Cover-Bild Mittagsstunde

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22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Penguin
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Seitenzahl: 320
  • Ersterscheinung: 15.10.2018
  • ISBN: 9783328600039
Dörte Hansen

Mittagsstunde

Roman
Endlich - der neue Roman von Dörte Hansen!

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.





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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.11.2018

Norddeutscher Charme mit Tiefgang und viel Gefühl

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In „Mittagsstunde‟ malt Dörte Hansen das Panorama eines von Vergänglichkeit und Wandel gezeichneten nordfriesischen Dorfes und erzählt die Geschichte von Ingwer Feddersen, „de Jung‟, der nach Brinkebüll ...

In „Mittagsstunde‟ malt Dörte Hansen das Panorama eines von Vergänglichkeit und Wandel gezeichneten nordfriesischen Dorfes und erzählt die Geschichte von Ingwer Feddersen, „de Jung‟, der nach Brinkebüll zurückkehrt, wo er wieder bei den „Olen‟, Sönke und Ella Feddersen, lebt. Denn er hat noch etwas gutzumachen.

Ich gebe zu: Während ich die erste Hälfte des Buches las, wusste ich noch nicht so recht, was der Roman von mir will. Dörte Hansen schafft es zwar von Anfang an, das norddeutsche Dorf Brinkebüll mit all seinen Einwohnern lebendig vor Augen zu führen, aber über lange Strecken passiert einfach nichts oder zumindest nicht viel. Es fühlte sich für mich anfangs so an, als ob die Autorin hier nicht unbedingt eine spezielle Geschichte erzählt, sondern vor allem Brinkebüll, die Stimmung und die Charaktere in ihrer Besonderheit und gleichzeitig Allgemeingültigkeit ausführlich malt. Und auf diese entschleunigende Art von Erzählstil, der hervorragend zu dem passt, wofür das Dorf steht, muss man sich erst einmal einlassen.

Zumindest, wenn man selbst einem norddeutschen Dorf entstammt, wird man an vielen Stellen schmunzeln können oder nostalgische Gefühle entwickeln, da vieles einem bekannt vorkommt.
Was Dörte Hansen ganz herausragend schafft, ist lebensnahe Charaktere zu erschaffen. Wenn es eins gibt, von dem ich überzeugt bin, dann, dass Brinkebüll mit dem sturen, norddeutsch liebenswerten Kröger Sönke Feddersen, seiner „halfbackten‟ Tochter Marret Weltünnergang, Dora Koopmann, dem sich mit seiner eigenen Identität und Herkunft auseinandersetzenden „Studierer‟ Ingwer Feddersen und all den anderen Figuren existiert. Ganz besonders ergreifend fand ich beschrieben, wie sich das Verhältnis von Ingwer und seinen beiden „Olen‟ langsam gedreht hat: Während früher Sönke mit dem kleinen Ingwer auf dem Arm durch das Dorf lief, kümmert sich nun Ingwer um den alt gewordenen Sönke, wäscht ihm den Rücken, zum ersten Mal mit warmem Wasser, und der Alte lässt es zu.

Lange Zeit verspürte ich zwar nicht unbedingt den Drang, sofort weiterzulesen, aber immer, wenn ich es dann doch tat, erlag ich dem Zauber von Brinkebüll, spürte, wie das Plattdeutsche (die Sprache meiner Eltern und Großeltern) auch Einzug in meinen Alltag hielt und wie ich mich mit meiner eigenen Herkunft beschäftigte. Man muss nicht unbedingt eine norddeutsche Heimat haben, um mit den Themen des Romans – Vergänglichkeit, Verlust, Abschied und Neuanfang – etwas anfangen zu können; die Geschichte hätte so oder so ähnlich in jedem anderen beliebigen Dorf funktioniert. Aber vielleicht hilft es, ein wenig Plattdeutsch-Kenntnisse zu haben, um nicht jedes Mal, wenn die Dorfbewohner sprechen, herausgerissen zu werden.

Am Ende schließlich klappte ich das Buch mit Tränen in den Augen zu, war tief ergriffen, und sehr froh, zu Gast gewesen zu sein bi de Brinkebüller und seers Schicksoaln - auch, wenn mich mich manchmal etwas zu jung für das Buch gefühlt habe.

Fazit:
Ein Buch, dessen Wirkung sich bei mir erst langsam entfaltet hat, mich aber dann sogar zu Tränen rühren konnte. Wenn man sich auf die entschleunigende Erzählweise einlässt, wird man mit einer bewegenden Geschichte in einem herausragend charakterisierten, sehr lebensnahen norddeutschen Dorf belohnt, das man nur zutiefst gerührt verlassen kann.

