Buches dann doch. Weshalb ich nur 4 Sterne vergeben kann, aber dennoch eine dringliche Leseempfehlung, denn wer Dieter und Jakob nicht kennenlernt: Hat wirklich etwas verpasst. Ein wundervoller Lesesnack zum Abschalten und Genießen, bei dem die Lesenden über weiter Strecken nur so durch die Seiten fliegen werden.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Therapie sind die anderen

Narbenmädchen
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„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur ...

„Narbenmädchen“, der Debutroman von Lilly Bogenberger, erschienen 2026 bei dtv, ist ein mutiges und ehrliches Buch über die mental issues einer jungen Generation, berührend und nah, ganz sicher nicht nur für die Zielgruppe Young Adult, und eine kleine Mahnung an eine Elterngeneration, sich trotz der ewigen Postadoleszenz mehr mit den eigenen Kindern zu beschäftigen – weil sie es verdienen. Das Cover ziert eindrücklich eine Distelblüte, ein starkes Bild einer Pflanze, die sich ein scheinbar bombensicheres Abwehrsystem gebaut hat – und doch von jedem starken Wind umgeknickt werden kann.

So geht es auch der Protagonistin Lara, 15 Jahre alt, die sich für vier Wochen auf einer Kur in einer Heilanstalt, dem Heilige-Elisabeth-Stift befindet, unter den Teilnehmenden „Elisabethknast“ genannt. Direkt im ersten Teil werden wir auf ihren Kur-Grund gestoßen: Lara verletzt sich selbst. Warum sie das tut, werden wir erst gegen Ende des Buches erfahren, wie generell die Hintergründe der Diagnosen der Jugendlichen, die sich auf der Kur befinden, erst mit der Zeit entblättert werden – was gut ist, denn viel wichtiger als die Begründungen für das Verhalten ist der Kampf der jungen Menschen mit ihren Symptomen und der angestrengte Versuch, in der Kur Therapie und Lebenslust zu finden. Lara fühlt sich im System Kur eingesperrt und nicht gesehen, ihr Drang zur Selbstverletzung ist auch ein Freund, der ihr hilft – und so braucht es vielleicht echte Freunde, um ihr einen Weg davon weg zu zeigen, ohne dass die Autorin behauptet, dass hierin die Lösung läge. Lara erlebt in der Kur auf dem engen Raum in einem geregelten Alltag viele Konflikte, aber auch eine zarte Annäherung an Finn und Neo, die ebenfalls große Päckchen mit sich tragen, wie alle der Jugendlichen. Bogenberger vereint viele Diagnosen in einem Raum und beschönigt dabei nicht, das Buch ist nicht ohne und spart auch suizidale Episoden nicht aus, lässt aber auch immer wieder eine Menge Humor aufblitzen und die Sonne der Hoffnung in die Welt scheinen. Es ist ein berührendes, nahbares Buch, in dem Bogenberger sehr genau den Ton und die Lebenswelt einer jungen Generation trifft, die von ihren Eltern aus vielen Gründen nicht gut gesehen wird. Ihr Roman ist auch ein Plädoyer dafür, sich nicht mit einfachen Sichtweisen und Antworten zufriedenzugeben, genauer hinzuschauen.

Ein Manko des Buches ist leider die Grundkonstellation – diese ist nicht real. Dieses Ausmaß an Diagnosen wäre nicht kur-fähig und die jungen Menschen würden deshalb nie eine solche Kur verschrieben bekommen, hier würde zunächst deutlich mehr Therapie verordnet werden, bevor eine Kur in Betracht käme. Daran krankt der Roman an vielen Stellen, wobei ein junges Publikum wahrscheinlich darüber hinwegliest – mich hat es doch sehr gestört. Und leider driftet die Autorin auch in Klischees ab, natürlich konsumieren die psychisch labilen Jugendlichen auch Drogen, trinken sehr viel Alkohol, rauchen usw. Da wird nicht viel ausgelassen und das ist schade, weil es zum einen nicht wirklich eingeordnet wird, zum anderen aber eben ein Klischee ist, wahrlich nicht alle psychisch instabilen Jugendlichen verhalten sich so, ich würde mutmaßen, noch nicht einmal die Mehrheit.

