Zwischen Nähe, Lust und Schweigen.
GentlemenDie belgische Autorin Patricia Jozef ist hierzulande noch ein Geheimtipp – umso gespannter war ich auf ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman „Gentlemen“. Das moderne Cover zeigt eine Frau, die genussvoll ...
Die belgische Autorin Patricia Jozef ist hierzulande noch ein Geheimtipp – umso gespannter war ich auf ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman „Gentlemen“. Das moderne Cover zeigt eine Frau, die genussvoll und gedankenverloren zu seufzen scheint – ein passendes Sinnbild für die Themen des Buchs.
Marieke und Vik sind seit der Jugend ein Paar, führen eine vertraute Ehe und erziehen gemeinsam ihre Töchter. Doch hinter ihrer Harmonie liegt Stillstand: Vik begehrt seine Frau nicht mehr, was Marieke tief verunsichert. In ihrer Sehnsucht nach Nähe sucht sie den Kontakt zu einem professionellen Begleiter – ohne emotionale Bindung, nur als „Service“.
„Sie ist keine außereheliche Beziehung eingegangen – was für ein Ausdruck! –, sie hat einen Service genutzt. Wie man zum Arzt geht, zu einem Therapeuten, zur Physio.“ (Seite 349)
Doch als sie den männlichen Escort Rocco kennenlernt, geraten ihre klaren Grenzen ins Wanken.
„Gentlemen“ stellt nicht moralische Urteile in den Vordergrund, sondern fragt, ob körperliche Beziehungen ohne Gefühle funktionieren können und umgekehrt. Es geht um weibliche Selbstbestimmung, Lust und das große Tabu männlicher Unlust.
Darf eine Frau als Ehefrau und Mutter ihre Wünsche offen ausleben? Was ist in einer Partnerschaft zumutbar – und was nicht?
Besonders beeindruckend fand ich Mariekes innere Auseinandersetzung: Ihre Gedanken, Sehnsüchte und Unsicherheiten sind greifbar und tief menschlich. Ein Satz fasst das Wesen des Romans wunderbar zusammen:
„Man kann ziemlich viele Dinge im Leben allein tun. Aber um begehrt zu werden, braucht man einen anderen Menschen.“ (S. 117)
Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, wie ich selbst in Mariekes Situation handeln würde – gerade das macht den Roman so eindringlich.
Die expliziten Szenen überraschen, doch sie wirkten auf mich weniger erotisch als psychologisch – der Fokus liegt auf Mariekes innerer Entwicklung.
Als kleinen Kritikpunkt könnte man den zunächst sehr zähen Beginn anbringen, den man überwinden muss, um in die Geschichte hineinzukommen.
Anfangs zögerte ich, doch je weiter ich las, desto stärker zog mich die ruhige, analytische Erzählweise in ihren Bann.
„Gentlemen“ ist ein kluger, mutiger Roman, der Fragen aufwirft statt Antworten zu geben. Er öffnet Räume für Diskussion – über Liebe, Begehren und das Recht auf Selbstbestimmung. Eine bereichernde, fordernde Lektüre für alle, die sich trauen, hinzusehen.
Meine Bewertung:
(4,5 von 5 Sternen)
Ein klug komponiertes Buch, das berührt und herausfordert. Anfangs etwas ruhig und bedächtig, entwickelt sich „Gentlemen“ zu einer eindringlichen, vielschichtigen Untersuchung weiblicher Sehnsucht und Partnerschaft. Besonders stark: die psychologische Tiefe und die kompromisslose Offenheit der Autorin.