Veröffentlicht am 12.12.2018

Einmal Dörpsminsch, immer Dörpsminsch

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Zweite Romane gelten als besonders schwierig, vor allem, wenn das Debüt, in diesem Falle „Altes Land“ ein spektakulärer Bestseller war. Auch ich gehe dann mit einem gewissen Bauchgrummeln an diese Nachfolger, ...

Zweite Romane gelten als besonders schwierig, vor allem, wenn das Debüt, in diesem Falle „Altes Land“ ein spektakulärer Bestseller war. Auch ich gehe dann mit einem gewissen Bauchgrummeln an diese Nachfolger, doch hat es sich bei Dörte Hansens „Mittagsstunde“ glücklicherweise als absolut unnötig erwiesen.

Schon nach wenigen Sätzen ist klar: Es ist eindeutig Dörte Hansens Stimme, die hier so unverwechselbar erzählt, im Grundton melancholisch, aber trotzdem mit viel Humor, mit vielen plattdeutschen und damit sehr direkten, derben Dialogen, die durchaus auch in Süddeutschland zu verstehen sind. Von den 1960er-Jahren bis heute verfolgt sie das Schicksal des fiktiven nordfriesischen Dorfs Brinkebüll und seiner urigen Bewohner. Wendepunkt für das Dorf und die Menschen war die Flurbereinigung Mitte der 1960er-Jahre, als drei junge Ingenieure vom Katasteramt die Gegend neu vermaßen und das von Gletschern geschliffene und verschrammte Altmoränenland begradigt, geteert, von Findlingen befreit und neu verteilt wurde, so dass die Feldmark nicht wiederzuerkennen war. Von nun an musste weichen, wer nicht wachsen wollte. Nach und nach verschwanden alte Höfe, der Tante-Emma-Laden, die Schule, die Dorfkastanie, die Mühle und die alte Chaussee. Der Dorfkrug von Sönke und Ella Feddersen, ehemals Mittelpunkt des Dorflebens, verlor an Bedeutung. Die Zeit der „Mittagsstunde“, einst Ruhepunkt im Dorfleben und Schutzraum für Heimlichkeiten, war vorbei, nicht nur, weil nun jeden zweiten Donnerstag der Bücherbus lautstark sein Kommen verkündete. Aber es wuchs auch Neues: Städter zogen aufs Land, Künstler übernahmen verlassene Häuser.

Ingwer Feddersen, Enkel von Sönke und Ella und unehelicher Sohn der „verdreihten“ Marret, hat einst 15 Hektar Land und einen Gasthof „liegenlassen“, um in Kiel Archäologie und Frühgeschichte zu studieren. Beruflich hat er es geschafft, ist Hochschullehrer geworden, aber sein Privatleben gleicht mit 47 Jahren einem Desaster. Er hat es nie aus der Studenten-WG herausgeschafft und führt ein Leben, das er selbst als „unsortiert“, „wage“, „schwebend“ und „schief“ empfindet. Nun möchte er sich während eines Sabbaticals um seine über neunzigjähren Großeltern kümmern, um Sönke, der noch immer hinter dem Tresen steht und vom Fest zu seiner bevorstehenden Gnadenhochzeit träumt, und um Ella mit ihrer zunehmenden Demenz. Er möchte eine Schuld begleichen und vielleicht für sich selbst einen Weg zu einem Neuanfang finden.

Es ist eine Lust, die vielen von Dörte Hansen ersonnenen Charaktere kennenzulernen, sei es der Dorflehrer Steensen, durch dessen Schule über dreieinhalb Jahrzehnte alle Brinkebüller Kinder gehen, sei es die energische Dorfladenbesitzerin Dora Koopmann, die Schokoladeneis erst nachbestellt, wenn das Erdbeereis verkauft ist, oder der Pfarrer, der fast an seinen dickschädeligen Schäfchen verzweifelt. Doch so liebevoll Dörte Hansens Blick auf das Dorfleben und den Zusammenhalt auch ist, verschweigt sie doch auch die Schattenseiten nicht: das Wegschauen, wenn Väter ihre Kinder prügeln, die soziale Kontrolle und das Unverständnis für Andersartige(s).