Davon ab aber habe ich die knapp 350 Seiten in einem Rutsch durchlesen können und bin von diesem Debut mehr als angetan. Bogenberger schreibt lebendige Figuren mit Tiefgang und lässt uns geschickt immer tiefer in diese und ihre Beziehungen eintauchen, sie schont die Lesenden nicht und zeigt auch offen, wie schwer es ist, hier passgenau zu helfen. Viele Szenen gehen sehr ans Herz und am Ende zeigt sich: Therapie sind immer die anderen. Es braucht ein gutes Netz und dieses muss selbstgewählt sein, nur dann kann das Schutzsystem aus Stacheln aufgebrochen werden. Verantwortungsbewusst stellt die Autorin eine ausführliche Triggerwarnung voran und im Nachwort finden sich viele Adressen für Hilfsangebote. Dieses Buch hätte mir vor 20 Jahren sicher viel bedeutet und auch heute noch hat es mich auf eine emotional glaubhafte Reise genommen. Von Lilly Bogenberger werden wir noch lesen.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Strukturelle Redundanz in der Fuggerwelt

Im Auftrag der Fugger - Teufelsreigen
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„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum ...

„Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“, der zweite Band und Nachfolger zu „Im Auftrag der Fugger – Der Burgunderschatz“, geschrieben von Peter Dempf und erschienen 2026 bei Bastei Lübbe, schließt zum einen an Peter Dempfs Qualität an, die Fuggerzeit in vielen Details lebendig werden zu lassen, zum anderen aber leider auch an seine Redundanz, in immergleich strukturierten Szenen, Wendepunkten und Verfolgungsjagden einen Roman unnötig in die Länge zu ziehen – was diesem 565-Seiten-Werk leider nicht gut tut.

Vorab positiv zu erwähnen das Figurenverzeichnis, dem Roman vorangestellt, die historischen doppelten Namenvergaben sind ja immer nicht so leicht, umso besser, wenn frau mal nachschlagen kann. Hinten im Buch findet sich ein ebenfalls hilfreiches Glossar, das gern etwas ausführlicher hätte sein dürfen, einige zentrale Dinge tauchen dort nicht auf, und auch ein Nachwort, das einordnet, was hier Fakt und was Fiktion ist, das finde ich bei historischen Romanen immer eine große Bereicherung.

Der zweite Band startet direkt mit viel Action und Peter Dempf lässt geschickt alle wichtigen Figuren des ersten Teils auf den ersten Seiten auftauchen. Für mich als Leserin des ersten Bandes hat der Roman inhaltlich gut funktioniert, ich glaube, für Neuleser:innen wären ein paar mehr ausführlichere Rückblenden nicht verkehrt, auch wenn der Roman auch so weitestgehend verständlich sein dürfte. Ungewöhnlicherweise starten wir in Venedig und nicht in Augsburg, aber ich verstehe, dass man den historischen Brand des Fondaco die Tedeschi nicht links liegen lassen konnte. Afra und Herwart, uns schon bekannt aus Band eins, sind wieder im Auftrag von Jakob Fugger unterwegs, der dieses Mal in großen Schwierigkeiten steckt, irgendjemand hat es auf sein Geschäft abgesehen und versucht, ihn zu vernichten. Und natürlich taucht direkt auch der große Widersacher Zeno auf, ebenfalls vertraut aus Band 1 und macht den Team Fugger das Leben schwer. Wer steckt hinter den vielen Anschlägen auf die Fuggertransporte und Lager? Wer streut Gerüchte, dass Jakob Fugger zahlungsunfähig sei? Wer hat Interesse daran, ihm das Leben so zu vermiesen? Und was hat eine geheimnisvolle schwarz gekleidete Dame in Venedig damit zu tun? Bei der Suche nach Antworten kämpfen Afra und Herwart alle 20 Seiten um ihr Leben, das passt zum letzten Band, wo die Verfolgungsjagden und Kämpfe auf Leben und Tod doch auch etwas überhandnahmen, ähnlich auch in diesem Band, ebenso wie die Plausibilität hier und da doch erheblich ins Wanken kommt (ein Beispiel von vielen wäre der doppelte Sprung in den Canale Grande und die Lagune und beide Male wird überlebt, beim zweiten Mal schöpft man sogar aus dem Wasser heraus ein Boot leer und klettert dann hinein – in voller Bekleidung... Sind hier alle Rettungsschwimmer, oder was? Im beginnenden 16. Jahrhundert konnten die meisten Menschen mit Ach und Krach schwimmen im Sinne von sich ein bisschen über Wasser halten). Gerne werden auch Verstecke aufgesucht, wo man auf jeden Fall gefunden wird vom Mordschergen. Wenn ich mich irgendwo verstecken will, dann doch nicht in meiner Kate oder meiner bekannten Wohnung, also da habe ich schon große Fragezeichen im Gesicht. Dann gibt es, grundsätzlich sehr lustig, den Hund namens Fugger – und dieses Tier ist wahrlich ein Superhund. Er riecht quer durch Städte die kleinsten Spuren, ist immer am Platz, wenn man ihn braucht, rettet Herwart und Afra aus jeder brenzligen Lage – und davon gibt es ja alle 20 Seiten spätestens eine. Die Protagonisten lernen daraus nicht, weiter folgen sie jedem Impuls, achten nicht auf innere Alarmglocken, trennen sich beständig, um vereinzelt überwältigt zu werden usw. Das wird dann irgendwann lang, zumal Dempf sich in wirklich jeder Situation der gleichen Struktur bedient – irgendwann will frau das nicht mehr lesen. Und je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr nehmen Ungereimtheiten, Unwahrscheinlichkeiten und wirklich unglaubwürdige Zufälle zu in einem Maß, dass ich doch verärgert war. Auch das vom Autor im Nachwort sehr gelobte Lektorat darf gerne noch ein bisschen nacharbeiten, hier gibt es leider so einige Fehler, über die eigentlich gar nicht hinweggelesen werden kann.

