Tiglio: ein Frauenleben für die Kunst zwischen Südtirol, Mailand, Herkunft, Tradition, Zukunft und Emanzipation
Herlinde ist noch jugendlich als sie dank einer engagierten Lehrerin, die ihr Talent erkannte, aus einem Südtiroler Dorf nach Mailand zieht, um das Kunstgymnasium zu besuchen, das sie auf ein späteres ...
Herlinde ist noch jugendlich als sie dank einer engagierten Lehrerin, die ihr Talent erkannte, aus einem Südtiroler Dorf nach Mailand zieht, um das Kunstgymnasium zu besuchen, das sie auf ein späteres Kunststudium vorbereiten soll. In Mailand lebt sie bei Signorina Dina, einer guten Freundin ihrer Lehrerin, die ihr für Unterstützung im Haushalt Kost und Logis gewährt und bald selbst zu einer ihrer wichtigsten Förderinnen wird. Der Kontrast zwischen dem einfach dörflichen Leben mit ihrem geliebten Vater, aber auch der Enge der Dorfgemeinschaft und den Möglichkeiten in Mailand und Herlindes Eintauchen in die Welt aus Kunst und Intellektuellen könnte kaum größer sein und verunsichert die ohnehin immer zweifelnde Herlinde anfangs sehr. Doch trotz aller Selbstzweifel und Hindernisse, die für Aufsteigerinnenbiografien so typisch sind, erkämpft sich Herlinde in den nächsten Jahren Stück für Stück ihren Traum, ein Leben so aufzubauen, wie sie es möchte und es ihren Talenten entspricht. Dabei verhandelt die Autorin in Herlinde zentrale Konflikte und Widersprüche, die diese in sich trägt und immer wieder und in jeder Lebensphase ausbalanciert, zwischen Bauerntochter und freiheitsliebender Künstlerin, zwischen traditionellen Geschlechterrollen und Selbstständigkeit, zwischen Verantwortung/Schuld und Unabhängigkeit.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die jeweils unterschiedliche Zeitebenen abbilden. Teil eins stellt Herlindes Ankommen in Mailand und die Jahre auf dem Kunstgymnasium in den Mittelpunkt. Fremdheit und Scham angesichts der bürgerlichen, künstlerisch geprägten Kreise in denen sich die Bauerntochter nun bewegt, werden von der Autorin zurückhaltend jedoch nicht weniger pointiert herausgearbeitet. Wundervoll dargestellt ist in diesem Teil auch die beginnende und sich vertiefende Freundschaft zwischen Herlinde und ihren Klassenkameraden, eine Freundschaft auf Augenhöhe in der Herlinde auch zunehmend Selbstvertrauen mit Blick auf ihre Kunst entwickelt und die Leichtigkeit, wie Abwechslung in ihren fordernden strukturierten Alltag bei ihrer Hausmutter in Mailand bringt.
Im zweiten Teil dominiert der Ausbruch und Verlauf des zweiten Weltkriegs in Verbindung mit Herlindes Studienjahren an der Akademie. Liebe, Verlust, Trauer und Angst, aber auch (weibliche) Solidarität und tiefe Verbundenheit und Freundschaft werden hier thematisiert.
Eine Synthese aus Erinnerungen an die Nachkriegszeit, ihren Lebensweg und Herlindes Alltag in der Gegenwart nach einem ganzen Berufsleben als Lehrerin und Künstlerin in Bozen stellt der dritte Teil schließlich in den Vordergrund. Gerade in den Ruhestand eingetreten blickt Herlinde auf ihr Leben zurück.
Besonders macht den Roman der ruhige Erzählstil, der viel Wert auf das innere Erleben der Protagonistinnen legt. Sensibel werden Herlindes Scham, Ängste, Trauer und Konflikte ausgeleuchtet, aber auch ebenso die Herausforderungen und Gefühlswelten ihrer Freunde und Familie.
Neben den historischen Aspekten überzeugt mich der Roman außerdem mit den Einblicken in die Kunstwelt in den jeweiligen Dekaden, sowie der authentisch dargestellten Lebenswelt der Protagonistinnen darin.
Das Blau ferner Räume ist ein unaufgeregter, sensibler Roman. Eine Geschichte einer Emanzipation mit Hindernissen und Zweifeln, von einem Bauernmädchen, das Künstlerin wurde und doch nie ganz in der neuen Welt, in die sie sich hochgearbeitet hat, um ihre Träume zu erfüllen und Talente auszuleben, angekommen ist und doch oder gerade deswegen eine beeindruckende Frau ist, die versucht Prägung und Zukunft in ein erfülltes Bild zu zeichnen.