Ich habe eine solch souveräne, unsentimentale Darstellung der Veränderungen des Dorflebens schon einmal gelesen in einem 2016 erschienenen, leider wenig beachteten Roman von Heinrich Maurer mit dem Titel „Die vier von der Schusterstaffel“, im Schwäbischen spielend, nicht ganz so literarisch, aber trotzdem sehr empfehlenswert. Beide Bücher liegen mir sehr am Herzen.

Veröffentlicht am 24.11.2018

Ein Buch, das mit authentischen Charakteren und einer starken Sprache begeistert

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„De Welt geiht ünner“ – davon ist Marret Feddersen schon lange überzeugt. Überall im kleinen Dorf Brinkebüll sieht die die Anzeichen: Ein Sommer ohne Störche, tote Bäume, Felder ohne Hasen, tote Rehe, ...

„De Welt geiht ünner“ – davon ist Marret Feddersen schon lange überzeugt. Überall im kleinen Dorf Brinkebüll sieht die die Anzeichen: Ein Sommer ohne Störche, tote Bäume, Felder ohne Hasen, tote Rehe, tote Kinder. Marret Ünnergang, wie sie bald nur noch genannt wird, ist im kleinen Dorf Brinkebüll aufgewachsen, ihren Eltern gehört die Gastwirtschaft. Doch mit ihren Gedanken war sie immer schon ganz woanders. Mit siebzehn wird sie schwanger, danach noch sonderlicher. Jahrzehnte später kehrt ihr Sohn Ingwer ins Dorf zurück. Er ist promovierter Archäologe, steckt mit seinem Leben jedoch irgendwie fest und hat ein Sabbatjahr beantragt, um seine Großeltern zu pflegen. Nach vielen Jahren wird er wieder ein Teil der Dorfgemeinschaft und blickt mit einer frischen Perspektive auf deren Sitten und unausgesprochene Regeln. Doch wo ist sein Platz?

Der erste Roman der Autorin, „Altes Land“, hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich mich auf diesen zweiten Roman gefreut habe. Auch „Mittagsstunde“ spielt in einem dörflichen Umfeld in Nordfriesland. Dort hat sich im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte einiges verändert. Zuerst begegnet der Leser der sonderlichen Marret Feddersen. Diese verkündet jahrelang den Weltuntergang und sieht in jedem einschneidenden Ereignis ein Zeichen dafür. Auf Klapperlatschen läuft sie durchs Dorf und erzählt jedem davon, eine alte Zeitschrift des Wachtturms ist ihr Beweis.

In der Gegenwart kehrt Marrets Sohn Ingwer ins Dorf zurück, dem er vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat. Das Dorfleben hat sich inzwischen stark geändert: Der Dorfladen ist zu, die Schule auch, die meisten Bewohner haben das Vieh abgeschafft und die verlassenen Gebäude wurden von Stadtflüchtigen renoviert. Nur für Ingwers Großmutter Ella ist das alles noch lebendig, sie leidet an Demenz. Dafür ist die körperlich noch deutlich fitter als ihr Mann Sönke, der mit seiner zunehmenden Gebrechlichkeit hadert.

Die Geschichte springt zwischen den 60er Jahren und der Gegenwart hin und her, sodass für den Leser deutlich wird, was sich verändert hat und welche Entwicklung die Charaktere in dieser langen Zeitspanne gemacht haben. Dabei begegnen dem Leser viele Charaktere, die etwas schrullig und verschroben, aber irgendwie liebenswert sind. Der Leser erhält Einblick ins alltägliche Dorfleben, rauschende Feste, viel Getratsche und das starke Gemeinschaftsgefühl, dass die langjährigen Einwohner verbindet.

Es gibt viele unterhaltsame Szenen, zum Beispiel wenn Ingwers alter schmächtiger Schulkamerad plötzlich in Cowboykluft auftaucht, einen künstlichen Büffelschädel neben die Jagdtrophäen hängt und Zugezogenen Line Dance beibringt. Genauso oft gab es Momente, die mich berühren konnten. Denn wenn die Charaktere auf die letzten rund fünfzig Jahre zurückblicken und Bilanz ziehen, erinnern sie sich nicht nur an die schönen Momente, sondern auch an all das, was sie bereuen. Und da gibt es so einiges, vieles davon ist seit Jahrzehnten unausgesprochen.