Interessant ist in diesem Band die Figur von dem Albino Zeno, er bekommt in diesem Band eine neue Farbe (haha), im ersten Band noch ganz eindeutig Bösewicht, scheint er hier doch auf dem Grat zwischen Gut und Böse zu tanzen, das macht die Sache auf jeden Fall spannend. Und auch Jakob Fugger wirkt zwiespältig – bis zum Ende wird nicht ganz klar, was eigentlich in ihm vorgeht und was er plant.

Was mich am Buch gehalten hat, sind die vielen historischen Fakten und Anteile, die Dempf sehr gut lebendig werden lässt. Die Fuggerzeit ersteht auf, das wirkt auch nie referatsartig, immer wieder werden geschickt historische Personen eingewoben, das hat der Autor einfach drauf. Und mit Afra schreibt er auch nach wie vor eine widerständige Frauenfigur, die ihrer Zeit voraus ist. Sehr gut hat mir deshalb auch die kleine Spielerei mit dem generischen Femininum am Anfang in der Welt der Masken gefallen, jaja, die Herren, so fühlt sich das an.

Wer es also eher simpel gestrickt mag bei einer guten historischen Grundqualität, auf dauerhafte Action steht und bereit ist, dabei Redundanz zu verzeihen und auf Glaubwürdigkeit zu verzichten, der ist hier wahrscheinlich bestens bedient. Mir war das zu viel auf zu vielen Seiten, eine deutliche Reduktion hätte diesem Band wirklich gut getan, denn diese Zerfaserung geht zulasten der Haupthandlung, in der die lesende Person immer wieder den Faden verliert. Und das Ende: Ist einfach nur noch abrupt und unbefriedigend. Ein dritter Band ködert mich aktuell leider eher nicht, auch wenn ich mich in der intriganten und brisanten Fuggerwelt wirklich gern aufhalte.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Leider nicht wirklich abgeliefert

Liefern
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„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig ...

„Liefern“, der neue, meiner Meinung nach eher Episoden-Roman von Tomer Gardi, erschienen 2026 bei Tropen/Klett-Cotta, vom Verlag beworben als weltumspannendes Gegenwarts-Epos, hat mich leider nie so richtig reingezogen und berührt, auch wenn das Thema sehr gut gesetzt ist und der Autor sprachlich durchaus überzeugt sowie eine clevere Konstruktionsarbeit betreibt. Dennoch hat es mich einfach nicht gepackt, was unter anderem daran liegt, dass eine sehr lange Vorbereitungsarbeit betrieben wird – und das Finale dann eher versackt.

