kurzweiliges Lesevergnügen für Sherlock-Fans
Holmes & MoriartyEin offiziell lizenziertes Holmes-Abenteuer, in dem der Meisterdetektiv und sein Erzfeind ihre Fehde auf Eis legen und gemeinsame Sache machen? Klingt irgendwie nach wilder Fanfiction, oder? Ich bin absoluter ...
Ein offiziell lizenziertes Holmes-Abenteuer, in dem der Meisterdetektiv und sein Erzfeind ihre Fehde auf Eis legen und gemeinsame Sache machen? Klingt irgendwie nach wilder Fanfiction, oder? Ich bin absoluter Sherlock & Watson-Fan, deshalb wanderte das Buch sofort auf meine Wunschliste! Holmes und Watson sollen herausfinden, warum bei einer Theateraufführung jede Nacht derselbe, nur verkleidete, Publikumskreis auftaucht, während parallel in einem anderen Handlungsstrang Moriarty selbst des Mordes an Gangstergrößen beschuldigt wird. Da beides sich als zusammenhängend erweist, werden die beiden Gegenspieler quasi zur Rettung der Welt in einen Topf geworfen.
Als großer Fan des Originals konnte ich nicht verleugnen, wie froh ich war, dass Rubin vom Stil her tatsächlich ein bemerkenswert authentisches „Victorian English“ hinbekommt. Der Plot wird abwechselnd aus der Perspektive der Side-Kicks erzählt: Die Watson-Kapitel lesen sich wie frisch aus den gesammelten Erzählungen Conan Doyles importiert, inklusive jener lakonischen, leicht verschnörkelten Sprache, die man bei britischer Tea-Time und anderen Eigenarten eben so erwartet. Gleichzeitig unterscheidet sich Colonel Moran – Moriartys rechter Hand – deutlich von unserem liebgewonnenen Dr. Watson: kernig, impulsiv, schießt gern aus der Hüfte, was ihn fast schon zu einem Anti-Watson stilisiert. Die unerwartete Entscheidung, den Wechsel der Erzählperspektive zwischen Watson und Moran vorzunehmen, war definitiv ein kluger Kniff: Man erlebt die Ermittlungen zweimal, auf völlig konträren Ebenen, und bekommt dadurch eine Rundumsicht, die bei klassischen Holmes-Geschichten oft fehlt.
Das Pacing der Story war großartig! Die Handlung jagt in flottem Tempo von einem Rätsel zum nächsten, ohne dabei unnötig zu verharren. Hier gibt es hier ein klar plot-getriebenes Erlebnis: kurzweilig, mit kleinen Cliffhangern am Ende jeder Perspektivschicht – Watson stolpert in eine Sackgasse, Moran entdeckt einen blutigen Beweis, und schwupps, wechselt es wieder zur anderen Seite. Das Tempo ist „just right“, um die Spannung konstant hochzuhalten, ohne zu hetzen. Absolute Stärke an dieser Stelle. Dass es um die „Rettung der Welt“ gehen muss, wirkt manchmal etwas zu verkompliziert, aber: hätten Holmes und Moriarty bei einer geringeren Bedrohung wirklich zusammengearbeitet?
Ein Punkt, der mich allerdings nachhaltig gestört hat, war die Rolle der weiblichen Charaktere. Ernsthaft, müssen wir im Erscheinungsjahr 2024 (bzw. hierzulande 2025) immer noch davon ausgehen, dass die Frauenwelt bei Holmes nur als zarte, dekorative Randerscheinung agiert? Leider tut „Holmes & Moriarty“ wenig, um dieses altbackene Muster aufzubrechen. Es gibt es längst Beispiele, wie man z.B. eine moderne, selbstbewusste Irene Adler oder eine gewitzte Mrs. Hudson integrieren kann, ohne dass der mystische Nimbus verloren geht, aber hier bleiben die Damen formal in der Garderobe, während die Herren mit Lupe und Pistole hausieren gehen. Das fand ich schade, fast schon frustrierend, denn gerade in einer alternativen Holmes-Story könnte man das Thema wunderbar neu interpretieren.
Trotz dieser Kritikpunkte muss ich aber zugeben: Ich wurde gut unterhalten. Die Dynamik zwischen Holmes und Moriarty, die sich in keinem einzigen Moment anbiedert, sondern stets ein höfliches, ironisches Kontrastgeplänkel liefert – das allein genügt schon, um das Buch zu lesen. Es macht einfach Spaß, zu beobachten, wie die beiden Meisterdenker „fair play“ üben, während sie sich hinter vorgehaltener Hand die schärfsten Spitzen zuspielen. Und dass man die Kapitel aus Watsons und Morans Perspektive erlebt, ist für mich das überraschendste Highlight: Man fiebert einmal mit dem sicheren, adretten Watson, um im nächsten Moment mit Moran die Geduld angesichts menschlicher Dummheit zu verlieren.
Am Ende vergebe ich knappe 4 Sterne von 5. Ein gelungener Pageturner mit Charme lautet das Urteil, wenngleich er nicht ganz perfekt ist. Absolut empfehlenswert für alle, die eine, wenn auch etwas altmodische, Hommage an Conan Doyle lieben und ein wenig britische Höflichkeit mit scharfer Klinge schätzen – wenn man bereit ist, bei den fehlenden Frauenfiguren ein Auge zuzudrücken.