Der Autorin gelingt es, den Verlust des Ursprünglichen und den Aufbruch in eine neue Zeit mit all seinen Konsequenzen deutlich zu machen. Dabei findet sie genau die richtigen Worte. Viele Stellen habe ich markiert, weil die Sätze nur allzu wahr und treffend sind. Die Charaktere schließt man schnell ins Herz, sie haben Tiefe und ich konnte mit ihnen mitfühlen. Der Fokus liegt darauf, Momente und Gefühle einzufangen. Für Ingwer steht schließlich eine wichtige Entscheidung an, die ich gut nachvollziehen konnte. Mich konnte das Buch mit seinen authentischen Charakteren und einer starken Sprache begeistern, sodass ich es gern weiterempfehle!

Veröffentlicht am 21.11.2018

Das Dorfleben

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✿ Meine Meinung ✿
Mein erster Roman von Dörte Hansen und nach der letzten Seite ist mir klar, das ich den Vorgänger "Altes Land" auch noch unbedingt lesen muss. Die Autorin hat mich in eine Welt entführt, ...

✿ Meine Meinung ✿
Mein erster Roman von Dörte Hansen und nach der letzten Seite ist mir klar, das ich den Vorgänger "Altes Land" auch noch unbedingt lesen muss. Die Autorin hat mich in eine Welt entführt, die ich irgendwie noch kenne. Durch manche Erwähnung, auch wenn es nur kurz und knapp war, hat sie bei mir Erinnerungen wachgerufen und ich schwelgte zwischen den Seiten in den alten 1970er Jahren. Ja, vieles habe ich wiedererkannt, das Leben früher auf dem Dorf. Zwar leider nicht auf dem platten Land in Nordfriesland, aber ist das Dorfleben nicht überall gleich? Man lässt Türen offen, die Nachbarn schlurfen herein, manch einer weiß mehr über den Anderen, als dieser selbst und geschnackt wird über Gott und die Welt. Während des Lesens habe ich oftmals das Buch zur Seite gelegt und die Gedanken schweifen lassen. Die Charaktere sind einzigartig ausgearbeitet. Genauso stelle ich mir die Dorfbewohner in Nordfriesland vor, nicht zu gesprächig, alles beobachtend und wenn jemand Neues im Ort auftaucht wird dieser erstmal genau im Auge behalten. Wie benimmt er sich, grüßt er, schnackt er mit den Leuten, passt er sich an, oder will er für sich sein. Alles wird zuerst abgecheckt und dann lässt man ihn am Dorfleben teilhaben, wenn er die Prüfungen gut gemeistert hat. Der Schreibstil ist zwar zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber es passt zu Land und Leute, etwas skurril, oftmals schrullig lustig, aber auch nachdenklich.
✿ Fazit ✿
Dörte Hansen ist eine wunderbare und großartige Geschichten-Erzählerin.

Veröffentlicht am 19.11.2018

Alles hat ein Ende...

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Brinkebüll. Ein kleines verschlafenes Dorf in der Geest. Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf. Hier ist er aufgewachsen als Sohn von Marret Feddersen. Besser bekannt als Marret „Ünnergang“. ...

Brinkebüll. Ein kleines verschlafenes Dorf in der Geest. Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf. Hier ist er aufgewachsen als Sohn von Marret Feddersen. Besser bekannt als Marret „Ünnergang“. Die Frau die nicht ganz fit im Kopf ist, die, die mit den Klapperlatschen durchs Dorf läuft und die Menschen mit ihrem Gequassel unterhält. Sie hat den Ruf weg, weil sie immer und überall in allem ein Zeichen des Untergangs sieht...sagt man zumindest. Nicht ganz einfach aber egal. Ingwer hat hier noch etwas gutzumachen. Großvater Sönke versucht immer noch in seinem alten Gasthof die Stellung zu halten, aber das Alter macht im gehörig einen Strich durch Rechnung. Und da ist dann noch Großmutter Ella die so langsam den Verstand verliert. Demenz ist nun mal eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. In Brinkebüll schläft schon lange alles und jeder. Nur wann begann dieser Schlaf, dieser Untergang? In den 1970ern als nach der Flurbereinigung neben den Hecken auch die Vögel verschwanden oder als Ingwer nach Kiel zum studieren ging und er das Dorf im Stich gelassen hat?