„Liefern“ beschäftigt sich in sechs Episoden mit den Menschen, die wir alle täglich sehen, die wir aber beim Sehen nie sehen, die Lieferant:innen, die uns Wege und Erledigungen abnehmen und dabei durchgehend ausgebeutet werden. Weltweit haben sich Menschen daran gewöhnt, alles immer verfügbar zu haben. Dieser Dauerkonsum wird von Gardi in seiner Ausprägung zurecht kritisiert. Gardi fordert schon mit der ersten Episode einen Perspektivwechsel ein und liefert diesen auch. Dennoch kommen einem die Menschen in seinen Geschichten nicht nahe, vielleicht, weil er sie realistisch nicht nur als Sympathen schreibt, vielleicht aber auch, weil er doch nicht genug in die Tiefe arbeitet und sich zwischendurch in seinem eigenen Buch verliert.

Die längste Episode des Buches, „Mimesis“, die auch eine Episode ist, die der Autor auf Hebräisch geschrieben hat, formt das Zentrum des Buches und könnte eventuell schon länger in der Schublade gewartet haben, zumindest hatte ich den Eindruck, dass der Roman um diese Episode drumherum geschrieben wurde.

In der ersten Episode, „Indie-Go“ lernen wir Filmon aus Eritrea kennen, der zur Coronazeit in
Zeit Tel Aviv gestrandet ist, seine Frau Daniat und seine Tochter Israel sind schon in Berlin, er will hinterher, und das ganze Elend der Flucht wird gut gerahmt, Thema Familienzusammenführung, Thema schlecht bezahlte Jobs, Geld schicken müssen, versorgen, alle verdienen am Elend, der Vermieter, die Jobbörse, der Lieferdienst, in Berlin die Familie, die Daniat hilft. Viel Last. Wenig Leben. Eine Beziehung, die nur noch im facetime besteht.
Der ungesicherte Status, nie Fehler machen dürfen. Das alles wird präsent, aber bleibt skizzenhaft.

Die zweite Episode, „A new passage to India“, vollführt einen Ortswechsel nach Indien, die Verbindung zur ersten Geschichte ist die Sprachkursdozentin Nina von Daniat und Israel in Berlin, die nun nach Delhi reist für ein Projekt. Wir werfen hier einen Blick auf die Upper Class und auf Kulturarroganz, auf ein hierarchisches System, auf Privilegien und mangelnde Integration, auf die Benachteiligung von Frauen und erneut auf ein Liefersystem. In dieser Episode bleiben viele Fragen offen, was sich durchziehen wird, in kleinen Teilen tauchen viel später Antworten auf, einiges bleibt für immer unbeantwortet.

In der dritten, schon angesprochenen Episode „Mimesis“ geht es in die Türkei, es geht um Schönheitschirurgie-Tourismus und Haartransplantation, geliefert werden hier auch Menschen und Träume, die Themen werden größer, was ist Identität? Die Symbolik der Haartransplantation ist augenfällig, hier geht es an die Wurzeln. Die Situation der Lieferfahrenden wird erneut ausführlich beleuchtet, und langsam stellt sich Redundanz ein, ohne viel neue Erkenntnis. Immerhin kommt es zu Organisation und Widerstand – der Ausgang? Bleibt erneut offen. Diese Episode nimmt fast ein Drittel des Buches ein und auch insgesamt sind wir nun schon bei zwei Dritteln – mit noch immer nur loser Verknüpfung.

In der vierten Episode „Der Tausch“ finden die Geschichten endlich zusammen
und dadurch kommt nach diesem sehr langen Aufbau das Buch in Schwung. Mit einer noch einmal neuen Figur, Pavan, der Filmon, inzwischen in Deutschland in Berlin angekommen, im Deutschkurs kennenlernt, geplant war Nina als Lehrerin, wird das Lieferthema noch einmal potenziert: Beide arbeiten bei Lieferdiensten, beide neiden dem anderen den Job (Indie-Go, RatzFatz), denn ja: Auch bei solchen Jobs gibt es noch eine Hierarchie. Also wird der Job getauscht, mit fatalen Folgen. Gut herausgearbeitet hier vom Autor: Die Absurdität nach der Flucht nach Berlin wieder im gleichen Job zu landen. Und die Scham, in Richtung der alten Heimat, dass man jetzt gar nicht wirklich besser lebt, dass man noch immer arm ist, schlechte Jobs hat.

Bleiben noch die Episoden „Das blaue Handy“ – die einfach überkonstruiert und nicht glaubwürdig ist in ihrer Radikalität – und zuletzt noch „Rosen“, die wirklich nur noch sehr lose im Zusammenhang steht über die allgegenwärtigen Rosenverkäufer – und ein feministisch betrachtet doch sehr merkwürdiges Fazit zieht.
Die Konstruktion ist über- und durchschaubar, sie wirkte auf mich leider immer wieder etwas bemüht. Mit der Hälfte der Seiten als klarer Erzählband wäre hier meiner Meinung nach eine für das Buch gute Entscheidung getroffen worden. Vielleicht ist mir vieles thematisch auch zu vertraut, vielleicht habe ich auch nur zuvor zwei wirklich sehr starke Bücher gelesen, so dass Liefern mich nicht gekriegt hat – bei interessanten Einzelgeschichten und immer wieder auch sprachlich sehr schönen Momenten. Es wirkt auch so, als ob der Autor seine eigenen Ideen nicht wichtig nimmt – ein Beispiel dafür die Titel der Episoden, die am Anfang noch einen Bedeutungsraum öffnen, dann aber einfach nur noch 1:1 sind – so etwas finde ich sehr schade.
Indie-Go ist klar der Lieferdienst, aber eben auch die Farbe Indigo, was eines der ältesten Pigmente ist und massiv für das Färben von Jeans eingesetzt wurde, unter ganz schlimmen Bedingungen für die Menschen, die in den Färbereien gearbeitet haben, das war zumindest direkt meine Assoziation.
A New Passage To India ist eine sehr klare Referenz auf A Passage To India von E. M. Forster und nimmt dadurch Bezug auf den Kolonialismus, der sich in seiner Struktur in diesem Kapitel auch immernoch zeigt im 21. Jahrhundert, so z.B. direkt am Anfang, als kurz die Debatte über das „imaginierte, vermittelte Indien“ versus das „wirkliche Indien“ aufkommt – und natürlich hat der Autor da einen Punkt.
Mimesis ist für mich der am weitesten aufgeladene Titel, in der Tierwelt ist Mimesis die Tarnung, die Fähigkeit, sich der Umgebung in einer Art anzupassen, dass man für den Fressfeind uninteressant oder unsichtbar wird oder auch genau die Tarnung, mit der man sich an die Beute anschleicht, bei Aristoteles, kleiner hatten wir es nicht, ist es das Prinzip der Nachahmung. Beides passt für mich supergut auf die Episode, die Männer, die sich einem Männlichkeitsbild wieder anpassen wollen, die sich auch in Deutschland in das Bild hineinstrecken, aber auch die Figur Resul, der „Agent“, der sich tarnt bis zum großen Paukenschlag.
Der Tausch funktioniert in dem System auch gerade noch so, da der Titel immerhin mit dem Tausch der Deutschkurse, bei Nina vielleicht auch dem Tausch der Welten spielt und dem dann später realen Tausch der Jobs. Da gibt es zumindest ein Spiel mit der Erwartungshaltung.
Aber dann? Das blaue Handy beschreibt einfach nur das Handy, um das es geht und den blauen Punkt auf der digitalen Roadmap. Und am Ende dann „Rosen“. In dem Kapitel geht es um: Rosen.
So etwas verstimmt mich. Das wirkt so lustlos, so „hatte da mal ne Idee aber war dann auch nicht mehr weiter wichtig“.

Wer sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird hier vielleicht wirklich den gewünschten Perspektivwechsel erleben und unter dem Aspekt ist es bestimmt ein lesenswertes Buch. Ich hätte mir mehr Stringenz und Sog gewünscht und deutlich weniger Redundanz.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Zeit im Keller

Ich, die ich Männer nicht kannte
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„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ...

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jacqueline Harpman, erschienen 2026 bei Klett-Cotta, ist eine Wiederentdeckung, die das Lesen unbedingt los. Die Originalausgabe erschien schon 1995 – doch das Buch ist mit seiner beklemmend misogyn-dystopischen Atmosphäre leider nur zu passend platziert in unserer Zeit, in der fast alle Staaten wieder rückwärts schreiten, wenn es um Frauenrechte, FLINTA-Rechte, Menschenrechte und Freiheit geht.

