Das perfekte Opfer?
Die Kleinstadt Riverburg im US-Bundesstaat Maine: Rund 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Riverburg Senior High School. Hazel Greenberg Blum (18) ist neuerdings eine von ihnen. Seitdem ihr Vater ...
Die Kleinstadt Riverburg im US-Bundesstaat Maine: Rund 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Riverburg Senior High School. Hazel Greenberg Blum (18) ist neuerdings eine von ihnen. Seitdem ihr Vater Gus (49), ein Amerikanistikprofessor, eine neue Stelle angenommen hat und ihre Familie umgezogen ist, soll sie dort ihr letztes Jahr vor dem College absolvieren. Sie ist ehrgeizig und sehr motiviert. Doch schon am ersten Schultag nach den Sommerferien wird sie ins Büro des Direktors Richard White (41), genannt Dick, gerufen. Seine Forderung, mit der er sie unvermittelt konfrontiert, schockt sie: Er hat sie für eine sexuelle Beziehung auserkoren. Hazel antwortet mit „Nein“ und löst damit eine Kette von Ereignissen aus…
„Hazel sagt Nein“ ist der Debütroman von Jessica Berger Gross.
Der Roman umfasst vier Teile mit insgesamt 46 kurzen Kapiteln. Erzählt wird aus wechselnder Perspektive aus der Sicht von Mutter Claire (47), von Vater Gus, von Bruder Wolf (11) und vor allem von Hazel. Die Handlung umspannt etwa ein Jahr und spielt vorwiegend an der Ostküste der USA.
Die Sprache ist ungekünstelt und wenig spektakulär, aber anschaulich. Die Dialoge wirken authentisch. Stilistisch ist der Text durchaus abwechslungsreich, denn es sind Zeitungsartikel, Mails und andere Nachrichten eingefügt. Die Übersetzung von Angela Koonen ist nur an wenigen Stellen etwas holprig.
Sexuelle Belästigung und Übergriffe sind das Hauptthema des Romans. Dabei zeigt die Geschichte einerseits, dass solcher Vorfälle weite Kreise ziehen können. Andererseits ermutigt sie eben dazu, sich gegen die Täter zu wehren. Allerdings hätte das Thema gründlicher ausgearbeitet werden können.
Nach einigen Kapiteln geht der rote Faden stattdessen immer wieder verloren, denn die Geschichte ist mit weiteren Themen und Nebensträngen überfrachtet. Das macht den Roman zwar facettenreich. Zugleich nimmt es aber dem Hauptthema die Intensität und führt dazu, dass sich die Geschichte so verzettelt, dass mehrere offene Enden zurückbleiben.
Nicht nur Hazel, sondern auch die übrigen drei Mitglieder werden mit vielen Details beschrieben und sind mit psychologischer Tiefe ausgestattet. Ihre Gedanken und ihr Verhalten sind nachvollziehbar und lebensnah.
Auf den fast 400 Seiten weist die Handlung keine nennenswerten Längen auf. Die Geschichte hält überraschende Entwicklungen parat. Sie bleibt durchweg kurzweilig und ist größtenteils glaubwürdig. Nur zum Ende hin erscheint manches ein wenig überzogen.
Der deutsche Titel ist wortgetreu aus dem Englischen („Hazel Says No“) übertragen. Er passt sehr gut zum Inhalt. Das Cover, das das Haus der Familie zeigt, wirkt für meinen Geschmack zu harmonisch.
Mein Fazit:
Mit „Hazel sagt Nein“ hat Jessica Berger Gross eine kurzweilige Geschichte geschrieben, die ein wichtiges Thema aufgreift und mich zugleich gut unterhalten hat. Dennoch schöpft der Roman leider nicht sein komplettes Potenzial aus.