Dörte Hansen hat nach ihrem Erfolgsroman „Altes Land“, in meinen Augen, einen neuen Bestseller gelandet. Ihr neuer Roman „Mittagsstunde“ übertrifft alles bisher Geschriebene von ihr. Sie erzählt mit extrem viel Feingefühl und Dynamik, mit einer präzisen und detailreichen Art und Weise die Geschichte eines fiktiven Dorfes das Genauer nicht sein könnte. Ihre Charaktere strotzen nur so vor Leben und vor allem vor Genauigkeit, vor Realität. Sie hat es geschafft, eine ganz simple Analyse, eine Dorfchronik, so zum Leben zu erwecken, dass man das Gefühl hat, sie nimmt einen, geführt durch die Figur Ingwer Feddersen, an die Hand und zeigt dem Leser durch einen „Dorfspaziergang“ „sein“ Brinkebüll. Die einzelnen Charaktere wie eben Sönke Feddersen, der mit dem Kukuckskind was aber keiner laut ausspricht oder „Cowboy“ Ketelsen, der nicht so ganz richtig im Kopf ist laut den Dorfbewohnern oder Lehrer Christian Steensen...alle wachsen sie einem ans Herz. Sind alle irgendwie arme Seelen. Man lernt jeden einzelnen sehr behutsam aber intim kennen und weiß nach kurzer Zeit wie ein „Tratschweib“ was im Dorf alles geschieht. Erzählt wird, wie bereits erwähnt, aus der Sicht von Ingwer. Er lässt den Leser unverblümt an seinem Leben und Denken teilhaben. Die Geschichte handelt schlussendlich über seine letzten 47 Lebensjahre. Von seiner Geburt bis jetzt... . Hansen‘s einfacher aber bewusster Schreibstil, besonders hervorzuheben ist hier die Plattdeutsche Sprache die sie perfekt eingesetzt hat, lässt einen abtauchen und man folgt jedem Geschehen sehr gern. In regelmäßigen Abständen blickt der Leser zum Teil in die Vergangenheit aber landet auch zum richtigen Zeitpunkt im hier und jetzt. Diese Art der Erzählungen fand ich sehr gelungen. Hansen legt in ihrer Geschichte sehr viel Wahrheit. Wer glaubt das sie sich das alles aus den Fingern gezogen hat, der irrt auf ganzer Linie. Da ich selbst auf dem platten norddeutschen Land lebe und da auch der nächste Nachbar zum Teil 1 km entfernt wohnt, kann ich nur bestätigen, das was Hansen schreibt, ist definitiv alles real. Egal wie das Dorf heißt oder die Menschen die darin leben. Hier, auf dem Land gibt es solche Leute wie Marret die den Weltuntergang vorhersagen, oder Heiko „Cowboy“ Ketelsen, der noch so jeden derben Schlag aushält und eben nicht jault, oder solche Fälle wie um Marten, oder eine Frau wie Dora Koopmann, die den letzten Tante-Emma-Laden im Dorf hält....überall in den Dörfern gibt es solche Geschichten, Menschen, Erlebnisse. Das Dörte Hansen das so gut niedergeschrieben hat, zeugt davon das sie ein unheimliches Gespür und eine sehr intensive Wahrnehmung von ihrer Umgebung und Umwelt hat. Das was sie schreibt ist täuschend echt. Ihr gelegentlicher Sarkasmus untermalt diese Geschichte perfekt. Anders kann man dieses Leben auf dem Land auch nicht ertragen. Und genau diese besonderen Stellen haben es geschafft das ich mit den Brinkebüllern gelacht aber auch geweint und getrauert habe. Die Frage nach dem eigentlich Untergang wird auch irgendwie beantwortet...schuld ist die Zeit. Es heißt immer, die Zeit heilt alle Wunden aber nicht so in eben solche Dörfern. Sie macht auch kaputt. Der stetige Zeitenwandel verändert nunmal und oft auch nicht zum Positiven. Da hatte Hansens „Marret >Ünnergang< Feddersen“ recht - de Welt geit ünner. So eben auch das Leben im Dorf - egal wo. So eine simple aber eindringliche Geschichte vom Kommen und Gehen eines Dorfes niederzuschreiben, ist eigentlich ganz einfach, aber keiner kann es so gut Dörte Hansen. Sie ist eine von denen, die das Leben auf dem Land liebt und schätzt. Ein „Dörpminsch“ eben... vielleicht trauert Hansen genau diesem Leben auch mit ihrem Buch „Mittagsstunde“ hinterher...wir werden es nicht erfahren, aber ich kann sie sehr gut verstehen wenn es so sei.
Und eines steht fest: dieses Buch hallt nach! Für jeden auf seine Weise.
Dieses Buch gehört definitiv gelesen und ist eines meiner Jahreshighlights 2018!

Ich danke dem Penguin-Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar!