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Veröffentlicht am 02.08.2025

Gedankenexperiment

Im Leben nebenan
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Toni wacht eines morgens auf und lebt ein ihr fremdes Leben, ihre Jugendliebe und gemeinsames Baby inklusive. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie damals nicht gegangen wäre, geblieben wäre im Heimatdorf, ...

Toni wacht eines morgens auf und lebt ein ihr fremdes Leben, ihre Jugendliebe und gemeinsames Baby inklusive. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie damals nicht gegangen wäre, geblieben wäre im Heimatdorf, Adam geheiratet hätte, statt sich von ihm zu trennen?

»Dieses Baby gehört mir nicht, denkt sie wieder. Sie atmet ein, schließt noch einmal die Augen, atmet aus. Das muss ein Traum sein. Gähnend reibt sie sich über das Gesicht und wartet, dass die Sicht verschwimmt. Rechnet jede Sekunde mit der Realität.« (Seite 11)

»Was wäre, wenn«, dies ist die zentrale Frage des großartigen Romans von Anne Sauer. Was wäre, wenn ich dies getan, jenes unterlassen, dieses erst recht gemacht hätte? Toni ist im realen Leben, Antonia wacht in einer Parallelwelt auf. Oder ist alles andersherum und die mit Adam verheiratete Frau und Mutter von Hanna ist echt und Toni ein Traumgebilde, Jakob, ihr Freund, also gar nicht echt? Will ich ein Kind, habe ich eines, ist der Wunsch echt und wenn ja, mit wem? Fragen zum Frausein, zum Muttersein und zur Frage, ob das selbstgewählte Leben tatsächlich das ist, das man sich erträumt hat. Mit Situationskomik, teils unvollständigen Sätzen, denen nichts fehlt, weil zwischen den Zeilen alles steht, gibt die Autorin Antworten auf Fragen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie stellen möchte. Und dies macht sie so spannend, dass ich gar nicht mehr zu lesen aufhören will. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Leider nicht mein Fall

Haralds Mama
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Harald war aufgrund seiner Medikamentenabhängigkeit in einer Klinik, heute nun soll er endlich entlassen werden und nach Hause fahren dürfen. In einem kleinen Flughafen sitzen in der Wartehalle zwei Frauen ...

Harald war aufgrund seiner Medikamentenabhängigkeit in einer Klinik, heute nun soll er endlich entlassen werden und nach Hause fahren dürfen. In einem kleinen Flughafen sitzen in der Wartehalle zwei Frauen und warten auf ihn. Beide sind fest entschlossen, den Wartebereich zusammen mit Harald zu verlassen, und so entspinnt sich ein zuweilen skurriler Dialog darüber, wer aus dem Schlagabtausch als Siegerin hervorgehen wird. Währenddessen kommt ein Schneesturm auf und die Ankunft von Harald verzögert sich beträchtlich.

Auf diese Geschichte hatte ich mich sehr gefreut, der Klappentext versprach ein amüsantes und böses Stück, in dem die Dialoge niederträchtig und unterhaltsam sein würden. Leider wurde ich mit der Art und Weise der Erzählung überhaupt nicht warm, konnte der Ironie und dem Sarkasmus nichts abgewinnen und lustig fand ich es auch nur so ein bisschen. Anscheinend haben die Autorin und ich nicht den gleichen Humor. Die Treffen zwischen Lebensgefährtin und Schwiegermutter in spe hätten durchaus humorvoll sein können, waren es vielleicht auch, allerdings erschlossen sich mir die Andeutungen kaum, verstand ich die Metaphern nicht. Mit diesem speziellen Humor wird das Buch aber sicherlich die richtigen Leserinnen und Leser finden.

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Veröffentlicht am 28.07.2025

Anrecht auf das Leben

Die Wünsche gehören uns
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Elise wird von Tochter und Stieftochter in ein Armenasyl gebracht im Kanton Bern. Still und zurückhaltend ergibt sie sich in ihr Schicksal, versucht, sich dort zurechtzufinden; zurechtzufinden zwischen ...

Elise wird von Tochter und Stieftochter in ein Armenasyl gebracht im Kanton Bern. Still und zurückhaltend ergibt sie sich in ihr Schicksal, versucht, sich dort zurechtzufinden; zurechtzufinden zwischen all den verlorenen Seelen, denen fast nichts geblieben ist. Nichts außer ihren Wünschen, so wichtig, unbedeutend, groß oder klein diese auch sein mögen.

»1981 wurden die Gesetze zur administrativen Versorgung aufgehoben. Bis dahin waren Tausende von Erwachsenen eingesperrt worden, ohne dass sie ein Delikt begangen hätten. Sterilisationen und Abtreibungen waren Teil der Zwangsmaßnahmen gewesen, ebenso die Auflösung von Familien. Unzählige Kinder waren in diversen Heimen oder fremden Familien versorgt worden.« (Dahinter: Nachwort der Autorin, Seite 253)

Katharina Geiser widmet dieses Buch ihrer Ururgroßmutter Elise Linder-Brand (1868-1953), der einzigen Person im Buch übrigens, die nicht fiktiv ist. Der Hintergrund der Geschichte selbst ist tragisch, die historischen Fakten erschütternd, was da in der Schweiz bis in die 1970er Jahre geschah, ist widerlich und menschenverachtend. Ich habe kürzlich ein Buch über sogenannte Verdingkinder gelesen und dachte bis jetzt, schlimmer geht es nicht. Dass dies sehr wohl möglich ist, davon handelt dieses Buch.