Die schon 1929 geborene belgische Schriftstellerin nimmt uns mit auf eine Reise in den Untergrund, ganz wortwörtlich. In einem Keller im Nirgendwo leben sie, 40 Frauen, eingesperrt in einem engen Käfig, bewacht von drei wechselnden männlichen Wächtern. Und keine weiß, wie sie dort hingekommen sind, was genau in ihrem Leben geschehen ist, was der Auslöser war. Sie heißen Thea, Dorothee, Annabelle, Emma, Marie, Bernadette usw., es sind altertümliche Namen für Frauen, die sich schon in der Mitte des Lebens befinden – auch wenn keine ihr konkretes Alter benennen kann, denn das Zeitgefühl ist verloren gegangen im Keller, in dem es nur künstliches Licht und zwei Mahlzeiten am Tag als Struktur gibt. Nur die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans ist deutlich jünger und bleibt namenlos – kam sie doch schon als Kind in den Keller und erinnert sich kaum noch an das davor. Der Keller hat sie zu einem zutiefst isolierten Menschen gemacht, nicht nur setzt ihre Pubertät nie richtig ein, sie hat vor allem kaum Zugang zu Emotionen, kann Nähe nicht ertragen und ihr fehlt es an Wissen über viele Dinge der alten Welt.

Die Frauen leben in einem merkwürdigen Vakuum. Komplett von der Außenwelt abgeschottet, vegetieren sie vor sich hin, leben von Mahlzeit zu Mahlzeit, von Tag zu Nacht, ihren Bewachern ausgesetzt, die willkürliche Regeln festgesetzt haben. Niemand weiß, was der Hintergrund ist. Die Frauen haben aufgehört zu spekulieren. Anders die Protagonistin, die im Heranwachsen immer mehr Fragen stellt. Sie hinterfragt dabei nicht nur das Leben im Keller, sondern, ohne echten Kontakt zu Männern aufgewachsen, Konzepte wie Liebe und Romantik, Beziehungen, Hierarchien, letztlich jegliche Interaktion. Und langsam zeigen ihre Fragen Wirkung, zumal sie die Einzige ist, die versucht, ein Zeitsystem zu etablieren, anhand dessen die Frauen zunehmend feststellen, dass sie nicht entlang eines normalen Tag-/Nacht-Rhythmus leben. Was nur ist der Sinn hinter dieser Inhaftierung? Sämtliche Analysen scheitern, bis eines Tages etwas Unvorhergesehenes geschieht und der Begriff von Freiheit noch einmal eine ganz neue Dimension bekommt. Was in der Folge geschieht, war nicht erwartbar und entwickelt zunächst einen starken Sog – läuft allerdings irgendwann auch etwas ins Leere.

Der Roman ist dicht und atmosphärisch geschrieben und verfolgt durchaus schriftstellerischen Witz – so startet er mit einer literaturästhetischen Diskussion über das Schreiben von Vorworten beim: Schreiben eines Vorwortes. Die Frauen bekommen wenig Kontur, Harpman scheint es um etwas Größeres zu gehen als die Einzelperson – mit Ausnahme der Protagonistin. An vielen Stellen musste ich an den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 denken – vielleicht durchaus eine Inspiration. Auch hier bleibt das System bis zum Ende rätselhaft.

Wie wenig wir unsere Möglichkeiten und Freiheiten alltäglich schätzen, macht Harpman plastisch. Wie schnell ein System kippen kann und dass SINN entscheidend ist, um Dasein und Vegetieren zu Leben zu machen, wie unsinnig es ist zu überleben, wenn der Sinn sich nicht finden lässt, das ist sehr eindrücklich zu spüren. Leise Spuren feministischen Denkens weben sich durch den schmalen Band und doch wird auch deutlich, dass die reine Anwesenheit von Frauen noch nicht zu Feminismus führt.

Es ist eine spannende Lesereise, die jedoch viel offenlässt, sehr viel, für mich am Ende zu viel. Worauf auch immer der Roman sich sicherlich parabelhaft bezieht, ist nicht unbedingt zu identifizieren. Und so bleibt er bei sich, in sich – wie die Hauptfigur. Dennoch ein starkes Stück Literatur, das ich auf jeden Fall empfehle.

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