»Doch jetzt, als sie sich in Zimmer 3 auf die hölzerne Bettstatt stürzte und sich umsah, begriff sie: Sie hatte mit sieben anderen Frauen einen Raum zu teilen. Nicht einmal ein Nachttisch oder zumindest ein Stuhl stand zwischen den einzelnen Betten. Dafür hockte eine Menge schlechter Luft in diesen Wänden drin.« (Seite 18)

Dieses Buch ist keine leichte Lektüre, aber es ist notwendig darüber zu schreiben, zu lesen und zu sprechen, was passiert ist, damit diese ungeheuerlichen Vorgänge ans Licht kommen, aufgearbeitet werden und den vielen Menschen, die schreckliches durchleiden mussten, Gerechtigkeit geschieht. Elises Schicksal steht zwar im Vordergrund, aber jede der armen Seelen im Buch bekommt ihren Raum, ihre Leben, auch wenn sie fiktiv sind, damit einen Sinn; im Namen der Menschen, die tatsächlich durchleiden mussten, was die Autorin beschreibt. Ein Personenregister ist angehängt, dieses mit filigranen Skizzen ergänzt, sodass jeder Name ein Gesicht bekommt. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ich mir gewünscht hätte, dass dieses nach Vornamen alphabetisch sortiert ist. Im Buch wechselt die Autorin zwischen Vor-, Nach- und Spitznamen, sodass ich leider oft durcheinander gekommen bin. Aber das ist meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt ist dieses Buch sprachlich ein wahrer Schatz und ich glücklich darüber, dass ich es lesen durfte.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Nette Idee, Umsetzung leider nicht gelungen

Das Restaurant am Rande der Zeit
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In einem Restaurant am Meer geschehen seltsame Dinge, es heißt, wer dort ein bestimmtes Gericht bestellt, der könnte mit einer lieben verstorbenen Person eine letzte gemeinsame Mahlzeit einnehmen. Die ...

In einem Restaurant am Meer geschehen seltsame Dinge, es heißt, wer dort ein bestimmtes Gericht bestellt, der könnte mit einer lieben verstorbenen Person eine letzte gemeinsame Mahlzeit einnehmen. Die junge Kotoko, die kürzlich ihren Bruder verlor und sich seitdem mit Schuldgefühlen quält, hört davon und macht sich auf die Suche, um einmal noch mit ihrem Bruder sprechen zu können.

»Eine Begegnung, die ihr Leben verändert hatte. Kotoko war unendlich dankbar, in dieses Dorf am Meer und zu diesem Restaurant gekommen zu sein.« (Seite 47)

Dieses Buch hatte viel Potenzial, ein Highlight zu werden, allerdings bleibe ich eher enttäuscht zurück. Die Idee an sich ist zauberhaft; man kann einen geliebten Menschen, der verstorben ist, noch einmal sehen, ihn hören und ihm etwas sagen, wofür vor seinem Tod keine Zeit geblieben ist. Leider ist die Umsetzung für mich persönlich nicht gelungen. Die Treffen mit den Verstorbenen geraten in den Hintergrund, weil es besonders am Anfang gefühlt überwiegend ums Essen geht. Nun könnte man argumentieren, dass dies bereits der Titel suggeriert, allerdings hätte ich dennoch mehr Auseinandersetzungen mit den beteiligten Personen sowie ihren gewünschten Gesprächspartnern erwartet, und zwar inklusive besonderer Aussagen und dazu passenden Gefühlen.

Es gab vier Episoden, von denen keine besonders heraussticht, es kamen bedauerlicherweise keine Emotionen bei mir an, große Gefühle waren nicht zu spüren. Ein netter Zeitvertreib, ein Buch zum abschalten, das sicherlich. Nicht mehr und nicht weniger. Ich empfehle, sich ein eigenes Bild zu machen.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Feindliche Übernahme

Schattengrünes Tal
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Lisa hilft ihrem Vater bei der Buchhaltung des familiengeführten Hotels »Zum alten Forsthaus«. Als eines Tages eine mysteriöse Frau auftaucht, die Hilfe braucht, ist Lisa zur Stelle, lässt die Fremde in ...

Lisa hilft ihrem Vater bei der Buchhaltung des familiengeführten Hotels »Zum alten Forsthaus«. Als eines Tages eine mysteriöse Frau auftaucht, die Hilfe braucht, ist Lisa zur Stelle, lässt die Fremde in ihr Leben, führt sie in ihren Freundes- und Bekanntenkreis ein. Nach und nach muss sie aber feststellen, dass etwas nicht stimmt mit Daniela, die allmählich immer tiefer in Lisas Privatsphäre eindringt.

Kristina Hauff konnte mich vor zwei Jahren mit ihrem Buch »In blaukalter Tiefe“ begeistern, umso gespannter war ich auf ihr neuestes Werk, das diesmal im Schwarzwald spielt, in der fiktiven Stadt Herzogsbronn. Wie bereits im vorgenannten Buch wechselte auch hier die Perspektive, die Ereignisse überschnitten sich manchmal, sodass mein Blick mehrere Seiten traf. Die Geschichte selbst war dabei nicht neu, früh war mir klar, wo die Reise hingeht, was meinen Lesegenuss jedoch nicht geschmälert hat, denn die Autorin kann ihr Handwerk und versteht es meisterhaft, die menschlichen Abgründe so zu verpacken, dass eine unterschwellige Spannung entsteht, die eine Gefahr verspricht, die permanent vor einem Ausbruch steht. Langsam, aber unaufhaltsam, steuerte die Geschichte auf einen Showdown zu, die Anspannung war kaum noch auszuhalten. Wieder einmal hielt Kristina Hauff, was sie versprach: Großartige Unterhaltung. Lesen!

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